Porträt der Woche

Reporterin mit Pinsel

Malt auch heute noch: Hildegard Pufe (90) Foto: privat

Meine Kindheit in Köln kommt mir manchmal vor wie ein anderes Leben. Mein Vater hatte eine große Seidendruckerei, und ich ging auf die jüdische Volksschule. Hier lernte ich neben Kunst, Mathe, Geschichte und Deutsch auch ein wenig Hebräisch. Vor einigen Jahren ging ich bei einem Besuch in Köln auch zu meiner alten Schule und zum Grabstein meines Großvaters, Moses Goldschmidt, der ein geachteter Lehrer war. Jahrzehntelang hatte ich mich dagegen gesträubt, doch nun stand ich da, und die ganze Vergangenheit wurde wieder lebendig.

Heute wohne ich in Heidelberg. Ich habe ein kleines Apartment in einer Seniorenresidenz. Mein Mann lebt noch in unserem gemeinsamen Haus in Oggersheim, meine Töchter wohnen in der Nähe. Dieses Jahr bin ich 90 Jahre alt geworden. Aber an Ruhestand denke ich nicht. Ich war immer viel in Bewegung, bin gereist, habe Sport getrieben, gemalt und vieles erlebt.

Medaillen Ich war »malende Reporterin« bei mehreren Olympischen Spielen, Paralympics und Weltmeisterschaften – in Sydney, Nagano, Barcelona, Indianapolis und Atlanta. Als Schwimmerin bin ich ja selbst Sportlerin. Medaillen gewinne ich heute zwar nicht mehr, aber ich springe noch jeden Morgen ins Becken und ziehe meine Bahnen. Mein Alter glaubt man mir nicht, wenn man sieht, wie schnell ich bin!

Außerdem male ich, spiele Klavier und schreibe an meiner Biografie. Ich möchte etwas für die Nachfahren hinterlassen, für meine Kinder und Enkel. Man muss alles aufschreiben, sonst glaubt niemand, dass es so etwas wie mich gibt. Meine Wohnung ist ein kleines Archiv. Ich habe viele Ordner mit Zeitungsartikeln, Dankesschreiben und Erinnerungen. Damit ich nichts vergesse, habe ich mir ein paar Notizen an die Wand und an den Schrank geklebt, denn mir fällt immer wieder etwas Neues ein.

Nachdem ich vor ein paar Jahren in Köln war, suchte ich tagelang in meinen Kisten, und endlich fand ich die Fotografie, die zeigt, wie ich mit meinen Klassenkameradinnen ganz brav dasaß. Und da fiel mir wieder ein, wie meine Mutter sich darüber aufgeregt hatte, dass ich nicht neben meiner damals liebsten Freundin Ilse Bär saß, sondern neben einem Waisenkind. Mutter vermutete, dass die Lehrerin mich absichtlich nicht zu ihr gesetzt hatte, weil ich ja das einzige Kind in der Klasse aus einer sogenannten Mischehe war. Aber ich mochte dieses arme kleine Mädchen – sie tat mir leid, und ich war besonders nett zu ihr.

Meine Mutter Aya war katholisch, mein Vater kam aus einer jüdischen Familie. Religiöse Feiertage waren für meinen Bruder Manfred und mich immer etwas ganz Besonderes. Zwei Religionen in einer Familie bedeutete für uns immer: doppelt so viele Feiertage.

Chanukka und Weihnachten waren bei uns immer am selben Tag. Sie wurden festlich begangen: Im holzgetäfelten Esszimmer gab es herrliche Speisen, und im hellen Salon stand der große Leuchter. Wenn gebimmelt wurde, stürzten wir hinein, dann war Bescherung. Im Salon stand der große Bechstein-Flügel, an dem meine Mutter Weihnachtslieder spielte, und wir sangen dazu – bis die »andere Oma«, unsere jüdische Großmutter, kam. Sie marschierte würdevoll mit Päckchen unterm Arm herein, schnupperte kurz und fragte kritisch: »Ihr habt doch nicht etwa einen Tannenbaum?« Vater und Mutter sagten prompt wie aus einem Mund: »Bedenke, liebe Mutter, das Personal ...« Gnädig lächelnd und würdevoll verabschiedete sich Oma, und wir waren mit dem Auspacken beschäftigt.

Geschichte
Ich bin nicht religiös. Als Jugendliche ließ ich mich zwar taufen, und auch mein Mann ist Christ, aber in die Kirche gehen wir nicht. Einmal war ich mit einer Freundin hier in Heidelberg in der Synagoge, aber da kam mir alles fremd vor. Zu Hause fühle ich mich nur in der Kunst und im Kreis der Sportler. Aber manchmal erinnere ich meine Enkel an unsere Geschichte. Auch meine Tochter Genia, die Lehrerin ist, fragt hin und wieder und liest viel darüber. Irgendwie ist das Jüdische doch ein Teil von uns. Aber ich bin sehr vorsichtig, wem ich von meiner Geschichte erzähle, gerade hier im Seniorenheim mit den anderen alten Leuten.

Ab meinem neunten Lebensjahr lebte ich in Belgien, denn 1933 verließen wir Deutschland. Mein Vater bekam viele Drohbriefe und sah sich gezwungen, die Firma mit 150 Mitarbeitern aufzulösen. Sie galt dann als »erloschen«, sodass uns nach dem Krieg keine Entschädigung zustand. Das Leben in Belgien war nicht einfach. Mein Vater musste sich als Vertreter durchkämpfen, und meine Mutter nähte zu Hause Vorhänge und anderes. Wir hatten Glück, dass die Schulen kostenlos waren, so konnte ich nach dem Lyceum auf die Königliche Akademie der Künste in Brüssel gehen.

1940 kam die Schreckensnachricht: Deutschland hatte Belgien den Krieg erklärt. An allen Straßen waren Schilder angebracht, die forderten: »Alle Ausländer ab dem 16. Lebensjahr sollen zur Kaserne in Schaerbeek, Place Dailly, kommen. Eine Decke soll mitgenommen werden.« Die Flüchtlinge aus Deutschland hofften, dass es sich nur um eine Registrierung handeln würde und gingen hin. Auch meine Verwandtschaft – Onkel, Cousins, Schwager und eine Schwester meines Vaters. Niemand hatte einen Koffer dabei. Auch mein Vater ging hin. Unfassbar, was dann geschah!

Greis Mein Vater hat uns später, als er nach seiner Flucht aus dem Lager in Gurs wieder bei uns war, alles erzählt: Zwei Jahre war er gefangen, erst in Rivesaltes, dann in Perpignan und zuletzt in Gurs. Irgendwie ist er durch die Kanalisation entkommen und durch die Wälder geflohen, auch mit der Hilfe einiger guter Menschen. Als er vor unserer Tür stand, habe ich ihn fast nicht wiedererkannt, er sah aus wie ein abgemagerter, abgerissener Greis. Mir fällt auf, dass ich ganz selten über diese Jahre spreche. Es ist zu traurig und so lange her.

Ich habe immer schnell Freunde gefunden und versucht, anderen Menschen zu helfen – auch in unserem Fernseh- und Radiogeschäft, das mein Mann und ich in Ludwigshafen führten. Oft ließ ich die Leute in Raten zahlen, denn es war ja ein Arbeiterviertel, und nicht jeder hatte genug Geld, um einen Fernseher sofort zu bezahlen. Ich habe auch eine Bürgerinitiative mitbegründet; wir wollten das Viertel retten, als es abgerissen werden sollte.

Ich gehe gern auf Menschen zu und quassele. So bin ich auch zur Sportmalerei gekommen. Ein guter Freund von mir – er war Journalist – hat mich malen sehen und von da an zu Veranstaltungen mitgenommen. Und irgendwann traf ich dann Juan Antonio Samaranch, den Chef des Internationalen Olympischen Komitees. Ich habe ihn gemalt, und er hat mich 1992 zur Olympiade nach Barcelona eingeladen. Er dachte wohl nicht, dass ich kommen würde, denn dort wusste niemand, wer ich bin. Doch nach ein paar Tagen saß ich als Sportmalerin zwischen den Fotografen. Und so kam es, dass ich später bei vielen anderen großen Wettkämpfen dabei war.

Ich male die Sportler in Bewegung, ganz schnell in wenigen Strichen mit Aquarell. Das fanden die Leute irgendwie besonders, und viele Zeitungen haben über mich geschrieben.

Ich möchte so gern mal wieder zu einem Wettkampf fahren und malen. Aber ich habe leider mein Auto nicht mehr. Früher bin ich mit meinen Sachen im Kofferraum durch die Gegend gefahren und hielt an, wo es schön war. So bin ich eben – ich mache einfach, was ich will.

Aufgezeichnet von Veronique Brüggemann

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