Tourismus

Reise nach Aschkenas

Sein Arbeitstag beginnt, wenn er den Schlüssel aus der Hosentasche zieht. Umtost vom Lärm der Battonstraße, einer der meistbefahrenen Verkehrsschneisen in der Frankfurter Innenstadt, schreitet Yoram Inbar die Mauer des alten jüdischen Friedhofs ab. Vorbei an tausenden Namensplaketten, die die Friedhofsmauer in Erinnerung an die Frankfurter Opfer der Schoa zieren. Dort, wo die Mauer im Westen endet, befand sich bis ins 19. Jahrhundert das Frankfurter Ghetto – die Judengasse. Bis zum Zweiten Weltkrieg tobte rund um den alten Friedhof das jüdische Leben im vornehmlich orthodoxen Ostend. Außer dem nahe gelegenen jüdischen Museum erinnern heute nur noch die Überreste des mittelalterlichen Friedhofs daran – und dieser ist die meiste Zeit über geschlossen.

Kunden Doch nicht für Yoram Inbar. Der 45‐Jährige hat sich den Schlüssel besorgt, wie immer, wenn er der alten Grabstätte einen Besuch abstattet. Das schmiedeeiserne Tor schwingt auf. Es riecht nach Wald. In der Mitte des einstigen Gräberfelds stehen die verbliebenen Grabsteine eng beieinander. Von grüner Patina überzogen, teils im Boden versunken, teils in Schieflage dagegen ankämpfend, scheinen sie immer mehr Teil der Landschaft zu werden. »Man hat die Steine dort wieder aufgestellt, wo man sie gefunden hat«, erklärt Inbar. Er weiß einiges über diesen Friedhof zu berichten. Kaum verwunderlich, schließlich ist es sein Arbeitsplatz. Besser gesagt, einer von vielen. Seit drei Jahren organisiert Inbar Führungen zu jüdischen Grabstätten in ganz Deutschland – vor allem zu jenen auf denen sich Gräber bedeutender Rabbiner – Zaddikim – befinden.

»Für meine Kunden ist vor allem dieser Teil des Friedhofs interessant.« Inbar deutet auf die südwestliche Ecke der Friedhofsmauer, wo sich die Gräber prominenter Frankfurter Rabbiner wie Natan Adler, Joschua Falk oder Pinchas Halevi Horowitz befinden. Große Namen, die noch heute, zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod, in allen Jeschiwot geläufig sind. »Für viele Orthodoxe sind das Heilige und 99 Prozent meiner Kunden sind orthodox.« sagt Yoram Inbar, der auf den ersten Blick wenig Orthodoxes an sich hat. Seine Kleidung ist leger: Jeans, Turnschuhe, braunes Polo‐Shirt, an dessen Kragen lässig eine Sonnenbrille baumelt. Lediglich die schwarze Kippa, die er jedes Mal aufsetzt, ehe er geweihten Boden betritt, verrät seine Religionszugehörigkeit. Als besonders religiös würde er sich nicht bezeichnen. Und dennoch glaubt auch Inbar, dass es sich bei den Grabstätten um »besondere Orte« handelt. »Und letzten Endes geht es ja darum, was meine Kunden glauben.«

Selbstständig Seine Karriere als Fremdenführer und Organisator von Rundreisen war Inbar nicht in die Wiege gelegt. In Jerusalem geboren und aufgewachsen, entschied er sich vor sechs Jahren nach Deutschland auszuwandern. »Israel war zu klein für mich«, scherzt er, »und Deutschland ein Abenteuer. Einen Plan hatte ich nicht. Ich wusste nur, dass ich mich selbstständig machen will.« Was folgte, waren Stationen als Krankenpfleger und eine Ausbildung zum Taxifahrer. »Dann hörte ich davon, dass Leute aus aller Welt anreisen, um das Grab von Seckel Löb Wormser, dem Baal Schem von Michelstadt, zu besuchen. Das fand ich interessant.« Aus Neugier begann er die Lage weiterer jüdischer Friedhöfe in der Umgebung von Frankfurt zu recherchieren, Fotos zu schießen und diese ins Internet zu stellen. »Alles was ich darüber weiß, habe ich mir selbst beigebracht und erlesen.« Schon kurz darauf kamen die ersten Anfragen per E‐Mail. Juden aus aller Welt baten Inbar, sie zu den Ruhestätten der Zaddikim zu führen.

Mittlerweile kommen die Anfragen direkt auf sein I‐Phone. Im SMS‐Eingang stauen sich die Kurzmitteilungen. »24 Stunden am Tag, bekomme ich Anrufe und Nachrichten«, sagt Inbar. Wenn einer seiner Kunden mal wieder die Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten nicht bedacht hat, klingelt eben auch schon mal nachts das Telefon. »Denn der größte Teil meiner Kunden stammt aus den USA.«

Tag und Nacht Inbars Kunden haben auch auf dem Friedhof Battonstraße ihre Nachrichten hinterlassen. Die Gräber der großen Rabbiner sind übersät mit Steinen und Gebetszetteln. Zu ihren Füßen reihen sich längst abgebrannte Kerzen aneinander. Seit 1826 ist niemand mehr auf diesem Gräberfeld bestattet worden. Dennoch zieht es Jahr für Jahr Tausende hierher, genau wie zu den Gräbern in Michelstadt, Worms und Speyer. »Die Leute sind natürlich auch schon gekommen, bevor es mein Angebot gab«, weiß Inbar, »aber ich übernehme neben dem Transport und der Führung auch die ganze übrige Organisation.«

Für Yoram Inbar beginnt der Tag früh. Um 5.30 Uhr landet am Frankfurter Flughafen die erste Maschine aus den USA. »Viele sind auf der Durchreise oder machen einen Zwischenstopp. Das sind dann meine Stunden.« Seine Kunden werden direkt am Flughafen abgeholt und zum Ziel ihrer Wünsche gebracht. Inbar besorgt den Transport, legt bei mehrtägigen Reisen die Route fest, organisiert Unterkunft und koscheres Essen und behält dabei immer den Flugplan im Auge. »Bislang haben nur zwei Leute ihren Flug verpasst. Weil sie zu lange gebetet haben.« Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass Inbar und seine Mitarbeiter drei bis vier Tage die Woche unterwegs sind, im Schlepptau manchmal bis zu 200 Besucher aus den USA und der übrigen jüdischen Welt.

Das beliebteste Ziel ist Michelstadt, das Grab von Seckel Löb Wormser. Ein Ort, von dem auch Inbar behauptet, dass er »etwas ganz Besonderes« sei. »Es gibt Menschen, die landen vormittags in Frankfurt, besuchen Michelstadt, und fliegen abends wieder zurück«, berichtet Inbar. Nicht selten seien es persönliche oder berufliche Probleme, die die Menschen dazu veranlassten das Grab des Baal Schem zu besuchen, den 1847 verstorbenen Rabbi von Michelstadt, um um Fürsprache im Himmel zu bitten. Wundererzählungen begleiteten Seckel Löb Wormser schon zu Lebzeiten, und wurden nach seinem Tod immer zahlreicher. Auch Yoram Inbar hat mittlerweile einige auf Lager. »Ein Kunde von mir und seine Frau haben acht Jahre lang vergeblich versucht, Kinder zu bekommen. Zwei Wochen nach seinem Besuch in Michelstadt ruft er mich an und sagt: Stell dir vor! Meine Frau ist schwanger.«

Aufenthaltsgenehmigung Auch ihm selbst habe der sagenumwobene Rabbiner bereits geholfen, ist Inbar überzeugt. Noch bis vor Kurzem weigerten sich die deutschen Behörden, ihm eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung auszustellen. Vor drei Wochen schließlich konnte ihm sein Anwalt mitteilen, dass er sie erhält – zwei Tage nachdem Inbar den Baal Schem von Michelstadt um Hilfe gebeten hatte. »Als hätte er mich gehört.« Yoram Inbar verlässt den Friedhof an der Battonstraße leise und bedächtig. Er wird zurückkommen, schon in ein paar Tagen mit Besuchern aus aller Welt – es sei denn, er wäre irgendwo anders unterwegs. »Das ist mein Job – du weißt, wo die Reise anfängt, aber nicht wo sie endet.«

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