B’nai-B’rith

Region mit vielen Gesichtern

Mahnmal in Georgensgmünd Foto: Peter Guttmann

B’nai-B’rith

Region mit vielen Gesichtern

Die Münchner Loge organisierte einen Ausflug nach Nürnberg und begab sich in Georgensgmünd auf jüdische Spuren

von Ellen Presser  14.08.2017 18:10 Uhr

Im August, denkt man, ist nichts los, alle sind im Urlaub. Doch das stimmt nur bedingt. Denn für die Idee eines Tagesausflugs nach Nürnberg – angeregt von Bernhard Purin und Rachel Salamander – trommelten die B’nai-B’rith-Loge München und die Mitzwe Makers auf Anhieb fast zwei Dutzend Interessierte zusammen. Bequemer als im klimatisierten Bus, aufmerksam betreut durch Logen-Schatzmeister David Leschem, konnte man die Exkursion in die deutsch-jüdische Vergangenheit und Gegenwart nicht antreten.

Ein Besuch des Dokumentationszentrums am ehemaligen Reichsparteitagsgelände, Mittagspause bei der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und unterwegs auf jüdischen Spuren in Georgensgmünd – erkenntnisreicher hätten die drei Etappen des Ausflugs nicht sein können. Das lag auch an der wohldosierten Vielfalt der Themenschwerpunkte und dem Engagement der drei Guides. Passend zu den Orten wechselten ihre Sprachen von akkuratem Hochdeutsch über Deutsch-Jiddisch mit russischem Akzent bis zu reinstem Fränkisch.

Ausstellung Im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände ist noch bis zum 26. November die beeindruckende Sonderausstellung Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit zu sehen. Andreas Puchta, sonst im Germanischen Nationalmuseum tätig, charakterisierte den Architekten und Rüstungsminister Speer (1905–1981) pointiert als frühen Meister von »Fake News« und nach dem Untergang des NS-Regimes als PR-Genie in eigener Sache.

Speer ließ den berüchtigten Fackelzug am 30. Januar 1933 am Brandenburger Tor, bei dem der Eindruck von über 200.000 Teilnehmern entstand, mit 11.000 Statisten und nachgestellten Bildern im Sommer 1933 festhalten. An den Legenden, genauer gesagt: Lügen, er habe von den Nazi-Verbrechen nichts gewusst, strickte er schon im Nürnberger Prozess. Bestürzt registriert man, dass er mit Geld – wohl aus dem Verkauf zweier Bestseller – auch Persönlichkeiten wie dem »Nazijäger« Simon Wiesenthal Sand in die Augen streute.

Im Foyer des 2016 eröffneten neuen Gemeindezentrums erwartete der gastfreundliche Rabbiner Shimon Grossberg, der aus Uman in der Ukraine über Israel, Osnabrück und Hanau nach Nürnberg gelangte, die Reisegesellschaft. In München war die Hauptsynagoge ab 9. Juni 1938 aus »verkehrstechnischen Gründen« abgerissen worden. Der wunderschönen orientalischen Nürnberger Synagoge erging es ab dem 10. August 1938 ebenso. Ein Modell davon sowie ein Giebelstein aus dem Toraschrein der 1499 zerstörten ersten Synagoge künden von der einstigen Pracht.

malereien Dazu passte der Abstecher nach Georgensgmünd, wo eine Landsynagoge von 1735 mit Schablonenmalereien (vermutlich stammen sie von dem bedeutenden polnischen Synagogenmaler Eliezer Sussmann), zwei Mikwaot und Beständen einer alten Genisa erhalten geblieben sind; ebenso wie der 1723 angelegte Friedhof, auf dem 1948 die letzte Bestattung, die eines Holocaust-Überlebenden, stattfand.

Nachdenklich gestimmt, ergab sich für die Reisegruppe auf dem Rückweg noch ein Naturschauspiel. Die Sonne verabschiedete sich im Westen als rotgoldener Lampion.

Ferien

Unsere kleine Stadt

Mehrere Wochen trafen sich deutsche, ukrainische und israelische Jugendliche in Brandenburg zu einem Sommercamp der Initiative »J-ArtEck«. Zum Abschluss inszenierten sie eine Oper von Paul Hindemith

von Leon Stork  23.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  23.08.2026

Porträt der Woche

Mein Traum von Frieden

Yuval Halpern ist Sänger der iranisch-israelischen Band Sistanagila

von Alicia Rust  23.08.2026

Jüdisches Erbe

Leipziger Stadtrundgang zu jüdischer Musik

Mit dem »Notenbogen« erhält Leipzig einen weiteren musikhistorischen Stadtrundgang. Der Fokus soll dabei auf den Spuren »jüdischer Musik« liegen

von Joris Ufer  23.08.2026

Deutschland

Weil er sich israelsolidarisch äußerte: Mann wird mit Cuttermesser an Berliner U-Bahnhof angegriffen

Die Hintergründe

 22.08.2026

Memoiren

Und dennoch!

2012 erschienen die Lebenserinnerungen der Schoa-Überlebenden Charlotte Knobloch. Titel: »In Deutschland angekommen«. Heute sagt sie: »Ich habe mich getäuscht.« Jetzt legt deshalb ein weiteres Buch vor

von Christoph Renzikowski  21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Straßenfest

Chabad Berlin feiert 30. Jubiläum

Drei Jahrzehnte jüdisches Leben: Mit einem Straßenfest möchte eine jüdische Gemeinde in Berlin nicht nur die eigene Geschichte feiern. Es soll auch ein Blick in die Zukunft geworfen werden

 20.08.2026

Vorschau

Widderhorn im Dom und ein Hauch von »Yiddish Summer« - Festival »Shalom-Musik.Koeln«

Begegnungen, Neugier und Zuhören fördern - das wollen die Macher des Festivals »Shalom-Musik.Koeln«. Und reichlich Musik und Gesang auf die Bühne bringen. Der Verein hinter dem Festival bekommt dafür jetzt einen Preis

von Leticia Witte  20.08.2026