Jewish Women Empowerment Summit

Räume für uns

Für Frauen von 18 bis 35 Jahren: Das erste Mal fand im vergangenen Jahr ein Jewish Women Empowerment Summit statt.

Frauen können heute alles sein. Bundeskanzlerin, CEO eines IT-Konzerns, Museumsdirektorin. Unternehmen, die ein diverses Personalportfolio vorweisen, verzeichnen im Vergleich häufig größere Erfolge. Vergangenes Jahr wurde das 100-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland begangen. Seitdem sind im Zuge der Gleichberechtigung weitreichende Meilensteine erreicht worden.

Möglich ist heute für Frauen nahezu alles. Die Frage ist jedoch nicht nur, was alles für sie möglich ist, sondern wie. Ob der Weg dahin für sie nicht nach wie vor beschwerlich ist, weil Vorbilder fehlen, weil ganz bestimmte Führungskompetenzen benötigt werden, um sich in Kontexten zu behaupten, in denen die Atmosphäre und die Arbeitsweise von einer von Männern geprägten Kultur dominiert werden. Was sie sich gefallen lassen müssen, was hingenommen werden muss, welche Kompromisse gemacht werden müssen.

Die Frage ist auch, ob es mit Gleichberechtigung getan ist, ob diese auch tatsächlich Freiheit bedeutet und ob das Ziel einer emanzipatorischen Bewegung heute nicht nur formale Gleichrangigkeit sein sollte, sondern eine solidarische Gesellschaft.

Die Tatsache, dass junge Frauen heute mehr können und dürfen, baut auch enormen Druck auf.

Diese und viele weitere Fragen stellen sich junge Frauen heute, die einerseits alle Möglichkeiten vor sich haben und dennoch die Hürden spüren, um das Gleiche zu erreichen wie ihre männlichen Kollegen, ihre Partner, ihre Brüder, ihre Freunde und Kommilitonen.

Aber nur weil Frauen heute alles erreichen können, müssen sie es deshalb auch? Die Tatsache, dass junge Frauen heute mehr können und mehr dürfen denn je, baut auch einen enormen Druck auf.

Dieser ist nicht nur ein subjektives Gefühl. Im Berufsleben, insbesondere je höher die Stufe auf der Karriereleiter ist, müssen Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen desto mehr Leistung erbringen, um das Gleiche zu erreichen – den gleichen Status, die gleiche Anerkennung, die gleiche Vergütung. Denn angekommen ist ein normalisiertes Bild von Frauen in unterschiedlichsten Positionen und Feldern längst nicht. Bereichsübergreifend wird ihnen zu verstehen gegeben, dass sie sich beweisen müssen.

Karriere Führung ist an dieser Stelle außerdem insofern ein interessantes Thema, als dass es in der Karrierewelt als die erstrebenswerte Maxime verstanden wird. Was aber, wenn es niemanden vor mir gab, die mir ein Führungsmodell vorgelebt hat, mit dem ich mich identifizieren kann, wenn es schlicht niemanden wie mich vor mir gab?

Berufe, in denen vorwiegend Frauen tätig sind, bleiben unattraktiv für Männer.

Die Themen von Führung und Macht sind im öffentlichen Sprechen über Gleichberechtigung sehr präsent, sie betreffen allerdings nur einen Bruchteil aller Frauen. Nach wie vor herrscht ein Bild vor, in dem Aufstieg mit Sphären in Verbindung gebracht wird, die auch heute noch vorwiegend von Männern besetzt sind.

Berufe, in denen vorwiegend Frauen tätig sind, bleiben hingegen unattraktiv für Männer. Man assoziiert sie mit sozialem Abstieg, mit Gehältern, die keine Familie ernähren können. Dabei haben uns die vergangenen Monate gezeigt, dass ebendiese Berufe vor allem eines sind: systemrelevant.

Interessen Deshalb ist es mindestens genauso wichtig, Repräsentation für die Interessen, Lebensentwürfe und Anliegen all jener zu gewährleisten, die weniger Gehör finden, aber eben die Mehrheit sind, auch in der jüdischen Gemeinschaft.

Junge Frauen möchten heute vor allem eines nicht: sich zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Manche haben diese Wahl auch schlicht nicht. Frauen wollen sich verwirklichen und nicht nur um Vereinbarkeit ringen. Sie wollen ihren Weg selbstbestimmt gestalten, und zwar in Form vielfältiger Lebensentwürfe.

Existenz Allein oder getrennt erziehend zu sein, ist heute ein Familienmodell. Um dieses Modell jedoch ohne eine prekäre finanzielle Existenz verwirklichen zu können, reicht eine mäßig vergütete Teilzeitstelle schon lange nicht mehr.

Um dieses Modell zu leben, ohne diskriminiert zu werden, braucht es ein offeneres Verständnis einer diversen Gemeinschaft. Es geht nicht nur darum, ob eine Frau Bundeskanzlerin werden kann. Es geht darum, ob eine Frau heute unabhängig existieren kann, ob unterschiedliche Modelle auch in der Praxis funktionieren.

Die Realität zeigt, dass dies häufig nicht der Fall ist. Das ist besonders in der Corona-Krise zu beobachten. Frauen übernahmen mehr Care-Arbeit als sonst, schraubten in ihrem beruflichen Kontext erheblich mehr zurück als ihre männlichen Lebenspartner. Das System ist fragil, und die nachhaltige Veränderung steckt in den Kinderschuhen.

Antisemitismus, der sich gegen jüdische Frauen richtet, geht häufig mit Sexismus und verbaler geschlechtsbezogener Gewalt einher.

Hinzu kommen Faktoren, die Frauen einen solchen Weg erheblich erschweren. Übergriffigkeit und Belästigung bleiben trotz Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz in den häufigsten Fällen ungeahndet, weil in vielen Kontexten, ob in beruflichen oder privaten Situationen, die Instanzen fehlen, die weitreichende Konsequenzen durchsetzen.

Wachstum Und weil es bis heute zu wenige Räume gibt, in denen aufgeklärt und darüber gesprochen wird, was angemessen und erlaubt ist und was nicht.

Aus einer Bildungsperspektive ist es unsere Aufgabe, Räume für persönliches und gemeinsames Wachstum zu schaffen, Austausch zu gewährleisten und aufzuzeigen, an welchen Stellen die Zugänge zu weiblichen jüdischen Vorbildern verstellt wurden, weil in der Geschichtsschreibung unserer Gemeinschaft die Frauen, die eine erhebliche Rolle für den Fortschritt gespielt haben, immer wieder ausgeblendet wurden.

Die Schoa tat ihr Übriges: So viele wichtige Figuren, wie Hannah Karminski und Regina Jonas und unzählige weitere, wurden aus unserem kollektiven Gedächtnis ausradiert. Heute wissen nur wenige, wie viel wir als jüdische Gemeinschaft in Deutschland und weltweit diesen Frauen zu verdanken haben. Sie bleiben stille Heldinnen.

Fortschritt Wichtig ist festzuhalten: Gesamtgesellschaftlicher Fortschritt war und ist bis heute eng mit den Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen verbunden, und Frauen haben durch ihr Engagement große gesellschaftliche Fortschritte herbeigeführt, nur wissen wir häufig zu wenig von ihnen.

Gesamtgesellschaftlicher Fortschritt ist bis heute eng mit den Freiheiten von Frauen verbunden.

Warum sind diese Räume speziell für junge Frauen so wichtig? Jüdische Studierendenverbände weltweit benennen seit Jahren, dass auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die gleichen Phänomene weit verbreitet sind, mit denen junge Frauen auch in anderen alltäglichen Kontexten zu kämpfen haben: Sexismus wird geduldet und verharmlost, gezielte Förderungsmöglichkeiten fehlen, ein antiquiertes idealisiertes und starres Bild wird aufrechterhalten, junge Frauen in Führungsrollen werden nicht ernst genommen.

Und es gibt noch einen weiteren Punkt, der innerhalb der jüdischen Gemeinschaft besprochen werden muss: Antisemitismus, der sich gegen jüdische Frauen richtet, geht häufig mit Sexismus und verbaler geschlechtsbezogener Gewalt einher. Dieser Zusammenhang bedeutet auch, dass jüdische Frauen einer zusätzlichen Form der Diskriminierung ausgesetzt sind. Diese bricht sich vor allem gegenüber jungen jüdischen Frauen ungehemmt im Internet Bahn.

Lebensrealität Die Themen, die Menschen in der jüdischen Community beschäftigen, sind in vielerlei Hinsicht ein Abbild der Gesamtgesellschaft. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass der gemeinschaftliche Raum für die Verhandlung vielfältiger Themen genutzt wird. Möchten wir uns auch nach außen hin nicht nur über Antisemitismus, den Nahostkonflikt und den Holocaust als Themen, die uns zu Juden und Jüdinnen machen, definieren lassen, so müssen wir in unseren eigenen Identitäten auch Räume für Auseinandersetzungen schaffen, die über diese Projektionen hinausgehen, die die Lebensrealitäten jüdischer Menschen widerspiegeln.

Wir brauchen Männer, die nicht mehr übersehen, wenn auf dem Bild eines repräsentativen Gremiums keine Frau zu sehen ist.

Aus der Rückmeldung vieler Teilnehmenden des Jewish Women Empowerment Summit 2019 ging hervor, dass viele sich zuvor noch nicht mit dem Thema Feminismus beschäftigt hatten, jedoch bereits häufig wahrgenommen hatten, dass ihnen ein Raum im jüdischen Kontext fehlt, in dem offen besprochen werden kann, wie sie Schnittstellen ihrer Identitäten als Frauen und Jüdinnen selbstbestimmt und losgelöst von klassischen Rollenbildern behandeln können. Die Unsicherheit darüber, welche Themen nun in die jüdischen Institutionen gehören und welche nicht, ist an vielen Orten präsent.

SAfe SPACE Hinter der gemeinsamen Veranstaltung steckt die Vorstellung, dass die jüdische Gemeinde auch für eine junge Altersgruppe ein großes Potenzial hat: Sie kann ein bedeutsames und unterstützendes Netzwerk sein, sie kann einen Safe Space darstellen und inspirierend wirken. Hierfür muss sie aber die Lebensrealitäten junger jüdischer Menschen abbilden können und anerkennen, dass sie ihre eigenen Themen haben, die für sie für eine starke, diverse und selbstbewusste jüdische Gemeinschaft im Kontext einer divers aufgestellten Zivilgesellschaft wichtig sind. Und ja, dazu gehören Chancengleichheit, faire Repräsentation, Sicherheit und Empowerment.

Für eine tatsächlich vollendete Gleichberechtigung haben wir sowohl in der jüdischen Gemeinschaft als auch gesellschaftlich noch viel zu tun: Wir brauchen Räume, die die persönliche und professionelle Entfaltung von Frauen aktiv unterstützen.

#MeToo Wir brauchen Männer, die nicht mehr übersehen, wenn auf dem Bild eines repräsentativen Gremiums keine Frau zu sehen ist. Wir brauchen Netzwerke, die nicht nur bereichernd, sondern auch solidarisch sind. Wir dürfen nicht mehr über #MeToo schweigen. Wir sollten gemeinsam die Altlasten überdenken, die viele schon längst von den Institutionen entfremdet haben. Und es wird Zeit, dass wir die Rolle der Frau selbst bestimmen.

Laura Cazés ist Referentin für Verbandsentwicklung bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Sabena Donath ist Leiterin der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland.

Bis zum 6. September findet in Frankfurt am Main das zweite Jewish Women Empowerment Summit für jüdische Frauen zwischen 18 und 35 Jahren statt. Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Bildungsabteilung im Zentralrats der Juden mit der ZWST und der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

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