Wedding

Premiere im Problembezirk

Ich kann jetzt wohl in Rente gehen«, erklärt Arye Sharuz Shalicar lachend nach der Uraufführung von Liebe, Gangs & Graffiti am Oberstufenzentrum für Kommunikations‐, Informations‐ und Medientechnik (OSZ KIM) im Berliner Bezirk Wedding.

»Erst Alija nach Israel machen, dann Pressesprecher bei der israelischen Armee werden und im Alter von 33 Jahren eine Autobiografie schreiben, die nun auch noch als Theaterstück auf der Bühne gezeigt wird – was kann man im Leben noch mehr erreichen?«

Für ihn, den Juden mit iranischen Wurzeln, der aber nie sonderlich religiös eingestellt war, ist die Aufführung eine sehr persönliche und zugleich emotionale Angelegenheit. Immerhin sei er im Wedding aufgewachsen, sagt Shalicar. »Und das hier war meine alte Schule, wo ich 1997 Abitur gemacht habe.«

karriere Auch schien seine spätere Karriere nicht wirklich vorgezeichnet. Denn als Teenager war er ein Sprayer, Dealer und Messerstecher – kurzum, ein klassischer Kleinkrimineller. »Tagsüber Schüler auf dem Gymnasium und abends mit den Jungs von der Gang um den Block gezogen und krumme Dinger gedreht«, sagt er rückblickend.

Mit einem Bein habe er immer im Gefängnis gestanden. Das Ungewöhnliche: »Ich war damals der einzige Jude unter sehr vielen Muslimen – die Mehrheit waren Türken, Araber, Kurden, Palästinenser oder Libanesen«, erinnert sich Shalicar. »Und als das publik wurde, hatte ich ein ernstes Problem. Ich musste Stärke zeigen und mich ständig beweisen.«

Einige seiner Weggefährten von einst radikalisierten sich, gingen sogar nach Syrien und kämpften für den IS. Andere dagegen schlugen einen eher bürgerlichen Lebensweg ein. »Alles, was ich später im Nahen Osten sah, hatte ich auf die eine oder andere Weise bereits im Wedding erlebt.«

kumpels Mit manchen seiner früheren Kumpels steht Arye Sharuz Shalicar aber selbst heute noch in engem Kontakt – so wie mit Sinan, der mit Freundin eigens zur Première erschienen ist. Daran hat auch seine Arbeit als Pressesprecher der israelischen Streitkräfte nichts geändert.

Die Begrüßungen fallen herzlich aus wie eh und je. »Aber ab und zu erreichen mich auf Facebook Nachrichten mit Drohungen von Arabern aus dem Wedding, die mich noch von früher kennen«, erzählt er. »Ich soll mich bloß nicht wieder hier im Kiez blicken lassen, heißt es dann.« Ihnen möchte er lieber nicht begegnen.

Über seine Jugend im Wedding und wie es war, als Jude oftmals ausgegrenzt und mit dem Antisemitismus der muslimischen Migrantenkinder konfrontiert zu werden, schrieb er 2010 unter dem Titel Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude, ein Buch, das nun Grundlage für das Bühnenstück geworden ist.

Gespielt wird es von 14 Schülern des OSZ KIM, Shalicars alter Schule. Die meisten von ihnen sind selbst Kinder muslimischer Migranten, einer stammt sogar aus Vietnam. »Es war eine Art Work in Progress«, beschreibt Regisseur und Bundesfilmpreisträger Damir Lukacevic, auf den die Initiative für die Inszenierung zurückgeht, die Entstehungsgeschichte des Stücks.

buch 2011 hatte er Arye Sharuz Shalicar in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aus seinem Buch lesen hören und kennengelernt. Daraus erwuchs der Gedanke, aus dem Stoff ein Theaterstück zu machen, das nun in Zusammenarbeit mit der Schule in die Realität umgesetzt wurde. »Kontinuierlich feilten die Jugendlichen an den Dialogen und ließen ihre Ideen in die Handlung mit einfließen. Es spiegelt daher auch genau ihre Sprache wider.« Keine einfache Sache, denn alle sind mitten im Abi‐Stress. Trotzdem ist niemand abgesprungen.

Seit September arbeiten die Schüler an dem Projekt. Regelmäßig sei es bei den Proben zu Diskussionen darüber gekommen, wie die Muslime gezeigt werden, und ob der Jude nur ein Mobbing‐Opfer sei. »Auf diese Weise entwickelte sich peu à peu die Geschichte weiter«, sagt der Regisseur.

Auch einige Begrifflichkeiten mussten vorab geklärt werden. So lernten die Schüler etwa, dass es kein »Judenstern« ist, der da an der Kette des Protagonisten hängt, sondern dass er »Davidstern« heißt. Shalicar brachte dem Regisseur großes Vertrauen entgegen, dass das, was auf der Bühne passieren sollte, immer noch seine Geschichte bleibt. »Zudem ist das Ganze mit einer ordentlichen Portion Humor angereichert«, sagt Lukacevic.

Die Dialoge und die Interaktion zwischen den Akteuren stehen denn auch eindeutig im Mittelpunkt des Geschehens. Das Bühnenbild selbst ist äußerst minimalistisch gehalten, nur einige leere Getränkekisten, die immer wieder neu arrangiert werden, dienen als Deko und Ausstattung. Die Rolle von Arye Sharuz Shalicar übernehmen abwechselnd zwei männliche Jugendliche, die immer wieder eine Frage in den Mittelpunkt rücken und damit zur Diskussion stellen: Zählt nur die Herkunft oder eher der Charakter eines Menschen?

Reaktionen Das Resultat stieß jedenfalls nicht nur beim Publikum auf Begeisterung, sondern auch beim Ideengeber. »Ich habe mich total in meine Vergangenheit zurückversetzt gefühlt«, erklärt ein sichtlich bewegter Arye Sharuz Shalicar, der nach der Aufführung alle Schauspieler herzlich umarmt.

»Die Jungs und Mädels auf der Bühne können den Wedding wirklich voll authentisch rüberbringen.« Zwischen ihm und den Schülern kommt es sofort zu Diskussionen. Und weil einer der Schauspieler gleichfalls iranischer Herkunft ist, sprechen beide miteinander Persisch.

Berührungsängste oder gar Vorbehalte gibt es offensichtlich nicht gegen den Israeli. »Ich selbst stamme aus Neukölln«, sagt Hüseyin Çelik, einer der Darsteller. »Da kann die Sicht auf Juden oder gar Israel manchmal schon etwas einseitig ausfallen. Durch die Teilnahme an dem Theaterprojekt habe ich ein paar neue Einblicke gewonnen.« Das kann gewiss nicht schaden. Und es soll weitergehen, verrät Damir Lukacevic. Er plant nun eine Verfilmung des Stoffes.

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