Ukraine-Krieg

Plötzlich koscher

Helfen, wie und wo es geht: Die nigerianischen Studierenden in Neukölln zusammen mit Rabbiner Jeremy Borovitz Foto: Chris Hartung

Vor über drei Monaten kannte Emmanuel Akande noch keinen Juden persönlich. Heute sagt er, als sei es für ihn das Selbstverständlichste der Welt: »Das Beste am Zusammenleben mit Juden ist, Purim zu feiern.« In der Zeit dazwischen hat der nigerianische Medizinstudent viel erlebt: Krieg und Flucht, aber auch große Hilfsbereitschaft und das unerwartete Eintauchen in einen jüdischen Alltag.

Die ungewöhnliche Geschichte, die er mit sechs weiteren jungen Erwachsenen aus Nigeria teilt, begann in der Nacht vom 24. Februar – dem Tag, an dem die russische Armee die Ukraine überfiel. »Ich konnte in der Ferne das Licht der Explosionen sehen«, beschreibt der 19-Jährige den Moment, in dem ihm klar wurde, dass er aus Kiew fliehen musste. So wie viele andere junge Nigerianer auch hatte Akande nach der Schulzeit die Entscheidung getroffen, im Ausland zu studieren. Seine Wahl fiel auf die Medizinische Universität in Kiew, an der er im Herbst vergangenen Jahres sein Studium aufnahm. Kiew habe ihm gut gefallen, nur kalt sei es im Winter gewesen – »bis zu minus 20 Grad!«.

FLÜCHTLINGE Angst habe er in dieser Februarnacht wenig gespürt, sagt Akande. »Ich war aber traurig, hier alles verloren zu haben.« Am ersten Morgen nach Kriegsbeginn machte er sich von seinem Studentenwohnheim aus auf den Weg zum Kiewer Hauptbahnhof. Dort fand sich die Schicksalsgemeinschaft zusammen, deren Teil Akande von nun an sein sollte: sieben nigerianische Studierende zwischen 16 und 22 Jahren, darunter neben Akande selbst auch seine Verwandte, Esther Alao. Alle gemeinsam stiegen sie in einen Zug Richtung Westen.

Rabbiner Jeremy Borovitz fasste einen Entschluss: Er wollte helfen, so gut er konnte.

Zur gleichen Zeit in Berlin war Rabbiner Jeremy Borovitz in großer Sorge – er fürchtete um ihm nahestehende Menschen. »Ich habe einige Jahre in der Ukraine gelebt und habe dort viele Freunde«, erzählt er. Als sich abzeichnete, dass ukrainische Flüchtlinge auch nach Deutschland kommen, fasste er sofort einen Entschluss: Er wollte helfen, so gut er konnte.

Seit ein paar Jahren lebt Borovitz mit seiner Frau, der Rabbinerin Rebecca Blady, in Berlin, wo sie gemeinsam den deutschen Standort der internationalen jüdischen Studentenorganisation »Hillel« gegründet haben. Im Norden des Berliner Stadtteils Neukölln leiten sie seitdem ein kleines Zentrum, in dem junge Jüdinnen und Juden zusammen lernen, beten und feiern. Anfang März wurde es zusätzlich zu einer Flüchtlingsunterkunft – einem »Hostel«, wie Borovitz es nennt.

Nach einer mehrtägigen Zwischenstation in Polen war die kleine Gruppe nigerianischer Studenten am Berliner Hauptbahnhof angekommen. »Wir hatten keine Ahnung, was wir in dieser Stadt tun sollen«, beschreibt Emmanuel Akande die Ungewissheit, die sie spürten. Doch als ein freiwilliger Helfer ihre Situation in einer Telegram-Gruppe zur Koordinierung von Flüchtlingsunterkünften beschrieb, las auch Rabbiner Borovitz mit.

Der erste Gedanke, den seine Frau und er hatten: »Ok, das sind die Menschen, die wir aufnehmen.« Für ein paar Tage würden sie die sieben Studenten schon beherbergen können, dachten sich die beiden. Es sollten sechs Wochen werden.

KOSCHER»Das war ein echtes Abenteuer«, resümiert Borovitz diese Zeit. Für die geflüchteten Nigerianer waren Rabbinerin Blady und er die ersten Juden, mit denen sie zu tun hatten – und plötzlich lebten sie in einem Haushalt, in dem die jüdischen Gesetze eingehalten werden, in dem es eine koschere Küche gibt.

»Es gab anfangs ein paar Vorfälle«, sagt Borovitz schmunzelnd. »Den ein oder anderen Teller mussten wir wegschmeißen.« Doch die jungen Erwachsenen aus Nigeria lernten bald, welches Geschirr für welche Lebensmittel benutzt wird, was es mit Kaschrut, Schabbat und Hawdala auf sich hat. Ihnen, die alle aus christlichen Familien kommen, eröffnete sich eine neue, unbekannte Welt.

Für die 19-jährige Esther Alao, die ebenfalls in Kiew Medizin studierte, waren die Wochen mit den beiden Rabbinern eine »sehr coole und sehr interessante Erfahrung«. Fasziniert war sie von den vielen Büchern auf Hebräisch, »die für mich keinen Sinn ergaben«.

»Es ist unglaublich, dass Menschen, die einen vorher nicht kannten, so viel für einen tun.«

Emmanuel Akande

Fasziniert war sie auch von den Bräuchen an Purim, die sie bei einer Feier in ihrem temporären Zuhause selbst erleben konnte.

Esther, die ihren Namen mit der Purim-Heldin teilt, zeichnet das Bild einer sehr turbulenten Party: sehr viele kostümierte Menschen, jede Menge Cocktails und ein Rabbiner, der die Megilla in rasanten 15 Minuten vorliest. Ihr Verwandter Akande fasst den Abend so zusammen: »Es war total verrückt.«

ZUKUNFT Für die beiden nigerianischen Teenager hat sich mittlerweile eine langfristige Perspektive, in Deutschland zu bleiben, ergeben: Sie leben jetzt in Fulda, um an der dortigen Hochschule ihr Studium weiterzuführen. Auch um das Fortkommen ihrer fünf Gefährten haben sich Jeremy Borovitz, Rebecca Blady sowie viele weitere Helfer bemüht: Sie alle haben eine sichere Unterkunft und planen derzeit ihre Zukunft.

Für die beiden Minderjährigen in der Gruppe wurde ein Studienplatz in den USA sowie eine Pflegefamilie vor Ort organisiert. Aktuell läuft ein Fundraising, um ihre Studiengebühren zu finanzieren. Akande ist baff angesichts dieser Hilfsbereitschaft: »Es ist unglaublich, dass Menschen, die einen vorher nicht kannten, so viel für einen tun.«

FAMILIE Für Jeremy Borovitz, der in den USA geboren und aufgewachsen ist, steht sein Handeln in einem größeren Zusammenhang: Er möchte etwas zurückgeben. Seine Vorfahren »waren alle Immigranten«, erzählt er. In den vergangenen Wochen musste er oft an sie denken. »Wie viele Menschen müssen ihnen damals auf ihrem Weg geholfen haben?« Er ist überzeugt: Ohne die zahllosen kleinen und großen guten Taten Fremder hätte seine Familie nie eine neue Heimat gefunden.

Spenden unter: www.basehillel.de/supportafricanstudents

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