Gedenken

»Papa! Sind abgeholt«

Zahlreiche Überlebende, unter ihnen Margot Friedländer (M.), versammelten sich am Montag an der Gedenkstätte. Foto: Uwe Steinert
Weiße Rosen zum Gedenken Foto: Uwe Steinert
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender nahmen an der Gedenkveranstaltung am »Gleis 17« teil. Foto: Uwe Steinert

In 186 Zügen wurden die Berliner Juden in die Ghettos von Łódz und Warschau, in die Lager Auschwitz und Theresienstadt gebracht. Der erste Zug ging am 18. Oktober 1941 von Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald ab, zusammengepfercht in den Waggons waren 1013 Menschen.

Auf den Tag genau 80 Jahre danach sind an diesem Ort zahlreiche Menschen versammelt, darunter Überlebende, Angehörige von Deportierten sowie bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede und ist dabei umringt von Kameraleuten und Journalisten. An diesem Tag steht das »Gleis 17« im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Lange Zeit war das aber nicht so.

gedenkstätte Erste Anläufe, das Gleis 17 zu einem Ort des Gedenkens zu machen, schlugen fehl: 1953 wurde erstmals auf dem Gelände direkt neben dem S-Bahnhof Grunewald eine Gedenktafel angebracht; kurz darauf wurde sie aus unbekannten Gründen wieder entfernt. Die zweite Tafel, 20 Jahre nach der ersten aufgestellt, wurde gestohlen.

Eine größere Bedeutung als Gedenkort bekam das Gleis 17 erst 1991 mit der Enthüllung eines Mahnmals des polnischen Künstlers Karol Broniatowski. Sein Werk besteht aus einer großen Betonwand, darin schemenhaft und verfremdet die Abdrücke menschlicher Körper. Im Auftrag der Deutschen Bahn AG kam 1998 dann der heute bekannteste Teil der Gedenkstätte hinzu, der auf einem Entwurf der Architekten Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel basiert. Entlang des alten Bahnsteigs wurden 186 gusseiserne Platten verlegt – eine für jeden Zug, der seine Insassen zu dem Ort ihrer Ermordung fahren sollte. Auf jeder Platte sind Datum, Anzahl der Beförderten sowie Start- und Zielort vermerkt. Da heißt es zum Beispiel: »2.4.1942 / 641 Juden / Berlin – Warschau«.

»Nie wieder darf ein Zug von Gleis 17 abfahren«, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Auch wenn heute der Ort, an dem die Deportation der Berliner Juden begann, in seiner historischen Bedeutung klar gekennzeichnet ist, konstatierte Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede: »Grunewald, Gleis 17 – das hört sich so unscheinbar an.« »Nur wer weiß, welche tragische Geschichte sich hinter dieser Ortsangabe verbirgt, der weiß auch, wie wesentlich dieser Ort für das abgründige, grauenhafte Geschehen steht, dessen wir heute gedenken.« Steinmeier erinnerte auch an die Person, die noch einmal die zentrale Rolle von Gleis 17 unterstrichen hatte: Inge Deutschkron regte 2011 an, an diesem Ort jährlich mit einer Gedenkveranstaltung an die Deportation von 50.000 jüdischen Kindern, Männern und Frauen zu erinnern.

Seitdem findet das Gedenken immer am 18. Oktober statt, stets in Anwesenheit von Vertretern der Berliner und bundesdeutschen Politik. Wer dieses Jahr, am 80. Jahrestag des Ereignisses, allerdings nicht teilnehmen konnte, war Inge Deutschkron selbst. Die 99-Jährige ist seit ein paar Jahren pflegebedürftig.

stadtgesellschaft Das Anliegen Deutschkrons, das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an diejenigen, die Widerstand geleistet haben, zu pflegen, wird von ihrer eigenen Stiftung fortgeführt. Die »Inge Deutschkron Stiftung« gehört auch zu den ausrichtenden Organisationen der Gedenkveranstaltung am Gleis 17, ebenso wie die »Ständige Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum«.

Das Anliegen Inge Deutschkrons, das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus und an diejenigen, die Widerstand geleistet haben, zu pflegen, wird von ihrer eigenen Stiftung fortgeführt.

Deren Vorsitzender, Axel Drecoll, hielt an diesem Tag auch die Begrüßungsansprache. Drecoll betonte, dass an der Entrechtung und Enteignung der Juden nicht nur staatliche Institutionen beteiligt waren, sondern auch die Berliner Stadtgesellschaft. »Das zeigt, wie schnell sich ein gesellschaftliches Klima verändern kann«, erklärte er. Umso mehr gelte es, stets humanistische Werte und universale Menschenrechte hochzuhalten.

schuld Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der nach Drecoll sprach, machte deutlich, dass man bei einem solchen Anlass die Probleme der Gegenwart ansprechen müsse: »Unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sind immer wieder und immer stärker antisemitischen Hetzreden und Angriffen ausgesetzt.« Nicht nur trügen die Deutschen immer noch an der Schuld, die die Täter und Unterstützer des planmäßigen Mordes an den Juden auf sich geladen haben. Auch heute müsse man dem Hass gegen Juden entschieden entgegentreten: »Nie wieder darf Antisemitismus einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Nie wieder darf ein Zug von Gleis 17 abfahren.«

Zugleich betonte Steinmeier, dass bei allem Bezug zur Gegenwart bei Gedenkveranstaltungen dieser Art das Andenken und die Würde der Opfer des Nationalsozialismus im Zentrum stehen müsse: »Sie alle waren Geliebte, Partner, Eltern und Kinder, sie alle hatten eine Heimat und eine Familie, die sie liebten.«

Das Schicksal einzelner Deportierter hervorzuheben und nicht in der schieren Zahl von Opfern untergehen zu lassen, hat sich die jährliche Gedenkveranstaltung am Gleis 17 zum Prinzip gemacht. Jedes Jahr stehen ausgewählte Berliner Juden im Zentrum des Erinnerns.

sammellager Diesmal war es zum Beispiel die Familie Scheurenberg, die 1943 nach Theresienstadt deportiert wurde. Die Schauspieler Alice Dwyer und Sabin Tambrea erzählten in einer Lesung von den letzten Tagen vor der Verschleppung der Familie. Im März 1943 wurden Mutter Lucie und Sohn Klaus vor ihrer Deportation in ein Sammellager in der Großen Hamburger Straße gebracht. Ein kleiner, handschriftlicher Zettel führt vor Augen, welches Drama sich für die Familie an diesem Tag abgespielt haben muss. Sohn Klaus schreibt an seinen Vater: »Papa! Sind abgeholt. Komme sofort nach zur Gr. Hamburger. Klaus und Mama.«

Die drei wurden 1945 von der Roten Armee befreit. 55.000 der einstmals 160.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden von Berlin überlebten den Krieg jedoch nicht. Um den Toten und Überlebenden gerecht zu werden, haben sich die Gestalter des Mahnmals Gleis 17 ein besonderes Symbol ausgedacht: Mitten durch die Schienen wachsen Bäume, die verhindern sollen, dass jemals wieder Menschen von hier in den Tod gefahren werden.

Mehr Informationen unter www.orte-der-erinnerung.de

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