Köln

Nur ohne Kippa? Irritation um angeblichen Rat der Polizei

Foto: dpa

Köln

Nur ohne Kippa? Irritation um angeblichen Rat der Polizei

Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde: Entsprechende polizeiliche Empfehlung gibt es nicht

 01.11.2022 13:24 Uhr Aktualisiert

Drei Tage nach dem Angriff zweier Männer auf einen Kippa-Träger auf der Schildergasse in der Kölner Innenstadt ist der Schock nach wie vor groß.

Dem 25-jährigen Täter wird Körperverletzung zur Last gelegt, er wurde aber in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Fahndung nach dem inzwischen identifizierten zweiten Tatbeteiligten, einem in Bremen gemeldeten Syrer, gegen den wegen des Vorwurfs der Beleidigung sowie der Volksverhetzung ermittelt wird, dauert noch an.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Hintergrund des Angriffs auf den laut Polizei 22-jährigen jüdischen Iraker dürfte Folge seiner Bemühungen gewesen sein, einem Ladendetektiv bei der Festnahme eines mutmaßlichen Ladendiebs zu helfen. Als der Iraker der Bitte um Hilfe nachkam, soll einer der beiden syrischen Tatverdächtigen ihn mit Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt beleidigt haben.

Der zunächst festgenommene 25-Jährige soll dem jungen Iraker zudem mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, heißt es in der Mitteilung der Polizei.

REAKTION »Wir haben den Staatsschutz kontaktiert, aber noch keine Rückmeldung erhalten«, sagt David Vymyslicky von der Meldestelle Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW), die seit September 2020 eine eigene Meldestelle in Köln unterhält. Es habe sich gezeigt, »dass es innerhalb der Kölner Stadtgrenzen immer wieder zu körperlichen Angriffen auf Menschen mit Kippa kommt, allein zwei Angriffe seit September 2020«.

Er wisse aus Gesprächen, dass sich solche Vorfälle auf das Verhalten der Kölner Jüdinnen und Juden auswirkten, etwa indem die Kippa nur noch unter der Mütze oder der Davidstern nur unter der Kleidung getragen würden. »Das eigentlich sehr lebendige Judentum in Köln wird durch solche Angriffe weiter unsichtbar gemacht«, betont Vymyslicky.

STAATSKANZLEI »Köln ist ja eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland und hat jetzt eine eigene Meldestelle. Wenn man deren Bericht liest, haben wir in Köln eine ziemliche Häufung von antisemitischen Vorfällen in unterschiedlicher Form, und natürlich verbreiten solche Angriffe Angst, der irakisch gebürtige Kippa-Träger wollte ja helfen und wird dann in dieser Form angegriffen, das ist absolut zu verurteilen«, sagt die Antisemitismusbeauftragte in NRW, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

»Ich hoffe, man findet den zweiten Tatverdächtigen bald, und ich hoffe auch, dass wir in Kürze Informationen bekommen.« Die Polizei sei sehr aufmerksam. »Aber das Schlimme daran ist ja, das haben wir auch bei anderen Vorfällen etwa in Berlin erlebt, dass manche sagen: Ich trage die Kippa nicht mehr, weil ich mich zusätzlich einer solchen Gefahr aussetze. Und das treibt mich um«, so Leutheusser-Schnarrenberger. Man könne nicht die absolute Sicherheit auf der Straße garantieren, auch eine noch so aufmerksame Polizei könne das nicht leisten.

»Wenn ich einen Davidstern trage und angegriffen werde, dann habe ich nicht Anlass gegeben zu der Tat.«

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, NRW-Antisemitismusbeauftragte

Mit den RIAS-Stellen werde bereits viel dokumentiert, registriert und Präventionsarbeit geleistet, um sichtbar zu machen, wie die Gefahrenlage ist, führt Leutheusser-Schnarrenberger aus. Diejenigen, die nicht zu den Betroffenen zählen, dürften nicht zusehen, wenn sich ein derartiger Vorfall ereignet.

GEMEINDE Der angegriffene Iraker sei aller Wahrscheinlichkeit nach kein Mitglied der Gemeinde, sagt unterdessen Mark Frenkel, Vorstand der Jüdischen Gemeinde Köln e.V.. »In Köln ist es tatsächlich so, dass es eine Empfehlung der Polizei gibt, die Kippa nicht in der Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt den juristischen Begriff der ›Zweckveranlassung‹. Das Tragen der Kippa kann also Zweckveranlasser sein, und es wird geraten, eine neutrale Kopfbedeckung wie einen Hut oder eine Kappe zu tragen. Wahrscheinlich wusste das der Iraker nicht.«

Dazu sagt Leutheusser-Schnarrenberger: »Dass das jetzt die Begründung ist, kann ich mir in dieser Klarheit nicht vorstellen. Wenn ich eine Kippa oder eine Kette mit Davidstern oder ein Kopftuch trage und aus diesem Grand angegriffen werde, dann habe ich nicht aufgefordert oder Anlass gegeben zu der Tat.« Man müsse es jedem selbst überlassen, ob er sich entscheidet, dennoch eine Kippa zu tragen, und wissen, dass es das Risiko möglicherweise erhöhen kann. »Das Motto, man ist selbst mitverantwortlich für das, was einem passiert, ist nicht die Argumentation, die ich vertrete«, sagt die Antisemitismusbeauftragte.

Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen teilte die Kölner Polizei mit, dass der Sachverhalt zurzeit geprüft werde. Nach einem Gespräch mit dem Kölner Polizeipräsidenten Falk Schnabel stellte der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Abraham Lehrer, am Montagnachmittag klar: »Eine Empfehlung der Kölner Polizei, in der Öffentlichkeit keine jüdischen Symbole zu tragen, gibt es nicht.«

Seder

Es ist unsere Freiheit

Zu Pessach setzen wir unser Vertrauen in die Kraft des Guten

von Charlotte Knobloch  31.03.2026

Pessach

Der leere Stuhl

Für viele bedeutet der Seder, auf geliebte Menschen zu verzichten. Hier erzählen vier Frauen und Männer, wer an Pessach fehlt – und was ihnen Hoffnung gibt

von Nicole Dreyfus  31.03.2026

Programm

Führung, Erinnerung und Vorträge: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. April bis zum 16. April

 30.03.2026

»Koscher-Licious«

Mazze, Challe, Wodka

Viele Besucher und noch mehr gute Laune gab es beim Streetfoodfestival auf dem Pears-Campus von Chabad in Berlin. Bereits zum fünften Mal probierten sich Gäste durch das Angebot

von Alicia Rust  29.03.2026

Meinung

Das Gedenken schützen

Ein linksextremes Bündnis plant zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds eine antisemitische Kundgebung. Thüringens Juden wehren sich gegen die Provokation

von Reinhard Schramm, Marek Sierka  29.03.2026

Porträt der Woche

Für alt und jung

Judit Marach hat in einem Seniorenheim gearbeitet – heute ist sie Schulsekretärin

von Gerhard Haase-Hindenberg  29.03.2026

Frankfurt

Wieder zusammen

Fast neun Jahrzehnte nach dem Novemberpogrom 1938 wird der Silberschmuck einer Torarolle erstmals als Einheit präsentiert

von Eugen El  29.03.2026

Ilja Richter

Zu Hause zwischen den Stühlen

Der Schauspieler stellte sein neues Buch vor und verzauberte das Publikum mit Gesang, Rezitationen – und sogar als Bauchredner

von Nora Niemann  29.03.2026

Oldenburg

»Es ist gesund, wenn nicht alles von nur einem Rabbiner abhängt«

Seit einem Jahr amtieren Netanel Olhoeft und Levi Israel Ufferfilge in der Gemeinde. Nun wurden sie auch offiziell eingeführt. Wie funktioniert die rabbinische »Doppelspitze«?

von Mascha Malburg  28.03.2026