Lichtburg-Stiftung

»Nur nette Worte«

Herr Wolffsohn, Sie haben sich vor wenigen Tagen in einem Schreiben an Kulturstaatssekretärin Monika Grütters gewandt. Was war der Anlass?
Ich hatte kürzlich die aktuelle Ausgabe von »Arsprototo« in der Hand, dem wirklich hervorragenden Magazin der Kulturstiftung der Länder. Titelthema war »Kulturelle Bildung«. Darin wurde zu Recht auf die enorme gesellschaftliche Relevanz und integrationspolitische Wirkung kultureller Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche verwiesen. Verschiedene Projekte wurden als Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Und da ist mir sprichwörtlich der Kragen geplatzt.

Wieso?
Es werden Projekte beschrieben, deren Arbeit und Zielsetzung so ziemlich eins zu eins das ist, was wir seit 17 Jahren am Gesundbrunnen machen, und zwar in den Lernwerkstätten unserer Lichtburg-Stiftung im Mikrokosmos der Wohnanlage Gartenstadt Atlantic: Lernwerkstätten für Musik, Literatur, Theater, Physik, Natur, Kochen, Neue Medien, Kunst und im Aufbau Textilarbeiten. Zu lesen ist auch der folgende Satz: »Kulturelle Bildung vermittelt das Handwerkszeug, um das Erbe in die Zukunft fortzuschreiben.« Mit dieser Formel ließe sich ebenfalls unser Selbstverständnis als Stiftung bestens auf den Punkt bringen.

Was ist in diesem Fall anders?
Es gibt einen kleinen, aber sehr feinen Unterschied: All diese Projekte erhalten Fördermittel vom Bund. Wir aber nicht. Und genau das empört mich geschichtsethisch. Raubkunst wird vom Bund erstattet. Fast alle von den Nazis geraubten Immobilien meines Großvaters, wie die »Scala« und »Plaza« in Berlin oder die Essener Lichtburg und diverse andere Immobilien, wurden nicht zurückgegeben. Entschädigung? Fehlanzeige. Ich forderte des inneren Friedens wegen weder dieses noch jenes. Aber für Bildung, Kultur und Integration, also die unverzichtbaren Aufgaben für Gegenwart und Zukunft, die eigentlich vom Staat zu erbringen sind, erwarte ich finanzielle Unterstützung und nicht nur nette Worte.

Was hat es mit der Lichtburg-Stiftung auf sich?
Vor 20 Jahren habe ich von meinem Vater die denkmalgeschützte Gartenstadt Atlantic geerbt. Die 49 Häuser waren völlig heruntergekommen. Von einem Berlin-Hype redete noch niemand. Wir modernisierten alles. Aus Idealismus. Als Geschenk deutscher Juden ans neue, humane Deutschland. Über das Deutsch-Jüdische hinaus schlagen wir Brücken zu muslimischen und anderen Minderheiten. Die Modernisierung war ein riskantes Abenteuer. Wir haben uns hoch verschuldet und mit den geringen Mitteln, die wir hatten, die Stiftung gegründet. Ihr Motto und Ziel: »Deutsch-Jüdisch-Muslimisch-Interkulturell«. Die neun Lernwerkstätten werden so finanziert. Sie bieten, thematisch erheblich breiter als die in jenem Magazin vorgestellten Aktivitäten, Kultur-, Integrations- und Bildungsprojekte.

Warum liegt der Fokus der Stiftung gerade auf Kultur-, Integrations- und Bildungsprojekten?
Die Gegend rund um den Gesundbrunnen im Berliner Bezirk Wedding ist nicht unbedingt der idyllischste Kiez. Das ist einer der sozialen Brennpunkte Berlins. Der Migrantenanteil ist sehr hoch, besonders der muslimische. Deswegen haben wir das Ganze von Anfang an so konzipiert, dass unsere Familie mit der Stiftung einen Beitrag zur Verbesserung der Lebens-, Bildungs- und damit Aufstiegssituation nicht zuletzt der muslimischen Minderheit im Wedding leistet. Unsere Lernwerkstätten werden inzwischen jährlich 70.000-mal von Kindern und Jugendlichen besucht. Die Angebote richten sich an Jungen und Mädchen gleichermaßen. Neuerdings bieten wir auch Seniorenprogramme an. All das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Rund 350.000 Euro laufende Kosten haben wir im Jahr.

Wie finanziert sich das Ganze?
Weitgehend über Spenden und Drittmittel. Es gibt viele nette Worte. Wenn es aber um Fördermittel des Bundes geht, laufen wir gegen Wände.

Was sind Ihre Argumente für eine Unterstützung durch den Bund?
Konzept und Wirklichkeit der Stiftungsaktivitäten im Mikrokosmos Gartenstadt Atlantic sind nicht nur in Berlin einzigartig. Fachleute, Medien und auch Bundespolitiker bescheinigen uns, dass es ein nationaler und sogar internationaler Leuchtturm sei – ein Modellprojekt. Juden, Muslime und andere Deutsche sowie Ausländer arbeiten hier gemeinsam. Hinzu kommt Geschichts-ethisches: Der Name unserer Stiftung hat einen konkreten Bezug zur Vergangenheit. Denn Lichtburg hießen zwei der Filmtheater, die meinem Großvater Karl Wolffsohn einst gehörten. Auf seine Initiative ging ebenfalls der Bau der Gartenstadt Atlantic in den Jahren 1925 bis 1929 zurück. Sie gehört zum Reform-Wohnungsbau der 20er-Jahre. Karl Wolffsohn hat dort sozial-politisches Engagement mit Kultur verbunden. Dann kamen die Nazis. Sie haben meinen Großvater sukzessive enteignet und 1938/39 in Gestapohaft gesteckt. In letzter Minute konnten er und seine Frau Nazideutschland verlassen. 1949 kehrten sie zurück, um das Raubgut zurückzuerkämpfen. Für die Rückgabe der Gartenstadt Atlantic musste meine Familie bis 1962 prozessieren. Karl hat es nicht mehr erlebt, er starb 1957. Alle übrigen, sehr wertvollen Raubimmobilien wurden nie restituiert.

Können Sie das näher erläutern?
Es wird im Kontext der Restitution seitens der Politik, auch von Frau Grütters, immer wieder davon gesprochen, dass die »Rückgabe von Kunst unsere Verpflichtung gegenüber den Nachkommen der Opfer« sei. Warum bezieht sich das nur auf Raubkunst? Warum nicht Raubimmobilien? Was der Familie Wolffsohn seinerzeit geraubt wurde, ist sicher nicht weniger wert als ein von den Nazis geraubter Picasso oder Kirchner. Wir wundern uns, dass unsere Geschichtsethik zugunsten des inneren Friedens ausgerechnet vom Bund nicht verstanden wird. Im Interesse dieses Friedens fordern wir nichts für uns, sondern Unterstützung unserer Leistungen für das Gemeinwesen. Dass der Einsatz – besonders der zurückgekehrter Juden – für das Gemeinwesen so wenig Resonanz findet, ist überraschend. Anders als Nachfahren der Raubkunst erwarten wir für die uns damals geraubten Immobilien weder Rückgabe noch Entschädigung. Wir erwarten eine langfristige finanzielle Förderung.

Mit dem Historiker sprach Ralf Balke.

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