Porträt der Woche

Nur im Miteinander

»Manchmal sollten wir auch nicht so viel reden, sondern einfach machen«: Giorgio Paolo Mastropaolo (51) aus Hamburg Foto: Heike Linde-Lembke

Porträt der Woche

Nur im Miteinander

Giorgio P. Mastropaolo betreute Unternehmen und gründete ein Kulturnetzwerk

von Heike Linde-Lembke  10.09.2023 09:13 Uhr

Meine Muttersprache ist Deutsch, meine Vatersprache Italienisch. Denn meine Familie lebte schon im Ghetto von Venedig, damals, um 1650. Dort, wo heute Tausende Touristen die alten Synagogen besichtigen.

Ich fühle mich in Hamburg wohl, hier bin ich geboren, hier habe ich viele Freunde gefunden und eine Aufgabe, die mir sehr viel Freude bereitet. Ich will mein Judentum mehr in die Stadt- und Land-Gesellschaft bringen, will Jüdischsein selbstverständlich machen, was ein anderes Deutschland, das Nazideutschland vor 80 bis 90 Jahren, so furchtbar zerstört hat.

Netzwerk Um diesen Wunsch auf richtig feste Füße zu stellen, habe ich vor einem Jahr mit sechs Freundinnen und Freunden das jüdische Kulturnetzwerk »Mit2Wo« für Juden und Nichtjuden hier in Hamburg gegründet. Der Name ist von den Mizwot abgeleitet, die das Leben von jüdischen und nichtjüdischen Menschen regeln, denn es geht um die Mitmenschlichkeit, um die Begegnung und den täglichen Umgang miteinander.

Mein Tag beginnt meistens morgens um fünf Uhr mit dem Dank an das Leben, denn es mir bewusst, dass Haschem mir einen neuen Tag geschenkt hat. Die Verbindung mit Haschem, aber auch mit meinen Großmüttern, ist ständiger Dialog.

Ein Ritual morgens und abends ist der Spaziergang an der Alster oder durch den Park Planten un Blomen, durch Innenstadt und Hafencity, an der Elbe entlang. So balanciere ich Körper und Geist vor oder nach der Arbeit im Labor, in meinem Geschäft »Mio Gio« in der Innenstadt und für den Verein Mit2Wo aus.

Entspannung finde ich auch im Lesen. Am Herzen liegen mir Bücher über das hellenistische Judentum, über die Metaphysik von Sein und Nichts, Werden und Vergehen, die aristotelische Philosophie und Maimonides, aber auch »Denken ohne Geländer« von Hannah Arendt. Zudem liebe ich, schon aufgrund der Herkunft meiner Familie, die levantinische Küche, alle Menschen an einem Tisch, um sich auszutauschen. Meine italienische Großmutter Paolina, meine Nonna, kochte mir oft Spaghetti all’amatriciana, mein Lieblingsgericht bis heute, ein klassisches Tomatensugo-Gericht, natürlich ohne Guanciale, mit ihrer selbst gemachten Tomatensauce, herrlich! Auch ich koche jeden Abend frisch und koscher.

St. Pauli Am liebsten kaufe ich auf dem Hamburger Fischmarkt auf St. Pauli frisches Obst, Gemüse und Fisch. Den Sinn von Qualität für Lebensmittel habe ich von meinen Großmüttern übernommen. Auf St. Pauli habe ich auch mal gewohnt, in meinen Augen ist das ein wunderbar quirliger, bunter Stadtteil.

Zudem freue ich mich jeden Tag, dass ich in Klein-Jerusalem, dem Hamburger Grindelviertel, leben darf, das ja vor der Schoa das jüdische Viertel Hamburgs mit der Bornplatzsynagoge war. Am Schabbat bin ich gern auch nur mit Haschem allein zu Hause oder bei Freunden, oder ich feiere in der Reformsynagoge der Jüdischen Gemeinde Hamburg.

Wenn ich zurückblicke, lief mein Leben bisher nach dem Motto: »Du musst alles können.«

Musik und Gesang spielten in meiner Familie eine große Rolle, schon weil mein Vater komponierte. Zurzeit mag ich die Melodie von Zusha, einer amerikanischen chassidischen Folk- und Soul-Band, ein Mix aus Jazz, Folk und Reggae, und natürlich Dionne Warwick oder Klezmer.

Viel Zeit widme ich dem Kulturnetzwerk Mit2Wo. Wir wollen jüdisches Leben in der Gegenwart in Hamburg aktivieren, ohne die Vergangenheit zu vernachlässigen, aber mit starkem Engagement für eine gemeinsame Zukunft. Dafür sind uns alle Menschen herzlich willkommen.

Was mich besonders freut: Ich habe sofort viele Menschen begeistern können, an diesem Netzwerk mitzuflechten, darunter meine Freundin, die Publizistin Peggy Parnass, die mit 95 Jahren unser Ehrenmitglied ist, und den Autor und Lichtkünstler Michael Batz, der viel für unser Judentum leistet und die jüdische Geschichte Hamburgs erforscht. Das kann man beispielsweise in seinem Buch Das Haus des Paul Levy – Rothenbaumchaussee No. 26 nachlesen, das jetzt schon in der vierten Auflage im Hamburger Verlag Dölling und Galitz erschienen ist.

Ansonsten organisiere ich kulturelle Veranstaltungen, meistens mit jüdischen Künstlerinnen und Künstlern, kleine Konzerte, Lesungen, Vorträge und Diskussionsrunden, so eine Art After-Work-Party. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, viele Telefongespräche und E-Mails, aber es ist mir eine Herzensangelegenheit. Wir treffen uns zweimal im Monat immer an einem anderen Ort mit jüdischer Geschichte, um Hamburgs jüdische Seiten kennenzulernen, und unternehmen Ausflüge zu jüdischen Stätten, beispielsweise dem neu gestalteten Jüdischen Museum Rendsburg. Es bringt mir viel Freude, zu beobachten, wie sehr die Teilnehmenden die jüdische Kultur genießen.

ITALIEN Ich habe von meinen Großmüttern gelernt, dass Menschlichsein nur im Miteinander geht. Ich habe beide Großmütter sehr geliebt. Durch sie bin ich geworden, was ich heute bin. Bei meiner italienischen Großmutter Paolina habe ich immer die Ferien verbracht, ich bin in Italien auch zur Schule gegangen. Meine Großmütter haben mir ihre Lebensweisheiten und ihren Glauben gegeben. Sie haben mir vorgelebt, wie wichtig es ist, für andere Menschen da zu sein. Denn nur dann ist man auch selbst stark. Davon bin ich fest überzeugt.

Ich komme aus zwei sehr alten jüdischen Familien. Der Name Mastropaolo bedeutet Arzt. Die Familie kam von Griechenland nach Italien und lebte auch im heutigen Istanbul.

Mittlerweile bin ich 51 Jahre alt und habe vor Jahren Grafikdesign studiert, Kaufmann im Einzelhandel gelernt, mich zum Retail-, Marketing- und Visual-Merchandising-Manager und Interior Designer fortgebildet. Ich habe in Deutschland und Österreich gearbeitet, wurde Spezialist für Ayurveda, Phyto- und Aromatherapie und betreute für ein englisches Kosmetik-Unternehmen 120 Geschäfte im deutschsprachigen Raum. Dabei habe ich viele interessante Menschen getroffen und beispielsweise mit Dionne Warwick, der Cousine von Whitney Houston, ein Coffee-Table-Buch gestaltet und verlegt. Das ist so eine Art Lifestyle-Buch und anschließend bei Random House erschienen.

In Wien, wo ich auch lebte, habe ich mit dem Künstler Ernst Fuchs öfter Schabbat gefeiert. Wir konnten sogar miteinander schweigen. Als ich einige Zeit in New York lebte, habe ich Ute Lemper und andere Künstlerinnen und Künstler getroffen und mit ihnen gearbeitet. Im »Big Apple« hatte ich einen Vertrag im Bereich Buch-Konzeptgeber und Entwickler für Sitcom. Wenn ich so zurückblicke, lief mein Leben bisher nach dem Motto: »Du musst alles können.«

Quer durch Europa und durch die USA bin ich gereist, bis ich 2004 nach Hamburg zurückkehrte und mein Geschäft »Mio Gio« gründete. Da war ich 32 Jahre alt. Ich stelle alle Produkte, sei es Kosmetik oder im Food-Bereich, selbst her. Dafür habe ich unter meinem Geschäft, das im Hochparterre liegt, ein Labor eingerichtet. Alle meine Erfahrungen fließen in meine Produktserien ein, aber auch das, was meine Großmütter mir vorgelebt und mich gelehrt haben.

Meine Familie hat Fragen zur Vergangenheit nie beantwortet, dafür spielte aber der Humor stets eine große Rolle. Ich habe im Archiv von Yad Vashem viele Namen meiner Familie gefunden. Meine deutsche Großmutter hat die Schoa mit meiner Urgroßmutter versteckt in einer Wohnung überlebt. Dafür bin ich ewig dankbar.

HUMOR Meine Großmütter waren herzlich und hatten ihre eigenen Philosophien, von denen ich viel übernommen habe, beispielsweise koscher zu leben. Ein »Nein« gab es für mich nie in der Familie. Wenn ich Rindfleisch zum Beispiel mit Parmesan bestreuen wollte, meinte meine Großmutter, ich solle es einfach mal probieren. Es bekam mir aber nicht. Und sie haben mich gelehrt, dass Klagen nicht hilft. Heute freue ich mich über alle Menschen, die genauso denken, die die Ethik dahinter verstehen.

Wir von Mit2Wo gehen auch in die Schulen, um gegen den Antisemitismus zu arbeiten und Jugendlichen, egal welcher Herkunft, das Judentum nahezubringen. Ich meine, junge Menschen werden unterschätzt, sie haben ein gutes Wir-Gefühl, wir sollten sie respektvoll mit einbinden in all unser Tun. Mir ist wichtig, dass wir alle miteinander etwas bewegen, dass das Ich zum Wir wird. Und manchmal sollten wir auch nicht so viel reden, sondern einfach machen.

Ich liebe Haschem, und wenn ich gehe, gehe ich nach Hause, denn die Erde ist für mich nur eine Zwischenstation.

Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Darmstadt

Musik, Schabbat und Comedy

Die Jüdischen Kulturwochen der Gemeinde bieten bis Anfang Dezember ein vielfältiges Programm

von Chris Meyer  12.10.2026

München

Fairness jenseits des Spielfelds

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, war zu Gast in der Kultusgemeinde

von Luis Gruhler  12.10.2026