Porträt der Woche

Nicht ohne meine Geige

»Ich habe eine strenge Schule hinter mir. Als Lehrerin wollte ich den Schülern Freude an der Musik vermitteln«: Lydia Horn (75) aus Frankfurt Foto: Ronald Horn

Porträt der Woche

Nicht ohne meine Geige

Lydia Horn war Philharmonikerin, leitet nun Ensembles und übt jeden Tag

von Christine Schmitt  02.07.2023 00:06 Uhr

Ohne lange nachzudenken, sagte ich zu. Ich hatte mir die Wohnung noch nicht einmal angeschaut, sondern nur vor dem Haus gestanden. Mein Sohn riet mir, diese Entscheidung wenigstens einmal zu überschlafen. Doch das brauchte ich nicht: Ich war fest entschlossen.

Und so kommt es, dass ich heute einen wunderschönen Blick auf den Taunus habe, wenn ich aus meinem Fenster schaue. Gegen Abend genieße ich gern den Sonnenuntergang mit Blick auf die Berge. Die Entscheidung, mein Haus in Baden-Baden aufzugeben, um nach Frankfurt in die Nähe meines Sohnes und seiner Familie zu ziehen, habe ich nie bereut. Ich bin hier glücklich.

Vieles habe ich in Baden-Baden zurückgelassen: meine Freunde, meine früheren Kollegen, meinen Garten. 30 Jahre lang habe ich bei den Philharmonikern Geige gespielt. Als ich Rentnerin wurde, gab ich eine große Party. Einige Zeit später flossen viele Tränen, als ich mich von allen und allem richtig verabschiedete – und die ersten Momente waren hart, als ich dann allein in der neuen Wohnung saß. Aber meine Erinnerungen an eine schöne Zeit habe ich ja mitgenommen.

HEIMAT Baden-Baden war meine Heimat, nach vielen anderen Stationen in meinem Leben. Meinen weißen Flügel, meine Violine und Bratsche, zig Noten und die Skulpturen meines Vaters habe ich mitgenommen. Manche Notenbücher haben es nicht in die neue Wohnung geschafft, weil es zu viele sind. Sie sind im Keller untergebracht – wie auch viele Bücher und die Kunstbibliothek meines Vaters. Ich wollte meine vier Wände nicht vollstopfen, sondern bevorzuge ein aufgeräumtes, eher leeres modernes Domizil.

Mittlerweile habe ich mir hier ein schönes, musikalisches Leben aufgebaut: Ich leite das Schwalbacher Kammerorchester, spiele in mehreren Kammermusikensembles, unterrichte noch einige wenige Schüler und trete manchmal als Solistin auf. Mit dem Schwalbacher Orchester war ich jüngst in Baden-Baden, um ein Konzert in der Jüdischen Gemeinde zu geben. Da wurden wir herzlich empfangen, und es war ein sehr schöner Abend. Es kam mir vor wie nach Hause zu kommen, schließlich habe ich dort Anfang der 90er-Jahre die Gemeinde mit aufgebaut. Wir konzertierten übrigens auch in Bad Homburg, in Brüssel und Karlsruhe.

Natürlich spiele ich jeden Tag Violine und Bratsche. Nach dem Frühstück muss ich allerdings immer erst zwei bis drei Kilometer spazieren gehen, denn meine Wirbelsäule ist in einem nicht ganz so optimalen Zustand. Jahrzehntelang Geige zu spielen, das hat Spuren hinterlassen.

Geprägt worden bin ich von der Kultur der österreichischen Monarchie.

Ich habe eine strenge Schule hinter mir. Meine Mutter achtete sehr darauf, dass ich täglich übte. Was das anging, war sie ziemlich streng – so war das damals. Wenn mein Papa aus seinem Kunstatelier nach Hause kam, fiel ihm oft meine Bedrücktheit auf. Dann erzählte ich ihm, dass die Mama mich zum Üben gezwungen habe. Damals war ich acht Jahre alt. Mein Vater war ein freier Künstler, im Geiste wie im praktischen Leben. Sein Schwerpunkt war die Bildhauerei.

schule Ich besuchte eine Schule, in der ich in Literatur, Mathematik, Französisch und weiteren Fächern unterrichtet wurde, aber die meiste Zeit mit Gehörbildung, Harmonielehre und der Geige und Klavier verbrachte. Gleichzeitig habe ich schon gemalt und liebäugelte auch mit einer Kunsthochschule, zu der die Kollegen meines Vaters mir rieten. Aber Künstler zu sein, war in der damaligen Sowjetunion ein schwerer Beruf.

Musiker war da schon die bessere Entscheidung. Mit 17 bestand ich meine Abschlussprüfung. Als 18-Jährige bin ich zum Studieren nach Kazan gegangen, da ich als Jüdin in der Umgebung meiner Heimatstadt Czernowitz keinen Studienplatz bekommen konnte. 3000 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten. Die Stadt Kazan liegt in Tatarstan. Dort blieb ich fünf Jahre lang. Zu viert lebten wir damals in einem Zimmer, und noch heute bin ich mit meinen drei ehemaligen Mitbewohnern in Kontakt. Minus 40 Grad waren dort im Winter normal.

Das Studium war so hart, dass nur fünf Leute aus meinem Jahrgang einen Abschluss erzielten. Man wollte mich im Jahr 1968 aus der Hochschule werfen, da meine Cousine mit ihrer Familie nach Israel auswanderte. Zwei Jahre davor hatten wir einen Antrag zur Ausreise gestellt. Daraufhin wurde mein Vater aus dem Künstlerverband der Sowjetunion geworfen. So reifte der Entschluss, das Land zu verlassen.

In Czernowitz gehörten wir zu den deutschsprachigen Juden, geprägt worden bin ich vom Charakter und der Kultur der österreichischen Monarchie. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie fremd ich mich fühlte, als ich in die Schule kam, und welche Mühe mir das Russisch machte. Ich sprach bis zur Einschulung ja nur Deutsch. Glücklicherweise konnte ich mich schnell integrieren.

studium Nach dem Studium ging ich von Kazan zurück nach Czernowitz – zusammen mit meinem Mann, den ich dort kennengelernt hatte. Er war Sänger und ein Kommilitone von mir, ein sehr intelligenter russischer junger Mann. Unser Sohn war ein Jahr alt, als sein Vater als verschollen erklärt wurde. Als Opernsänger sollte er in Usbekistan bei einem Film eine Hauptrolle übernehmen. Lange haben seine Familie und ich nach ihm gesucht, aber wir fanden keine Hinweise, was passiert sein könnte. Eine Tragödie.

Dann ging alles ganz schnell: Wir konnten ausreisen. Am 7. Juni 1980 überschritt ich mit meinem dreijährigen Sohn und meinen Eltern die Grenze. Unsere erste Station war Wien, dann das Aufnahmelager in Marienfelde in Berlin.

Ich hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen. Denn wir hatten in der Familie immer Deutsch gesprochen, und ich würde mich auch ein bisschen als deutsch bezeichnen. Papa bekam sofort ein Atelier in Berlin, wo er seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. In Schmargendorf, in dem berühmten Haus, durch das die Autobahn führt, fanden wir zwei Wohnungen für unsere beiden Familien.

orchester Ich hatte einen Wunsch: eine feste Stelle in einem Orchester, was nicht leicht war. In Deutschland gibt es keine 3000 Orchesterstellen. Doch immerhin wurde ich als Aushilfe bei den Deutschen Symphonikern und dem Radio-Sinfonieorchester Berlin genommen. Gleichzeitig gab ich an Musikschulen Geigenunterricht. Worauf ich stolz bin, ist, dass manche meiner Schüler tatsächlich bei »Jugend musiziert« gewinnen konnten und später auch erfolgreich bei der Musik blieben.

Anfangs unterrichtete ich ähnlich streng, wie ich es gelernt hatte.

Anfangs unterrichtete ich ähnlich streng, wie ich es gelernt hatte. Irgendwann wurde mir von den Verantwortlichen der Musikschulen mitgeteilt, dass es so nicht weiterginge. So streng dürfe ich nicht sein, denn dann würden sich die Schüler wieder abmelden und mir würde gekündigt. Die Schüler müssen Spaß haben, wurde mir gesagt. Und recht haben sie. Heute sehe ich das genauso, und es ist mir wichtig, die Freude an der Musik mitzugeben. Das System der Sowjetunion war hart und erniedrigend, es hat das Menschliche kaputt gemacht.

13 Probespiele absolvierte ich bundesweit – dann bekam ich eine feste Stelle bei der Philharmonie Baden-Baden. Meine Berliner Freunde sagten mir, dass ich verrückt sei, in so ein Dorf zu ziehen. Doch ich war die Einzige in der Familie, die Geld verdienen konnte. Mein zweiter Ehemann, den ich im Aufnahmelager Marienfelde kennenlernte – wir kamen zufällig am selben Tag dort an –, fand in Deutschland keine Arbeit. Bis zu seinem Tod vor 26 Jahren waren wir verheiratet.

HARMONIE Meine Eltern kamen ein Jahr später nach Baden-Baden. Mein Vater fand rasch wieder ein Atelier, wo er täglich von vielen Leuten Besuch bekam. Meine Mutter war eine ruhige und intelligente Person, die den jüdischen Zuwanderern Deutschunterricht gab.

Ich liebe Harmonie, Streit mag ich nicht. Diese Woche hat es mich allerdings gestresst, dass eine Nachbarin sich über eine Probe meines Klavierquartetts beschwerte. Doch einer der Musiker ist Jurist und sagte gleich, dass sie dazu kein Recht habe. Mit dem Kammerorchester Schwalbach bereiten wir neue Programme vor, unter anderem hervorragend komponierte Psalmvertonungen für Sopran und Bariton von Benjamin Brainman. Ich würde mich als liberale Jüdin bezeichnen, mir liegt mehr an der Kultur und der Geschichte.

Wenn ich nicht Geige spiele, dann bin ich viel bei meinen Enkelkindern und bei meinem Sohn, der als Cellist im Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt. Ich mag es, für sie zu kochen, und helfe gern. In diesen Tagen habe ich etwas mehr Zeit und möchte den Sommer genießen – endlich werde ich den Balkon bepflanzen. Und ich probiere, weiter jung zu bleiben.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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