Albert-Einstein-Gymnasium

»Neue Themen setzen«

Ein Traum geht für ihn in Erfüllung: Michael Bock Foto: Alexandra Roth

Vor fünf Jahren hätte Michael Bock sich nicht träumen lassen, dass am 24. August 2016 ein jüdisches Gymnasium in Düsseldorf eröffnet wird. Und wer ihm gesagt hätte, er solle der Gründungsdirektor des Albert‐Einstein‐Gymnasiums werden, den hätte er sicher für verrückt erklärt. Der heute 68‐Jährige unterrichtete 30 Jahre lang an Gymnasien und zuletzt an einer Gesamtschule. Fragt man ihn, wie es dazu kommt, dass er – eigentlich schon pensioniert – wieder den Schuldienst antritt, antwortet er lachend: »Das ist eine lange Geschichte.«

Sie beginnt mit der Vision eines Jugendlichen, der selbst eine jüdische Schule – das jüdische Gymnasium in Straßburg – besuchte. »Die Bildung am jüdischen Gymnasium hat mich sehr geprägt.« Ohne diese Erfahrung, so glaubt Bock, hätte er sich später nicht in der jüdischen Jugendarbeit engagiert. Ende der 60er‐Jahre kehrte er aus dem Internat zu seinen Eltern nach Deutschland zurück. »Das war damals etwas Besonderes«, so Bock. Schließlich war sein Vater Holocaust‐Überlebender und jüdisches Leben in Deutschland zu der Zeit noch nicht selbstverständlich.

Auf Bitten seiner Mutter begann Bock nach dem Abitur ein Ingenieurstudium. »Sie war der Meinung, ich sollte etwas studieren, was mich nicht zwingt, in Deutschland zu bleiben.« Letztendlich ist er aber doch dem Weg seines Vaters gefolgt, für den es wichtig war, in Deutschland zu leben. Michael Bock brach das Ingenieurstudium ab und begann, Lehramt für Deutsch, Geschichte, Wirtschaft und Politik in Dortmund zu studieren.

Jugendarbeit Schnell engagierte sich Bock auch in den jüdischen Gemeinden, insbesondere in der Jugendarbeit. Er organisierte Seminare und arbeitete direkt nach seinem Studium als Jugendleiter in der Gemeinde Düsseldorf. Außerdem gründete er die erste Initiativgruppe für Jugendfragen im Zentralrat.

Die 68er waren für Bock eine spannende und wichtige Zeit. Er habe damals überlegen müssen, wo er sich mehr einbringt: im politischen oder im jüdischen Bereich. Er entschied sich für das Engagement in den jüdischen Gemeinden. »Manche meiner Kollegen, die damals eine politische Laufbahn ansteuerten, haben später sogar richtig Karriere gemacht!« Damit, dass er Jahre später Schulleiter eines jüdischen Gymnasiums werden würde, habe er jedenfalls nicht gerechnet.

Die Idee zu einer jüdischen Schule in Deutschland kam Bock auf einer Reise in Israel. Gemeinsam mit Michael Szentei‐Heise, heute Verwaltungsdirektor der Gemeinde Düsseldorf, habe er sich vorgestellt, »wie das wohl wäre: eine jüdische Schule in Deutschland zu gründen«. Zu der Zeit habe es in Deutschland doch selbst die jüdische Grundschule in Düsseldorf noch nicht gegeben. Was er damit sagen möchte: Damals war es bloß die Fantasie zweier Jugendlicher.

Pensionär Bis dieser Traum Wirklichkeit wurde, hat es lange gedauert, und zum Schluss war es ein dreijähriger Prozess, für den Michael Bock sogar sein Leben als Pensionär aufgab. »Michael Szentei‐Heise hat mich gefragt, ob ich nicht die Planung übernehmen wolle, und ich habe natürlich zugesagt.« Im Verlauf der intensiven Planung wurde ihm klar: »Wenn ich da so viel Energie reinstecke, dann möchte ich auch gerne die ›Geburt des Kindes‹ erleben.«

Ruth Rubinstein, Vorstandsmitglied der Gemeinde Düsseldorf, spricht von dem Gymnasium ebenfalls als »Bocks gedanklichem Kind«. »Der Vorstand wusste immer: Wenn wir jemanden für den Job wollen, dann ihn.« Und er sei Feuer und Flamme gewesen, »schließlich ist es seine Vision, sein Baby«. Auch für Szentei‐Heise lag auf der Hand, dass Bock Direktor des Gymnasiums wird: »Er war jahrzehntelang im Schulbetrieb tätig und bringt viele hilfreiche Erfahrungen mit. Außerdem kommt er aus der Gemeinde. Ein jüdisches Gymnasium war seit Jahrzehnten sein Anliegen.«

Der Schulleiter freut sich bereits auf seine zukünftigen Pflichten als Direktor. Besonders enthusiastisch blickt er aber auch seinem Lehrauftrag – er wird Geschichte und Erdkunde unterrichten – entgegen. Ein Teil seines Traumes war schließlich auch, Geschichte an einer jüdischen Schule zu lehren. Endlich, freut er sich, kann er neue Themen setzen.

Als jüdischer Lehrer an staatlichen Schulen habe er zwar nie schlechte Erfahrungen gemacht, aber die Schwerpunkte lagen in seinem Lehrplan natürlich anders. »Da habe ich immer sehr intensiv Schoa und Nationalsozialismus unterrichtet. An der jüdischen Schule werde ich nun endlich Themen behandeln, die sonst wenig Beachtung finden, beispielsweise die SchUM‐Städte im mittelalterlichen Deutschland.«

Unterrichtsbeginn Einiges soll also anders werden, aber vieles, besonders Methodik aus dem Gesamtschulkonzept, will Bock auch in das neue Gymnasium einbringen. Er hat beispielsweise hart dafür gekämpft, dass der Unterricht für Schüler des Albert‐Einstein‐Gymnasiums erst um 8.30 Uhr beginnt. Zudem wird es Nachmittage mit Arbeitsgemeinschaften geben, an denen Kinder etwa ihr Russisch im »Herkunftssprachlichen Unterricht« verbessern können, oder Angebote der Kulturakademie, die mit dem Gymnasium kooperieren wird.

Außerdem ist es dem ehemaligen Gesamtschullehrer wichtig, allen die Möglichkeit zu bieten, an seiner Schule zu lernen. Auch Schüler mit einer Realschulempfehlung aus der Grundschule hat er dieses Jahr aufgenommen. »Weil ich meine, dass eine jüdische Schule auch die Aufgabe hat, diese Kinder durch Förderung dahin zu führen, dass sie einen höherwertigen Abschluss erreichen können.«

Aber auch auf den jüdischen Charakter des Gymnasiums hat Bock geachtet. Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer Gemeinde, sagt, Bock habe sich »auf die Fahnen geschrieben, ein Gymnasium zu eröffnen, welches eindeutige jüdische Insignien hat wie Hebräisch‐ und Religionsunterricht«.

Wenige Tage vor der Eröffnung ist Michael Bock davon überzeugt, dass seine Vision einer jüdischen Schule, an der Jugendliche die Möglichkeit haben, eigene jüdi‐ sche Identitäten zu finden und sich mit nichtjüdischen Schülern auszutauschen, funktionieren wird. Und fragt man ihn, wie er das Gymnasium in zehn Jahren sieht, antwortet er souverän: »Als Erfolgsgeschichte.«

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