Heidelberg

Neue Plattform will Judentum sichtbarer machen

Rami Suliman, Alexandra Poljak, Michael Blume, Manuel Hagel, Wolfgang Schäuble und Barbara Traub (v.l.) Foto: PR

Alexandra Poljak ist Präsidentin des Bundes jüdischer Studenten Baden. Sie kommt aus Hannover, hat in Heidelberg studiert und macht jetzt ihr Referendariat an einer Grundschule. Vor ein paar Monaten wurde sie zum ersten Mal auf Facebook Zielscheibe von Antisemitismus. Sie war als Rednerin zu einer Demo der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) gegen die AfD eingeladen und erntete dafür später im Internet Hasskommentare.

»Ich war schockiert, wie schnell das ging, kaum stand meine Rede im Internet, ging es auch schon los, quasi im Minutentakt wurde ich tagelang beschimpft.« Vor ein paar Wochen dann wurde sie auf ihrem Twitter-Account mit Hassbotschaften überzogen. Trotzdem – oder gerade deshalb – will die 23-Jährige ihr Judentum nicht verstecken.

Schirmherr der Dialogplattform ist Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

KONTAKTE Jüdische Lebenswirklichkeit zeigen, das ist auch das Ziel der neuen Dialogplattform »Jüdisches Forum«, die die CDU Baden-Württemberg ins Leben gerufen hat. Bei der Auftaktveranstaltung am Donnerstagabend in Heidelberg sagte der CDU-Generalsekretär im Südwesten, Manuel Hagel: »Mit unserem jüdischen Forum wollen wir den Austausch und das Miteinander der Menschen und der Religionen fördern. Es geht darum, die Geschichte, die Traditionen, die Bräuche und die jüdische Kultur sichtbarer zu machen.«

Die erste Etappe auf dem Weg: ein koscherer Empfang in der Aula der Alten Universität in Heidelberg. »Wir haben eine 70-jährige Erfahrung mit Empfängen. Aber einen koscheren Empfang probieren wir heute zum ersten Mal.«

Schirmherr der Dialogplattform ist Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Der CDU-Politiker erzählt, wie ihn jüdische Vertreter vor vielen Jahren gewarnt hätten: »Passt auf, dass ihr keine Ressentiments gegen Fremde, gegen Ausländer duldet, insbesondere nicht gegenüber Muslimen. Ich fand das immer beeindruckend, wie Vertreter des jüdischen Lebens gewarnt haben, wenn es um Minderheiten ging.« Heute ist offensichtlich, warum: »Am Ende steht immer der Antisemitismus.«

ENTWICKLUNG Inzwischen müssen Synagogen, Schulen und Kindertagesstätten von der Polizei bewacht werden, und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht sich genötigt, Männer zu warnen, die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, öffentlich zu tragen. Und so sind sich Schäuble und der Rektor der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien (HfJS), Johannes Heil, einig: »Das hätten wir vor zehn Jahren nicht gedacht.« Der Antisemitismus, bedauert Hagel, zeige »sein hässliches Gesicht« wieder auf Marktplätzen. »Wir müssen das ernster nehmen, als wir gelegentlich geglaubt haben«, so Schäuble.

»Müssen wir die Koffer wieder packen?«, fragt sich Rami Suliman mit Blick auf die steigenden Umfragewerte der AfD.

Einer, der Antisemitismus schon lange ernst nimmt, ist Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden: »Wir hatten unsere Koffer ausgepackt, es war klar, wir bleiben in Deutschland. Doch was ist jetzt? Müssen wir die Koffer wieder packen?«, fragt er mit Blick auf steigende Umfragewerte der AfD.

Barbara Traub, Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, sieht gleichwohl, dass es nach antisemitischen Vorfällen eine breite Unterstützung dagegen gibt. Sie wünsche sich, dass »wir alle für eine offene Gesellschaft arbeiten«. Wichtig sei, so Schäuble, antisemitische Umtriebe nicht herbeizureden und »stärker zu dramatisieren, als sie sind«. Für Poljak wäre viel erreicht, wenn weniger über Juden gesprochen würde als mit ihnen. Und niemand mehr sagt: »Oh, du bist Jüdin, ich habe bislang noch keine kennengelernt.«

Frankfurt

Transparentes Haus

Die Jüdische Akademie des Zentralrats will ihren Besuchern ein vielseitiges Angebot machen

von Ayala Goldmann  04.11.2026

Düsseldorf

Ein Abend voller Sorge und Hoffnung

Die Jüdische Gemeinde ehrt Wirtschaftsministerin Mona Neubaur mit der Josef-Neuberger-Medaille

von Stefan Laurin  04.11.2026

Tel Aviv

Wie Andrea Kiewel sich endlich traute

Andrea Kiewel überrascht sich selbst und überwindet ihre Scheu vor dem Widerspruch – wegen Halloween

von Andrea Kiewel  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Sachsen-Anhalt

Lotto fördert Dachsanierung der Synagoge in Gröbzig

Die jüdische Gemeinde in Gröbzig entstand im 17. Jahrhundert nur wenige Kilometer entfernt von der anhaltischen Residenzstadt Köthen. Die 1796 errichtete klassizistische Synagoge wird seit 1934 als Museum genutzt

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Verantwortung

Abschied und Neuanfang

David Beck übernimmt als Nachfolger von Andreas Franck das Amt des Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz

von Luis Gruhler  02.11.2026

Feier

»Ein Zuhause«

Es war ein bewegender Moment: Nach langer Planung öffnete die bundesweit wirkende Jüdische Akademie in Frankfurt ihre Türen. Mit Prominenz, rabbinischem Segen - und eindringlichen Worten gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  02.11.2026