Jubiläum

Neue musikalische Pfade

Kürzlich feierte das Jewish Chamber Orchestra Munich, kurz JCOM genannt, im Cuvilliés­theater sein 20-jähriges Bestehen. 2005, ein Jahr vor der Fertigstellung der Ohel-Jakob-Synagoge in München, kam es in der Aufbruchstimmung, jüdisches Leben in der Landeshauptstadt wieder sichtbar zu machen und zukunftsorientierte Impulse zu setzen, zur Gründung eines jüdischen Kammerorchesters unter Leitung des damals 27-jährigen Dirigenten Daniel Grossmann. In den ersten 13 Jahren trug es den Namen »Orchester Jakobsplatz«, die lokale Anbindung an den Ort aufgreifend, an dem 2006/2007 ein Jüdisches Zentrum mit Synagoge, Gemeindezentrum und Jüdischem Museum eröffnet werden sollte.

Wer damals gedacht haben mag, dass dieses Orchester das Lern- und Experimentierfeld eines jungen Dirigenten wäre, wurde schon mit der ersten Produktion, der Aufführung der Oper The Fall of the House of Usher von Philip Glass, fulminant inszeniert im Theater am Haus der Kunst, eines Besseren belehrt. Dieses erste Projekt entstand noch in enger Verbundenheit mit der Israelitischen Kultusgemeinde und gleichzeitig schon mit dem Bayerischen Staatsschauspiel.

Selbstbewusster, höchst erfolgreicher Programmentwickler

Schnell emanzipierte sich der künstlerische Leiter Daniel Grossmann zu einem selbstbewussten, höchst erfolgreichen Programmentwickler, der die Grenzen von ernster und Unterhaltungs-Musik über die Jahrhunderte ihrer Entstehung stets aufs Neue überschreitet und auf seine eigene Weise auslotet.

Dabei wurde er von Anfang an tatkräftig unterstützt von seiner Mutter Julia, die ihre Erfahrung mit einer kleinen Konzertagentur für junge Künstler einbrachte. Während sich der Sohn ganz auf die Verwirklichung seiner Pläne konzentrierte, jüdische und nichtjüdische Musiker in einem Ensemble zu vereinen und originelle Themenreihen zu entwickeln, schuf die Mutter ein Management, das dem Orchester schon bald einen außergewöhnlich vielfältigen, rührigen Freundeskreis und internationale Kontakte bescherte.

Von Anfang an gab es ambitionierte Projekte wie die Oper Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann, die nicht nur in München, sondern bei den Bayerischen Theatertagen in Ingolstadt aufgeführt wurde. Der Radius der Konzertreisen vergrößerte sich rasch. Konzerttourneen führten unter anderem nach Österreich, Ungarn, Israel, Schweden, Litauen, China und Nordamerika. Und die nächste Reise, die immer auch die Kombination von Musik und Kulturtour für die Freunde des Orchesters ermöglicht, wird im Herbst nach Thessaloniki und damit zu Spuren des sefardischen Judentums führen, wie es vor der Zerstörung in der NS-Zeit existierte.

Enormes Wissen um Musikliteratur und unstillbare Neugierde für Fortbildung

Daniel Grossmann verbindet enormes Wissen um Musikliteratur, Schicksale jüdischer Komponisten, historische Verwerfungen, Medien vom Stummfilm bis zu zeitgenössischen cineastischen Strömungen mit unstillbarer Neugierde für Fortbildung und neue musikalische Pfade. Er befasst sich mit bekannten Komponisten wie Gustav Mahler, ob 2008 zum Gedenken an das 100 Jahre zuvor geschaffene Werk Das Lied von der Erde oder bei der Produktion des Albums Jewish Vienna des Jewish Chamber Orchestra Munich, wie sich das Orchester – mit Blick auf seine internationale Vernetzung – seit 2018 nennt. Bei diesem Album ging es um Mahlers musikalisches Beziehungsnetzwerk von Erich Korngold bis Alexander Zemlinsky, einschließlich vergessener Komponisten wie Alfred Grünfeld und Josefine Winter.

Das alljährliche jüdische Neujahrskonzert gehört zu den musikalischen Highlights.

Immer wieder gibt es Aufträge für Neukompositionen wie etwa die von Max Beckschäfer zu Gedichten von Schalom Ben-Chorin 2008. Das Opernfragment des emigrierten Komponisten Erich Zeisl zu Joseph Roths Hiob ließ Grossmann von dem in New York ausgebildeten polnischen Komponisten Jan Duszynski für die Münchner Opernfestspiele 2014 weiterbearbeiten. 2018 wirkte das JCOM mit bei dem Schweizer Tatort von Dani Levy mit dem Titel »Die Musik stirbt zuletzt«. Das JCOM arbeitet mit außergewöhnlichen Sängerinnen zusammen, unter ihnen Ethel Merhaut, Talia Or und Chen Reiss.

Grossmann begleitete Stummfilme wie Der Student von Prag mit der Originalmusik von Josef Weiss im Jüdischen Gemeindezentrum, trug den Münchner Kammerspielen, für die das JCOM ab Herbst »Orchestra in Residence« ist, eine erfolgreiche Stummfilmreihe an, von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin mit der Musik von Edmund Meisel bis zu Slapstick des Comedian Max Davidson mit Call of the Cuckoo von 1927, mit einer Neukomposition von Dominik Giesriegl. Evgeni Orkin, Jahrgang 1977, der auch im Orchester mitspielt, schuf als Auftragskomposition das Klezmer-Singspiel Mendele Lohengrin, das im Januar erfolgreiche Premiere hatte.

Erkenntnisreiche Konzert-Einführungen und Kommentare des Dirigenten

Auf die erkenntnisreichen Konzert-Einführungen und Kommentare von Daniel Grossmann, der schon mit drei Jahren den Berufswunsch Dirigent äußerte, kann man jedes Mal wieder gespannt sein. Nicht zu vergessen das alljährliche jüdische Neujahrskonzert, das zu den Konzert-Highlights im Prinzregententheater geworden ist, und – nicht weniger wichtig – die Hinführung von Kindern zur Musik wie etwa mit der Butterbrote BesserEsser Oper 2022 und im Mai 2025 mit einer Kinder-Hymne beim FC Bayern.

Wen wundert es, dass das Jubiläumskonzert viele sehr unterschiedliche Facetten jüdischer Musik von Maurice Ravel über Felix Mendelssohn, Jacques Offenbach und Mieczysław Weinberg bis Kurt Weill und Ilse Weber präsentierte, belohnt mit kaum enden wollendem Applaus.

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