Porträt

»Musik muss man fühlen«

Hanna Staszewska ist Hornistin und macht demnächst ihr Orgel-Examen

von Anja Bochtler  22.07.2013 18:08 Uhr

Hat nicht immer Lust zum Üben: die Wahl-Freiburgerin Hanna Staszewska Foto: Yohan Orel

Hanna Staszewska ist Hornistin und macht demnächst ihr Orgel-Examen

von Anja Bochtler  22.07.2013 18:08 Uhr

Meine Oma hat mich zur Musik gebracht. Als kleines Kind habe ich viel gesungen, deshalb sagte meine Oma – sie war Schauspielerin – zu meinen Eltern: »Das Kind sollte auf die Musikschule!« So kam es, dass ich meine ganze Schulzeit lang nachmittags ins Konservatorium ging. Das war anstrengend! Ich bin Hornistin geworden, und im Wintersemester möchte ich an der Musikhochschule Freiburg auch noch mein Orgel‐Konzertdiplom machen. Klavier habe ich im Nebenfach als drittes Instrument studiert.

Auch heute noch habe ich manchmal keine Lust zum Üben. Trotzdem bin ich sehr froh darüber, dass die Musik mein Beruf ist. Sie ist etwas Besonderes, sie verbindet alle Menschen, auch alle Religionen. Man muss nicht dieselbe Sprache sprechen, um Musik zu verstehen. Musik muss man fühlen.

Grossmutter Ich wurde 1984 in Warschau geboren. Als meine Oma starb, war ich 20. Ich hatte eine enge Beziehung zu ihr. Sie hat mir und meinen beiden Brüdern von ihrer Zeit im Warschauer Ghetto und im Lager Poniatowa erzählt. Sie konnte von dort fliehen. Aus ihrer Familie war sie die einzige Überlebende.

Großmutter hat uns von alldem nie auf eine Weise erzählt, dass wir Angst bekommen hätten. Es kam uns eher wie ein Märchen vor. Erst als ich älter wurde, habe ich begriffen, wie furchtbar ernst das alles war. Aus der Schulklasse meiner Oma hat außer ihr nur ein Mädchen überlebt. Mit ihr war sie ihr Leben lang befreundet.

Meine Oma hat ihre Erinnerungen an Ghetto, Lager und Flucht aufgeschrieben, und als sie mit Anfang 80 gestorben ist, veröffentlichte ihre Freundin diese Erinnerungen in Kanada auf Polnisch. Manchmal denke ich daran, sie ins Deutsche zu übersetzen und zu versuchen, sie hier zu publizieren.

Jiddisch Auch nach dem Holocaust hatte meine Oma kein einfaches Leben. Sie musste mit vielen Verlusten zurechtkommen. Dreimal war sie verheiratet, und jeder ihrer Ehemänner ist gestorben. Als Schauspielerin hat sie überwiegend auf der Bühne gestanden. Vom Jüdischen Theater kamen oft Kollegen zu ihr nach Hause und nahmen bei ihr Sprachunterricht, weil sie Jiddisch konnte. Und alle haben von ihren Heringen mit Zwiebeln geschwärmt.

Nach all dem, was meine Großmutter erlebt hatte, konnte sie an keinen Gott mehr glauben. Sie war Atheistin. Erst vor Kurzem ist mir aufgefallen, dass es bei ihr aber nie Schweinefleisch gab – das war einfach so. Meine Mutter ist zwar atheistisch aufgewachsen, hat sich aber immer für Religion interessiert und war lange Zeit praktizierende Buddhistin. Mein Vater ist immer für alles offen. Wir Kinder wurden in keiner bestimmten Religion erzogen, meine Eltern haben uns vermittelt: Ihr sollt selbst auswählen. Und: Es gibt keine perfekte Religion. Doch der Glaube an Gott und vor allem moralische Werte galten bei uns als wichtig.

Mein älterer Bruder hat sich später für das Judentum entschieden und ging an die Berliner Jeschiwa. Er ist Rabbiner geworden, das war neu für meine Familie. Ich selbst bin zwar offiziell konfessionslos, doch ich interessiere mich sehr für das Judentum. Irgendwann möchte ich mein Hebräisch verbessern, das auf dem Basisniveau stehen geblieben ist.

Orgel Im Zentrum meines Lebens steht die Musik. Angefangen habe ich, als ich sieben war, mit dem Klavier. Ich habe es nicht so gern gemocht und wenig geübt. Trotzdem war immer klar, dass ich mit der Musik weitermachen würde. Später, mit 13, wollte ich Horn lernen. Ich dachte, es sei ein einfaches Instrument – doch welch ein Irrtum! Mit 14 kam die Orgel dazu. Sie ist komplizierter als das Klavier, trotzdem spiele ich lieber Orgel. Ich habe das Gefühl, sie passt besser zu mir.

Zu Hause in meiner kleinen Wohnung habe ich eine elektronische Orgel, ein modernes Horn, ein kleines Jagdhorn sowie ein Naturhorn aus dem 19. Jahrhundert – danach musste ich lange suchen. Ein historisches Instrument klingt ganz anders als ein modernes. Ich mag das Naturhorn sehr, habe es zwei Jahre in Basel studiert.

Als freie Musikerin mache ich viele Dinge: Ich gebe Hornunterricht für Kinder und assistiere im Sommer den Organisten bei Orgelkonzerten im Freiburger Münster. Außerdem bin ich Aushilfe in Orchestern der ganzen Region, zum Beispiel in Baden‐Baden oder Konstanz. Und in letzter Zeit gebe ich auch oft Konzerte: Ich am Horn, und mein Orgelprofessor Klemens Schnorr begleitet mich. Wir machen Tourneen durch Deutschland und treten auch im Ausland auf, unter anderem in Frankreich und Sizilien. Auch mit Gerhard Gnann, einem Orgelprofessor aus Mainz, trete ich auf.

Und dann gibt es noch das »Quintetto Querceto«: Ich spiele Horn, die vier anderen Oboe, Klarinette, Fagott und Klavier. Vor drei Jahren haben wir uns gegründet und uns nach der mittelalterlichen Burg Querceto in der Toskana benannt, denn dort hatten wir unser erstes Konzert. Das war für uns ein magischer Ort, an den wir unbedingt zurückkehren wollten. Aber wie? Wir hatten eine Idee: Diesen Sommer werden wir nun schon zum dritten Mal wieder Busse organisieren und eine Woche lang einen Musikkurs auf der Burg anbieten. Unsere Schüler kommen von überall her. Und weil wir alle Tango‐Liebhaber sind, tanzen wir und bieten auch Tango an.

Flugzeuge Dass ich Musik studieren würde, stand schon lange fest. Doch es gibt auch anderes, was mich interessieren würde. Zum Beispiel wäre ich auch gern Pilotin geworden. Doch die Ausbildung gab es in Polen früher nur für Männer an Militärschulen; inzwischen sind dort auch einige wenige Frauen. Ich bin allerdings kurzsichtig, darum würden sie mich ohnehin nicht nehmen. Aber wenn ich irgendwann Geld und Zeit habe, würde ich gern den Flugschein machen.

Spannend hätte ich es auch gefunden, Orientalistik zu studieren. Doch was könnte ich hinterher damit anfangen? Das erste Jahr meines Studiums habe ich noch in Warschau verbracht. Dann lernte ich bei einem Musikkurs in der Schweiz einen Hornprofessor aus Freiburg kennen und wollte gern bei ihm weiterstudieren. Als ich nach Freiburg kam, sprach ich überhaupt kein Deutsch. Ich habe nie einen Kurs besucht. Inzwischen habe ich festgestellt, dass ich Sprachen nur wie ein Kind lernen kann: zuhören und anfangen zu sprechen.

Die ersten Monate in Freiburg waren schwer für mich. Damals sind zu Hause einige Menschen gestorben, die ich gut kannte, auch ein guter Freund. Und ich war so weit weg. Und allein. Manchmal saß ich in der Hochschule und habe geweint. Die anderen dachten, ich hätte Heimweh.

Gefühl Freiburg ist klein im Vergleich zu Warschau, aber das hat mir immer gefallen: eine kleine Großstadt nahe den Bergen. Es ist bequem, man hat kurze Wege – ich mag Freiburg. Natürlich vermisse ich Warschau manchmal, leider komme ich nur etwa zwei Mal im Jahr da hin. Mir fehlen meine Familie und einige Freunde. In Warschau habe ich mich freier gefühlt als in Freiburg; ich hatte das Gefühl, machen zu können, was ich will. Hier ist alles kleiner, die Menschen kennen und beobachten einander. Ich vermisse auch die Warschauer Jazzkneipen. Und das polnische Essen! Bei uns isst man viele Suppen – und Piroggen. Das sind mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Maultaschen. Es gibt aber auch süße, zum Beispiel mit Obst gefüllt.

Ich lasse es offen, ob ich nach Polen zurückgehe, in Freiburg bleibe oder ganz woanders hingehe. Falls ich eine feste Stelle als Hornistin in einem Orchester haben will, kann ich nicht bleiben. In Freiburg müsste ich als Freiberuflerin weitermachen.

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