Porträt der Woche

Mit und ohne Worte

»Ich träume davon, ein eigenes Theater zu haben«: Michail Milmeister (68) aus Schöneiche Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Mit und ohne Worte

Michail Milmeister ist Regisseur, Schauspieler, Pantomime und Angler

von Christine Schmitt  23.06.2023 10:58 Uhr

Wir waren unterwegs. Mein Vater, meine Frau, meine zwei Kinder und ich saßen in einem Bus, der Russlanddeutsche und uns zu verschiedenen Heimen bringen sollte. Zwei Wochen zuvor waren wir aus der Ukraine emigriert und hatten die Zeit in einem Aufnahmelager verbracht.

Alle anderen Mitfahrer waren schon an ihren neuen Unterkünften abgesetzt worden, nur wir saßen noch im Bus. Der fuhr erst noch über die Autobahn, dann auf einer schmaleren Straße, schließlich gelangten wir in ein Dorf. Die nächste Straße war eine Schotterpiste. Meine Tochter sagte: »Wie in unserer Heimat.«

dreizimmerwohnung Vor einem grauen, kasernenartigen Haus stiegen wir vor 22 Jahren aus. Aber dann begrüßte uns die Heimleiterin freundlich und führte uns in unsere Dreizimmerwohnung. Als ich am nächsten Morgen wach wurde, dachte ich, dass wir es gut haben. Es ist schön hier, es gibt nette Leute und den Wald. Das war einer meiner ersten Eindrücke von Schöneiche.

Und ich lebe immer noch gern hier. In dieser Natur finde ich Plätze zum Angeln und zum Pilze sammeln. Eigentlich kocht meine Frau Mascha, aber für Gefilte Fisch bin ich der Spezialist. Die Pilze verarbeite ich und konserviere sie in Gläsern, die ich oft an Freunde verschenke.

Was mir noch sehr an Schöneiche gefällt, ist unser Integrationsverein Schtetl, der von jüdischen Zuwanderern, Spätaussiedlern und Einheimischen vor mehr als 20 Jahren gegründet wurde. Der damalige Bürgermeister Heinrich Jüttner empfahl, einen jüdischen Akzent zu setzen. Denn auch, wenn in Schöneiche nicht so viele Juden leben, so gebe es viele Menschen, die an der jüdischen Religion und Kultur interessiert seien, so sein Eindruck. Das kann ich nur bestätigen. Seitdem feiern wir jüdische Feste wie Purim und Chanukka im Verein – natürlich mit Theateraufführungen.

PUBLIKUM Aber wie soll vor einem deutschen Publikum Theater gespielt werden, wenn alle Darsteller Russisch-Muttersprachler sind? Da konnte nur eines helfen: Pantomime. Ohne ein Wort zu sprechen, kann man Hass oder Liebe ausdrücken, Trauer oder Freude. Auf der Bühne bin ich Regisseur, Schauspieler, Souffleur, Sänger, Tänzer. Ich mag es, Zuschauer zu animieren. Meistens male ich auch die Kulissen und entwerfe die Requisiten.

So ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, liebe ich ebenfalls, gern arrangiere ich dazu auch die Musik. Das hört sich nach viel Arbeit an – das ist es auch. Am liebsten arbeite ich bis spät in die Nacht, weshalb mein Morgen erst beginnt, wenn es schon ein paar Stunden hell ist.

Da es immer schwieriger wurde, mit meiner Kunst Geld zu verdienen, wurde ich Straßenkünstler.

Schon als Kind zeichnete und malte ich gern – am liebsten Porträts. Meiner Mutter fiel mein Talent auf, sodass ich als Keramiker eine Ausbildung an der Uschhoroder Fachschule für angewandte Kunst absolvieren konnte. Da war ich 18 Jahre alt.

einzelkind Ich bin Einzelkind und wurde in Moskau geboren, verbrachte aber nur die ersten Lebensmonate dort. Mein Vater war Offizier bei der Armee und in Uschhorod stationiert, nach Ende seines Dienstauftrags beschlossen meine Eltern, in der Stadt zu bleiben, sie hatten sich schon eingelebt. Mein Vater zeichnete gern, und meine Mutter nannte sich selbst »Künstlerin im Rahmen der Küche« – dort sang und tanzte sie gern beim Kochen.

Neben der Schule lernte ich Klavier und interessierte mich auch für Schauspiel. Vor allem Pantomime. Meine Leidenschaft dafür wurde durch den französische Pantomimen Marcel Marceau entfacht, den ich im Fernsehen gesehen hatte. Mich faszinierte, dass man mit Gestik und Mimik alles darstellen kann. Zu Hause übte ich das allein vor dem Spiegel.

1975 – ich war gerade vom Wehrdienst zurückgekehrt – führte ich dem Leiter des städtischen Laientheaters vor, was ich schon konnte. Der beauftragte mich auf der Stelle, ein Pantomime-Studio zu gründen. Das war die Geburtsstunde des Theaters »Geste«. Zwischenzeitlich war das Laientheater in der Stadt populärer als das offizielle staatliche, weil in ihm so viele Begeisterte mitmachten, die sich von abgedroschenen Themen abwandten und neue Wege gehen wollten.

In einem technischen Betrieb wurde ich künstlerischer Gestalter und durfte Plakate entwerfen. Und es gab da einen Kulturklub, in dem ich ein Theater aufbauen konnte. Ich erfreute mich an den vielen Festivals, zu denen wir eingeladen wurden. Bei etlichen errangen wir Preise. In Moskau absolvierte ich mehrere Block-Seminare an der Schauspielschule, die über vier Jahre gingen, um noch besser als Regisseur für Pantomime zu werden. Allerdings spürte ich anschließend, dass ich nun etwas mit Worten machen mochte, und fing schließlich in einem Puppentheater an. Da war ich Regisseur und Schauspieler. Manche Vorstellungen waren für Erwachsene gedacht, andere für Kinder.

HOCHZEITSREISE Auch meine Frau Mascha habe ich in einem Theater kennengelernt. Sie saß damals bei einer Pantomimenaufführung im Publikum. Wir kamen uns näher und gehen seitdem durch dick und dünn und über Grenzen. 1978 haben wir geheiratet. Unsere Hochzeitsreise ging nach Kiew und Moskau, denn wir wollten Theatervorstellungen und Konzerte besuchen. Später kamen unsere Tochter und unser Sohn auf die Welt. Beide leben jetzt mit ihren Familien in Berlin, sodass wir es nicht weit zu ihnen haben. Mittlerweile haben wir sieben Enkelkinder.

Mir fehlen die Karpaten zwar sehr, aber mein Zuhause ist nun voll und ganz in Schöneiche.

Da es in den 90er-Jahren für mich schwierig war, mit meiner Kunst Geld zu verdienen, wurde ich Straßenkünstler und ging auf Reisen. Das war eine komplett neue Erfahrung. Wenn man mit seiner Theatertruppe auf der Bühne auftritt, ist das eine Sache. Egal, ob es ein großer oder kleiner Saal ist – wir traten auch auf großen Festivalbühnen vor mehreren Tausenden auf, wie etwa dem Luschniki-Stadion in Moskau – das Publikum sitzt vor dir. Was ganz anderes ist es, auf der Straße aufzutreten vor Menschen, die an dir vorbeieilen. Gar nicht so einfach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber mir ist es meistens gelungen.

Meine Verwandten lebten in Israel, also fuhr ich zuerst dorthin. Später auch nach Deutschland, Tschechien, Dänemark oder Frankreich. Es gab damals noch nicht das Schengener Abkommen, und ich musste für alle Länder Visa beantragen. Es war schwierig. Trotzdem gaben mir die Reisen den Impuls, übers Auswandern nachzudenken. Ich wollte ein Weltenbürger sein.

LUFTALARM Schließlich beschlossen wir, es tatsächlich zu wagen, und stellten einen Antrag, um als jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland aufgenommen zu werden. Es dauerte fünf lange Jahre, bis er schließlich bewilligt wurde und wir die Ukraine verlassen konnten. Natürlich dachten wir dabei auch an unsere Kinder, die in Deutschland bessere Chancen haben würden. So kamen wir erst nach Peitz in ein Aufnahmelager und dann nach Schön­eiche. Mein Vater kam auch mit, verstarb aber bereits zwei Jahre später.

Ich besuchte einen Sprachkurs, hatte aber keine Aussicht auf einen lukrativen Job. Indes konnte ich in Berlin und in Erkner wieder ohne Worte arbeiten – als Pantomime.

Früher lebten in Uschhorod 100.000 Menschen, seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine kamen sehr viele Geflüchtete aus dem ganzen Land dorthin, und nun sind es 300.000 Einwohner. Ich denke jeden Tag daran, was in der Ukraine passiert, telefoniere mit meinen Freunden. In Uschhorod fallen zwar keine Raketen, aber jeden Tag ertönt Luftalarm. Trotzdem ist es immer noch eine nette, gemütliche Stadt, mit vielen Cafés und Studierenden, die ich vor dem Krieg jedes Jahr besucht habe.

INTEGRATIONSPROJEKT Mir fehlen die Karpaten zwar sehr, aber mein Zuhause ist nun voll und ganz in Schöneiche, hier leben meine Freunde, sind Familienmitglieder beerdigt, und meine Kinder und Enkel sind ganz in der Nähe.

Ich träume davon, ein eigenes Theater zu haben. Immerhin kann ich nun im Integrationsprojekt »Impuls« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine eigene Theatergruppe leiten. Dafür bin ich der Leiterin Svetlana Agronik sehr dankbar. Dabei werde ich wieder viele Leute zusammenbringen, und wir können uns gemeinsam jüdischen Themen widmen. Und dieses Mal mit Worten.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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