Purim

Mit Diplomatie geht alles besser

Marie-Claire ist 13 Jahre alt und findet die Purimgeschichte spannend, hat sich aber nie als Esther verkleidet. Foto: Privat

Königin Esther ist bis heute die berühmteste Frauenfigur in der Purimgeschichte. Bei jüdischen Mädchen aus meiner Familie oder aus meinem Freundes‐ und Bekanntenkreis ist es immer noch sehr populär, an Purim als Königin Esther zu gehen – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder im Jugendzentrum.

Ich selbst habe mich an Purim noch nie als Königin Esther verkleidet, aber meine kleinen Cousinen schon – mit schönem Kleid und silberner oder goldener Krone und allem, was zu so einem richtigen Königin‐Kostüm dazugehört. Ich kenne die Esther‐Geschichte gut. Ich bin jetzt 13 Jahre alt, dieses Jahr werde ich 14, und vor meiner Batmizwa vor gut einem Jahr habe ich mich sehr damit beschäftigt.

Aus jüdischer Sicht ist Esther ein Vorbild, weil sie die Vernichtung der Juden verhindert hat, und ich denke, dieses Verhalten kann auch für andere ein Vorbild sein – dass man durch Überredungskunst etwas Schlimmes verhindern kann. In gewisser Form ist die Esther‐Geschichte aus der Bibel also bis heute aktuell – aber ich denke, nicht ganz so extrem wie damals. Eine Situation wie im alten Persien, eine Bedrohung für die Juden, könnte im Prinzip auch in der Moderne wieder so auftreten, aber nicht in so großem Ausmaß, glaube ich.

feiern
Die Geschichte von Purim ist jedenfalls sehr spannend, und das Wichtigste am Purimfest ist das Ende, so wie es in der Megilla erzählt wird: dass Haman, der Bösewicht und Judenfeind, keine Macht mehr hatte und hingerichtet wurde. Dass die Juden gerettet wurden und dass Esther das alles bewirkt hat. Das ist für uns wirklich ein Grund zum Feiern.

Ich denke, dass es gut war, dass Esther diplomatisch vorgegangen ist: Sie ist, nicht ohne um Erlaubnis zu fragen, zu ihrem Mann, dem König Achaschwerosch, gelaufen – obwohl sie durch ihren Onkel Mordechai von Hamans schrecklichen Plänen erfahren hatte, die Juden zu vernichten.

Trotzdem hat sie dem König nicht ungefragt gesagt, was sie wollte, um die schlimme Situation abzuwenden. Sondern sie hat sich in den Hof des Palasts gestellt und darauf gewartet, dass der König sie zu sich ruft, damit sie ihr Anliegen vortragen konnte. Und das, obwohl sie die Frau des Königs war!

Aber sie hat ihren Mann wohl ganz richtig eingeschätzt: So, wie man den König Achaschwerosch vorher kennengelernt hatte in der Geschichte, hätte Esther sonst wahrscheinlich keinen Erfolg gehabt mit ihrer Forderung, die Juden zu retten. Der König hätte sie wohl einfach weggeschickt – so, wie er seine erste Frau Vashti auch weggeschickt hat, als sie ihm nicht gehorchte. Und so hat es letztendlich doch geklappt, was Esther vorhatte.

taktik Manche vergleichen Königin Esther mit Achaschweroschs erster Frau, Vashti, und sagen, dass Esther die bessere Taktik hatte, weil Vashti so undiplomatisch war. Da bin ich mir aber gar nicht so sicher. Ich denke, dass die beiden Frauen sich einerseits ähnlich sind, andererseits aber auch nicht. Jedenfalls haben sie sich beide durchgesetzt und sich beide geweigert, sich dem König zu unterwerfen.

Es stimmt, Vashti war undiplomatischer als Esther, und der König Achaschwerosch hat sich schließlich von ihr scheiden lassen und sich eine neue Frau gesucht (Esther), aber trotzdem hat auch Vashti ihre eigene Meinung durchgesetzt. Sie hat auf ihre Interessen geachtet: Sie wollte nicht für die Gäste des Königs bei seiner Party tanzen, und sie hat es auch nicht getan. Vashti hat also in ihrer direkten Art erreicht, was sie wollte – genau wie Esther in ihrer eher indirekten Art.

Esther‐Fasten Ich weiß, dass es vor Purim einen Fastentag gibt, zum Gedenken an das dreitägige Fasten, das Königin Esther in Persien ausgerufen hat: Taanit Esther. Ich persönlich habe aber noch nie vor Purim gefastet. Ich kenne auch keinen anderen, der das tut. Das machen wohl eher die Strenggläubigen. Aus meinem jüdischen Bekanntenkreis fastet jedenfalls niemand vor Purim.

Aber ich habe kein Problem damit, wenn jemand das tut, schließlich ist Esther für die meisten jüdischen Mädchen ein Vorbild, egal, wie religiös sie sind.

Die Autorin besucht eine Schnellläuferklasse des Berliner Humboldt‐Gymnasiums.

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