Dortmund

Mit dem Davidstern auf der Brust

Regen, kalte Temperaturen und graue Wolken am Himmel über Dortmund: Die Maccabi World Union (MWU) hätte sicher besseres Wetter zu ihrem 100. Geburtstag verdient, als es der herbstlich anmutende letzte Augustsonntag zu bieten hatte.
Die Witterung stand im Kontrast zur Stimmung auf der Veranstaltung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund: 120 Gäste hatten sich in der großen Veranstaltungshalle eingefunden, die so hoch und luftig ist, dass kaum jemand eine Maske trug.

Man merkte den Besuchern an, wie froh sie über dieses zurückgewonnene Stück Normalität waren. Normalität, das ist es auch, was den Alltag von Makkabi weitgehend bestimmt. Die Maccabi World Union hat 500.000 Mitglieder in über 70 Ländern, die in 450 Vereinen sind. Viele, aber längst nicht mehr alle, sind Juden.

Juden, die Sport machen wollten, mussten sich zusammenschließen.

Das war vor 100 Jahren anders, und es war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der einen der wichtigen Anstöße zur Gründung der jüdischen Sportvereine in einer Videogrußbotschaft in Erinnerung rief: »Die Gründung jüdischer Sportklubs war damals auch eine Antwort auf antisemitische Tendenzen, die sich in der deutschen Turnbewegung verfestigten und ausbreiteten und immer wieder dazu führten, dass Menschen jüdischen Glaubens aus Vereinen ausgeschlossen oder als Mitglieder zweiter Klasse angesehen wurden.«

MOTIVATION Juden, die Sport machen wollten, mussten sich zusammenschließen, weil es immer schwieriger wurde, im Sportverein in der Nachbarschaft aktiv zu werden. Aber das war nicht der einzige Grund. Auch der Zionismus spielte eine wichtige Rolle. Für die Schaffung des herbeigesehnten Staates Israel wurden »Muskeljuden« gebraucht: kräftige Menschen, die anpacken, Häuser bauen und Felder bestellen konnten.

Vor allem für die Vereine, die sich unter dem Dach von Makkabi zusammenschlossen, war das eine wichtige Motivation, die allerdings nicht von allen Sportlern in anderen jüdischen Vereinen geteilt wurde.

Die weltweite Makkabi-Bewegung hatte also ihren Ursprung in Deutschland: wegen des ab der vorletzten Jahrhundertwende anwachsenden Judenhasses, aber auch wegen des Zionismus, der in Deutschland zu dieser Zeit an Bedeutung gewann.

ERINNERUNG Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wuchsen die jüdischen Sportvereine, da es für Juden keine Alternativen mehr gab, organisiert Sport zu treiben. 1938 wurden auch sie alle verboten.

»Die Nationalsozialisten«, sagt Manuel Neukirchner, Direktor des Deutschen Fußballmuseums, »haben nicht nur jüdische Sportler verfolgt und getötet, sondern auch die Erinnerung an ihre Leistungen ausgelöscht.« Er betont: »Ihre meist vergessenen Lebensläufe und Verdienste wollen wir würdigen. So haben jüdische Funktionäre und Fußballer die Entwicklung des deutschen Fußballs maßgeblich beeinflusst.«

Jüdische Sportler und Funktionäre wurden aus dem Medaillenspiegel und den Geschichtsbüchern gestrichen. Julius Hirsch zum Beispiel, der sieben Mal für die Fußballnationalmannschaft spielte und in Auschwitz ermordet wurde, oder der gebürtige Dortmunder Benno Elkan, der Bayern München mitgründete und später als Bildhauer in London weltberühmt wurde. Auch Kurt Landauer gehörte zu ihnen, der legendäre Präsident des FC Bayern München, der, woran Nordrhein-Westfalens stellvertretender Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) auf dem Festakt erinnerte, von Bayerns »Ultras« vor dem Vergessen bewahrt wurde.

ERFOLGSGESCHICHTE 1965 wurde Makkabi in Deutschland von Max Loewy wiedergegründet. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Bereits ein Jahr später gab es wieder acht Vereine mit 1000 Mitgliedern. Schon 1969/70 nahmen jüdische Sportler aus Deutschland wieder an der Makkabiade in Israel teil. Vom Publikum wurden sie mit tosendem Applaus empfangen.

Heute hat Makkabi in Deutschland weit über 5000 Mitglieder, die in 37 Vereinen organisiert sind. Viele, aber längst nicht mehr alle, sind Juden. »In der Makkabi-Familie«, sagt Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland, »sind alle Menschen willkommen, die unsere demokratischen Werte teilen.«

Dass Makkabi in den vergangenen Jahren wuchs, lag auch an muslimischen Flüchtlingen, die den Vereinen beigetreten sind. Immer wieder kommt Meyer auf die Bedeutung der demokratischen Werte zu sprechen. Sie sind zentral für ihn, und was bei anderen Sportfunktionären oft wie ein Lippenbekenntnis klingt, ist ihm eine Herzenssache.

INTEGRATION Das hat er mit Josef Schuster gemein, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, der gleich zu Beginn bekennt, noch nie ein großer Sportler gewesen zu sein. Die Makkabi-Vereine, sagt Schuster, seien für die jüdischen Gemeinden wichtig. Sie hätten bei der Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion eine große Rolle gespielt. Makkabi stehe für Integration im Sport und im Wettkampf: »Nicht Jude gegen Nichtjude, sondern Sportler gegen Sportler.«

Doch so, wie es sein sollte, ist es längst nicht immer. Jüdische Sportler erleben antisemitische Anfeindungen durch andere Sportler, Funktionäre oder das Publikum.

Die Makkabi-Vereine sind für die jüdischen Gemeinden wichtig.

Peter Peters, Interimspräsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), kennt das Problem und zeigt sich bereit, hart durchzugreifen: »Mit unserer vielschichtigen Präventionsarbeit beim DFB erinnern und ermahnen wir, aber wir müssen auch bereit sein, rigoros zu sanktionieren, um Entwicklungen Einhalt zu gebieten, die wir nicht zulassen wollen und dürfen.«

HALTUNG Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sieht, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt. »Da gilt es gegenzuhalten. Deshalb engagieren wir uns in vielen Initiativen wie beispielsweise ›Zusammen1‹, wo es darum geht, nach den Ursachen von Antisemitismus zu forschen, Haltung zu zeigen und gemeinsam aktiv zu werden.«

Die Initiative will Spielern und Trainern Bildungsangebote zu den Hintergründen des Antisemitismus anbieten und sie dabei unterstützen, eine klare Haltung zu entwickeln. Alon Meyer macht deutlich, dass Antisemitismus kein Problem der unteren Ligen sei: »Es gab Boykotte israelischer Spieler bei den Olympischen Spielen in Tokio, Fußballprofis, die ›Free Palestine‹ in den sozialen Medien posten oder offen undemokratische Politiker unterstützen.«

Tu Bischwat

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