Antisemitismus

Mit Bildung gegen das Böse?

Götz Aly und Michael Wolffsohn Foto: Rafael Herlich

»Die Haupttäterschaft liegt bei Deutschland, aber die Völker Europas haben mitgeholfen, und die Welt hat weggeschaut«, sagte Marc Grünbaum, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, Ende Juni im überaus gut besuchten Saal im Gemeindezentrum in der Savignystraße.

Der Historiker und Journalist Götz Aly versucht in seinem jüngsten Buch Europa gegen die Juden, 1880–1945 dieUrsache des Judenhasses in Europa und den Weg zur Schoa zu ergründen.
In Frankfurt führte Aly ein Podiumsgespräch mit dem Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn.

Thesen »Es geht nicht darum, die Schuld der Deutschen zu relativieren, sondern sie zu erklären«, betonte Aly, dessen Thesen seiner Beschäftigung mit dem modernen Antisemitismus abseits des religiösen oder mittelalterlichen Judenhasses entspringen.

Abgesehen vom Nationalismus und den sozialen Krisen im 19. und 20. Jahrhundert sieht der Historiker vor allem den Bildungsvorsprung der jüdischen Minderheit und den Sozialneid der christlichen Mehrheit in den europäischen Staaten als Grund für die Judenfeindlichkeit, für Pogrome und Vertreibung in
West‐ und Osteuropa. Vom religiösen habe sich der Antisemitismus
zunehmend zum sozialen, wirtschaftlichen und politischen Vorurteil gewandelt.

Die hohe soziale Mobilität der Juden nennt Götz Aly
als eines der Hauptmotive der Ablehnung. Juden konnten lesen und schreiben, das gehörte zur jüdischen Gesetzeswelt. Ihre Kinder drängten schneller und häufiger zu Abitur oder Studium als die Kinder christlicher Mehrheiten. Juden machten rascher Karriere.

Sozialer Aufstieg Während der soziale Aufstieg in christlichen Familien vier oder fünf Generationen dauern konnte, kamen Juden, deren Hintergrund mehrheitlich von Vertreibung und urbanem Leben geprägt war, schon viel früher zum
Erfolg. Im frühen 20. Jahrhundert erwarben über 60 Prozent der jüdischen Kinder einen höheren Schulabschluss, bei den Christen waren es nur knapp sieben Prozent.

In Russland, wo die meisten Juden im 19. und 20. Jahrhundert lebten, war ein Drittel der Studenten jüdischer Herkunft. Aus Protektionsgründen, also um das eigene Klientel zu schützen, so Götz Aly, gab es für Juden daher sehr bald NC und Berufsbeschränkungen. »Neid macht hässlich, daher muss man ihn tarnen. Dann sind die anderen eben nicht schlauer, sondern unfair, hinterhältig, unehrlich«, so der Historiker.

Universitäten Besonders ausgeprägt, berichtet Götz Aly, war der Antisemitismus bei den Eliten, etwa den Hochschulprofessoren – »überall dort, wo der Konkurrenzdruck
groß war«. Daher sei das Hochschulwesen im Nationalsozialismus auch viel früher »braun« gewesen als der Rest der Gesellschaft.

In Berlin etwa wurden durch das Berufsverbot für Juden an den Universitäten 1500 Stellen frei – und plötzlich kamen auch solche Akademiker in Lohn und Brot, die vorher nicht zum Zuge gekommen waren. In Wien, so Götz Aly, gab es durch die Deportationen der Juden mit einem Schlag über 4000
leerstehende Wohnungen für Nichtjuden. Das sei das Perfide der
nationalsozialistischen Strategie gewesen.

Auch besetzte oder kollaborierende Länder wie Griechenland, Frankreich, die Niederlande oder etwa Österreich hätten profitiert, das Vermögen der Juden sei teilweise in die Staatskasse geflossen und an die Bevölkerung verteilt worden. In Polen, Frankreich, Belgien oder auch Litauen und Ungarn arbeiteten Teile der Behörden und Bürger mit den Nazis zusammen, eskortierten ihre Soldaten oder Gendarmen die Vertrieben und Deportierten bis an die Grenzen oder zu den Lagern.

Entrechtung Damit machten sie sich mitschuldig, wurden mit in den Strudel des Bösen gezogen. »Die Entrechtung wirkte integrativ. Und wer Juden entrechtet, sie ausraubt, der will nicht, dass sie zurückkommen«, betonte der Historiker. Wer A sagt, muss auch B sagen, habe Joseph Goebbels das genannt. Dafür, dass der Antisemitismus in Mord umschlug, macht Aly den Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Der von Nazi‐Deutschland brutal
geführte Krieg habe die letzten moralischen Schranken brechen lassen.

Den Historiker Michael Wolffsohn, der mit Götz Aly auf der Bühne
diskutierte, ließ besonders eine These ratlos zurück. Aly belege in
seinem Buch, dass der Antisemitismus in Europa nochmals zunahm, als die christliche Mehrheit beim Bildungsstand aufholte oder mit den Juden gleichzog. »Neid entsteht in sozialer Nähe, sehr viel weniger zwischen gut getrennten Gruppen«, schreibt er. Die Bildungspolitik der Moderne, die die massenhafte Aufwärtsmobilität förderte, habe den Hass also befeuert statt gedämpft.

Ambivalenz »Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten«, schlussfolgerte Aly. Eine Ambivalenz, deren Gültigkeit auch für politische Ideen der europäischen Neuzeit in Betracht gezogen werden müsse: Demokratie, Volksfreiheit, Volkswissen, Selbstbestimmung, soziale Gleichheit.

Eine Diagnose, die Wolffsohn als »niederschmetternd«
bezeichnete: »Was können wir da heute noch tun?« Bislang habe es immer geheißen, Bildung sei das Allheilmittel gegen Antisemitismus, Rassismus oder Terror. Eine Prämisse, die zumindest laut Götz Aly so heute nicht mehr haltbar ist.

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