Porträt der Woche

»Mich reizen Sprachen«

Ist in ihrer Freizeit im Jugendzentrum der Frankfurter Gemeinde aktiv: Veronika Nedlin (20) Foto: Judith König

Im Moment ist es bei mir etwas chaotisch, denn ich muss viele Sachen für mein bevorstehendes Studium erledigen. Ich bereite Bewerbungen für drei Universitäten in verschiedenen Ländern vor. Da fallen viele Sachen an: Empfehlungsschreiben etwa, die ich noch brauche, und unterschiedliche Unterlagen für die jeweiligen Länder. Bis man das alles zusammen hat! Das ist so zeitaufwendig.

Um meine Bewerbungen kümmere ich mich zwischendurch, denn ich gehe auch arbeiten. Zuerst hatte ich einen Job in einer Werbeagentur, seit einigen Wochen bin ich bei einer Versicherung. Da ich möglichst viele neue Sachen ausprobieren möchte, passt das gut. Bis Januar habe ich an der Börse gearbeitet. Das ist ein Riesenunterschied zur Agentur oder Versicherung, wo ganz andere Menschen tätig sind.

Ursprünglich komme ich aus St. Petersburg. Dort bin ich geboren. Wir sind seit 1992 in Deutschland, damals war ich gerade mal ein Jahr alt. Die erste Zeit haben wir in Kaiserslautern gelebt, später sind wir dann nach Frankfurt am Main gezogen.

abitur Vergangenes Jahr habe ich hier in Frankfurt auf einer Europa‐Schule mein Abi gemacht – und auch das Baccalauréat, also das französische Abitur. Ich hatte seit der fünften Klasse zweisprachigen Unterricht, manche Fächer sind ganz in Französisch. Sprachen haben mich schon immer gereizt. Eigentlich wollte ich auf die International School gehen, da ist die Unterrichtssprache Englisch. Das war mir näher als Französisch, weil mich Amerika sehr viel mehr interessierte. Ich habe mir die Ziehen‐Schule angeguckt, sie hat mir gefallen, und dann habe ich mich dafür entschieden.

Inzwischen weiß ich mehr oder weniger, wohin ich beruflich will. Ich würde gern Internationale Beziehungen studieren, diesen Studiengang gibt es in Deutschland nur als Master. Ich möchte daher im Ausland studieren und habe mich ausführlich erkundigt: Infrage kommen für mich Holland, Österreich und Frankreich. In Nancy ist das Studium auf Europa spezialisiert, dreisprachig und sehr anspruchsvoll. Nancy wäre schon toll! Danach schwebt mir momentan eine Arbeit im Diplomatischen Dienst vor. Meinen Schwerpunkt würde ich gerne auf Entwicklungshilfe legen. Das ist natürlich ein weiter Weg!

Bei der Berufswahl ist es mir sehr wichtig, dass ich etwas Sinnvolles tue. Ich finde, um Entwicklungshilfe wird sich nicht genug gekümmert. Ich helfe und organisiere gern, kann mich gut auf andere Kulturen einstellen und bin gern im Ausland. Es würde also vieles gut passen. Abgesehen davon denke ich, dass mir die Arbeit auch sehr viel Spaß machen würde.

Vorerst jobbe ich, um Geld zu verdienen. Denn vor Beginn des Studiums möchte ich sehr gern noch auf Weltreise gehen. »Work and travel« kommt für mich nicht infrage, weil ich nicht möchte, dass meine Reisepläne vom Geldverdienen abhängig sind. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, vorher viel zu arbeiten und genug Geld zu sparen, um dann finanziell unabhängig zu sein und einfach nur zu reisen.

Büro Meine Dienstzeiten ändern sich von Monat zu Monat. Wenn ich morgens arbeite, dann beginnt meine Schicht schon um 7.30 Uhr. Zum Glück ist das Büro gleich um die Ecke, da kann ich zu Fuß hingehen. Es reicht, wenn ich gegen 6.30 Uhr aufstehe. Zu Hause trinke ich vielleicht mal einen Tee, aber ich frühstücke nicht wirklich.

Als ich noch zur Schule ging, habe ich viel Sport getrieben, vor allem zu festen Zeiten. Jetzt gehe ich zweimal in der Woche ins Fitness‐Studio, das ist ganz in der Nähe unserer Wohnung. Meist trainiere ich zwei Stunden. Es gibt dort eine Sauna und einen Pool, da halte ich mich auch ganz gerne auf. Oft höre ich beim Sport Musik. Das finde ich gut zum Abschalten. Ich habe eine Menge um die Ohren und unternehme viel, deswegen ist es gut und wichtig, mal abzuschalten. Wenn es nicht kalt ist, gehe ich joggen, meistens mit Freunden.

Der Samstag ist mein freier Tag. Da versuche ich, mir keine Termine zu legen und mich nicht zu verabreden, damit ich das machen kann, worauf ich spontan Lust habe. Sonntags bin ich im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde. Ich leite dort die Gruppe der 15‐ bis 20‐Jährigen. Auch in der Woche bin ich hin und wieder dort, um Leute zu treffen oder um das eine oder andere zu erledigen.

Ich reise gern und viel. Es kommt auch vor, dass ich übers Wochenende weg bin. Dann suche ich nach einer Vertretung für meine Jugendgruppe. Nach dem Abi war ich häufig unterwegs: Anfang Juni hatte ich einen Job in England, arbeitete für einen Veranstalter, der Sprachreisen für Kinder und Jugendliche organisiert. Der Lerneffekt für die Kinder war, glaube ich, nicht so toll, aber für mich war das eine coole Zeit. Danach war ich zwei Wochen in Italien auf einer Ferienfreizeit der ZWST und im Anschluss daran mit meinen Eltern eine Woche in Spanien. Und bevor ich im Herbst angefangen habe zu jobben, bin ich noch für eine Woche nach Portugal.

Ich war auch schon in Kanada. Dort habe ich ein Schuljahr verbracht, war bei einer Gastfamilie in Montréal. In letzter Zeit bin ich viel in Europa unterwegs gewesen, habe Freunde besucht in Holland, England, Frankreich und der Schweiz.

Hebräisch Ich könnte mir auch vorstellen, eine Zeit lang in Israel zu leben. Das Land und die Kultur gefallen mir sehr, auch die Sprache. In der Schule habe ich bis zur vierten Klasse Hebräisch gelernt. Ich ging auf die Jüdische Schule. Verstehen kann ich Hebräisch noch erstaunlich gut, aber ich spreche es kaum, nur ab und zu im Jugendzentrum.

Neben dem Reisen interessiere ich mich fürs Schauspiel. In der Schule habe ich in der English‐Drama‐Group mitgemacht. Wir haben Stücke auf Englisch aufgeführt. Lange habe ich überlegt, ob ich beruflich nicht doch besser diesen Weg versuchen sollte. Deshalb habe ich sogar mit einigen Schauspielern und Regisseuren gesprochen. Aber ich glaube, dass es schwierig ist, in diesem Bereich Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Mit Kindern stelle ich mir das schwierig vor, zumal man als Schauspieler nicht genau weiß, ob man ein Engagement bekommt, wohin der Auftrag einen führt und ob das Geld zum Leben reicht.

Ich habe mal bei »Congusto« mitgemacht, einer freien Gruppe in Frankfurt. Freunde von mir haben das als eine Art Kulturorganisation gegründet und widmen sich unterschiedlichen Plänen: Musik, Modenschau, Theater, Partys, Film. Es gibt kein festes Ensemble, je nach Projekt können andere Leute mitmachen. Über »Congusto« habe ich einen Auftrag bekommen für einen Image‐Film des Arbeiter‐Samariter‐Bunds. Ich hatte eine Rolle als Altenpflegerin. Der Film will den Zuschauern diesen Beruf näherbringen. Mit dem Auftrag war für mich ein Praktikumstag im Altersheim verbunden, damit ich einen Einblick in die Arbeit von Altenpflegern bekomme. Das war interessant.

Momentan bin ich recht zufrieden mit meinem Leben. Ich bin Mitglied beim »Jungen Schauspiel«. Man kann sich dort für verschiedene Projekte bewerben und an unterschiedlichen Programmen teilnehmen. Es werden Workshops angeboten, Theaterbesuche und Gesprächsrunden mit Schauspielern und Regisseuren. Ich habe mich jetzt fürs Medea‐Projekt beworben und war im Auswahl‐Workshop. Mal sehen, ob ich genommen werde. Die Proben sind sehr intensiv. Wenn ich ausgesucht werde, habe ich einen vollen Terminkalender.

Aufgezeichnet von Canan Topçu.

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