Augsburg

Melodischer Schatz

Ließ sich zum Kantor ausbilden, wollte jedoch nie »Berufsjude« werden: Robert Singer Foto: Andreas Pessenlehner

Ende der 50er-Jahre fiel Robert Singer die erste Schallplatte mit einer Kantorenaufnahme in die Hände. Da war ihm allerdings noch nicht bewusst, dass dies der Beginn einer großen Sammelleidenschaft sein würde. Über die Jahre hat der Wiener 200 gedruckte aschkenasisch-liturgische Werke, 2.000 Seiten handschriftlich notierter Kantorenmelodien und an die 1.000 Tonträger zusammengetragen.

Einige von ihnen sind Unikate: Er hat sie selbst in Synagogen aufgenommen, am Schabbat. »Das war natürlich verboten, aber ich habe einfach mitgeschnitten.« Wenn er später mit den Kantoren, deren Gesang er aufgenommen hatte, darüber sprach, zeigten sie sich zunächst entsetzt. »Aber dann hat jeder von ihnen gesagt: Lass hören.«

Familienerbe Beruflich ist Singer seit vielen Jahren als Versicherungsmakler im Industriebereich tätig. Die Synagogalmusik begleitet ihn allerdings wesentlich länger als das Geschäft mit den Policen. Jeden Sonntag musizierte sein Vater mit Kantorenfreunden in der Wohnung in Budapest, welche die Familie in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre bewohnte. Sie sangen gemeinsam aschkenasische Melodien.

Singers Vater war sowohl Direktor einer Textilfabrik als auch chassidischer Rabbiner, der beim Satmarer Rebben gelernt hatte. Unter den Kantorenfreunden fanden sich Orthodoxe ebenso wie Neologen (die ungarische Ausprägung des konservativen Judentums). Und diese waren »dickste Freunde«, wie sich Singer erinnert. Doch irgendwann, da fehlte eines Vormittags einer. Der nächste folgte.

Auswanderung Im Jahr 1965 wanderte dann auch die Familie Singer aus, zunächst nach Antwerpen, wo der Vater als Textilfachmann Arbeit fand, wenig später nach Wien. Die Misrachi hatte ihn eingeladen, hier als Rabbiner tätig zu sein. Auch der Sohn war nun jeden Tag in der Synagoge anzutreffen. Ein besonderes Vergnügen war es für ihn, dem Vater beim Singen zuzuhören. »Mein Vater hatte ein phänomenales Melodiengedächtnis.«

Den Wunsch, ebenfalls Rabbiner zu werden, hatte er nicht. So war der Besuch einer Jeschiwa keine Option. Singer ließ sich aber zum Kantor ausbilden. Da es in Europa keine Kantorenschulen mehr gab, studierte er klassischen Gesang, dies allerdings bei Edvin und Hedda Szamosi, den Enkeln von David Hartmann, einem berühmten orthodoxen Oberkantor von Budapest.

Dennoch hat sich Singer auch hier gegen die Kantorenlaufbahn als Broterwerb entschieden. Berufe wie Rabbiner, Kantor, Schammes brächten ein schwieriges Umfeld mit sich, meint er. Außerdem ging und geht es ihm gegen den Strich, dass es heute weit verbreitet ist, »dass der Rabbiner und/ oder Kantor das religiöse Alibi für eine an sich nicht religiöse Gemeinde darstellt«.

oberkantor Singer ist ein Mann der klaren Worte: »Viele Jahre konnte ich beobachten, wie Rabbiner und Kantoren von ihren Arbeitgebern behandelt worden sind. Da beschloss ich schon 1982, als ich das Angebot bekam, Oberkantor in Brüssel zu werden, definitiv kein Berufsjude zu werden.«

Es macht ihm aber viel Freude, wenn er, wie seit 1974 jedes Jahr, zu den Hohen Feiertagen in verschiedenen Gemeinden von Cannes über Göteborg, Berlin bis Mainz singt. Vergnügen bereitet es ihm auch, sich immer wieder von Neuem auf die Suche nach Quellen für aschkenasischen Kantorengesang zu machen. Bei einer Recherche stieß er vor ein paar Jahren im Internet auf die Sammlung Marcel Lorand, die sich im Besitz der Bibliothek der Universität Augsburg befindet.

Lorand war ein Freund seines Vaters gewesen. Das weckte Singers Interesse, und er fragte bei der Bibliothek nach. Diese wiederum erfuhr so von Singers eigener, übrigens umfangreicherer Sammlung als jener Lorands. Und dann fragte man ihn, ob er sich vorstellen könne, seinen Schatz der Uni zu übergeben.

Interesse Singer freute sich über das Interesse. In Österreich hat er Ähnliches bis jetzt nicht erfahren. Es sei ihm daher nicht schwer gefallen, seine Sammlung künftig außerhalb Österreichs zu wissen. »Ich bin kein Bittsteller. Und ich habe bisher nirgendwo ein Interesse entdeckt.«

Die Augsburger Unibibliothek, die die Materialien in drei Tranchen 2010 und 2011 übernommen hat, wird die Sammlung nun digitalisieren. Damit ist sie auch für Forschungen gut aufbereitet. Und Bedarf an einer wissenschaftlichen Aufarbeitung besteht. Der Großteil der europäischen Kantoren ist im Holocaust getötet worden, erzählt Singer. Jene, die überlebt haben, sind aus Europa ausgewandert und inzwischen auch gestorben. Schriftlich festgehalten wurde kaum etwas – die meisten Melodien wurden lediglich mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Mit dem Tod der Menschen starb auch die Musik.

Deshalb hat Robert Singer viele Melodien, die sein Vater sang, oder die er in Synagogen in Europa und den USA hörte, handschriftlich notiert. Das, und seine Mitschnitt-Unikate, machen aus seiner Sammlung einen kulturhistorischen Schatz.

Doch Robert Singer hat noch ein großes Vorhaben: Er will die Noten, die er über Jahrzehnte mit der Hand zu Papier brachte, auch in gedruckter Form veröffentlichen.

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