Porträt der Woche

»Mein Thema ist der Mensch«

»Ich suche das Staunen hinter den Dingen«: Marion Kahnemann (61) Foto: Steffen Giersch

In meinem Atelier im Dresdner Hechtviertel herrschte schon immer chronischer Platzmangel. Hier stehen große wie kleine Plastiken und Installationen, die schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben – aber auch solche, die erst ein paar Tage alt sind. Die Hechtstraße ist normalerweise gut frequentiert. So ziemlich jeden Tag klopfen ein paar Kunstinteressierte an, aber es kommen auch Anlieger und Nachbarn mal spontan auf eine Zigarette oder einen Kaffee vorbei.

Es gibt aber auch Zeiten, an denen ich extrem konzentriert und intensiv an meinen Objekten arbeite. Und dann vergesse ich alles um mich herum.

brüche Mein Hauptthema ist der Mensch – in all seinen Möglichkeiten, Begrenzungen, Sehnsüchten, Einsamkeiten und Brüchen. Vor allem die Brüche interessieren mich. Primär arbeite ich mit Fundstücken aus menschlichem Gebrauch. Das mag sich banal anhören, ist es aber nicht. Weil viele der Fundstücke sich gar nicht mehr auf ihren Ursprung zurückführen lassen, schaffe ich Freiräume für Interpretation, für meine eigene und die des Betrachters.

Ich suche das Staunen hinter den Dingen und bringe die Fundstücke, als alltägliche Gegenstände, wieder zurück in einen menschlichen Kontext. Gern lasse ich mich auch von landschaftlichen, aber auch von gebauten Strukturen anregen. Gespräche, Beobachtungen, Geschichten fließen mit ein. Wichtig bleibt für mich aber, dass das vor Ort gefundene Material den Rahmen vorgibt.

Ich suche mit den Mitteln der Kunst nach meinem persönlichen Platz in der Tradition.

Viele meiner Objekte beschäftigen sich mit jüdischen Themen. Auch die Auseinandersetzung mit rabbinischen Schriften ist für mich eine Quelle der Inspiration. Wir sprechen von Texten, die seit vielen Jahrhunderten jüdische Lebenswelten prägen. Texte, die lebendig bleiben, weil sie immer wieder aufs Neue ausgelegt werden.

Ich strebe nicht nach eindimensionalen Illustrationen, sondern suche mit den Mitteln der Kunst nach meinem persönlichen Platz in der Tradition und nach der Möglichkeit, diese weiterzugeben. So gesehen, verstehen sich meine Objekte und Installationen als Dialog mit diesen rabbinischen Texten, und im besten Falle werden neue Wahrnehmungen, von mir und anderen, integriert.

Das Leben als »frei schwebende« Bildhauerin ist in Deutschland kein Zuckerschlecken, aber ich habe diesen Beruf immer gewollt. Das hat wohl auch viel mit meinem Vater zu tun, der Schauspieler war, bereits 1933 mit Gründung der »Reichskulturkammer« seine Arbeit verlor und 1939 gerade noch mit dem letzten Schiff nach Bolivien flüchten konnte. 1950 ist er wiedergekommen, hat meine Mutter, eine Journalistin, in Magdeburg kennengelernt. Zehn Jahre später bin ich zur Welt gekommen, und als ich zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Dresden.

FAMILIENERSATZ Mein Vater hatte ein Engagement am Theater der Jungen Generation bekommen, dem Dresdner Kinder- und Jugendtheater. Über Jahre habe ich dort die Bühnenluft als begeisterte Zuschauerin mit inhaliert, das war eine wunderbare Zeit. Mich hat die Theateratmosphäre fasziniert, aber ich spürte irgendwie auch zeitig, dass ich eher selbst etwas mit den Händen gestalten will.

Anfang der 80er-Jahre schrieb ich mich an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ein, zuerst im Abend-, dann im Direktstudium. Seit Mitte der 80er-Jahre arbeite ich nun als freie Künstlerin, habe Ausstellungen unter anderem in Dresden, Berlin, Wroclaw, Sofia, St. Petersburg, Basel und Oakland gehabt.

Nach dem Tod meines Vaters – da war ich gerade 16 Jahre alt – habe ich zum ersten Mal die Dresdner Synagoge in der Fiedler-Straße und die jüdische Gemeinde besucht.

Ich könnte nicht behaupten, dass mir das Künstler-Dasein zu irgendeinem Zeitpunkt langweilig geworden wäre, im Gegenteil. Natürlich ändern sich immer wieder die Themen und die Perspektiven, aber ich denke, das ist bei allen Künstlerinnen und Künstlern so. Ganz klar haben im Laufe der Jahre die jüdischen Themen in meinen Werken an Bedeutung gewonnen, was garantiert, aber auch nicht ausschließlich mit Fragen an mich selbst zu tun hat. Natürlich auch mit der eigenen, jüdischen Lebensgeschichte und der Auseinandersetzung mit dem persönlichen Umfeld.

Nach dem Tod meines Vaters – da war ich gerade 16 Jahre alt – habe ich zum ersten Mal die Dresdner Synagoge in der Fiedler-Straße und die jüdische Gemeinde besucht. Das war noch mitten in der DDR. Die Gemeinde war eine sehr geschlossene Gruppe. Ich habe mich dort sofort sehr wohlgefühlt, und ich erinnere mich: Ich bin auch sehr warm aufgenommen worden. Die Gemeinde wurde für mich eine Art Familienersatz. Wir haben am Leben der anderen sehr intensiv teilgenommen und uns quasi »über Kreuz« gegenseitig unsere Familiengeschichten erzählt.

FERIENLAGER Natürlich wollte ich mich als junger Mensch auch einbringen in diese kleine und doch so vertraute Gemeinschaft. Ich bin dann mehrfach als Betreuerin ins Kinderferienlager der jüdischen Gemeinden in der DDR, nach Glowe auf der Insel Rügen, mitgefahren. Bis heute erinnern sich die Teilnehmer sehr gern an diese jährlichen Sommer-Aufenthalte, und demnächst wird es dazu auch ein Buch geben.

Als dann die Mauer fiel, die DDR sich auflöste und wir auf einmal in der Bundesrepublik ankamen, hatte das viel Befreiendes, aber auch manches Beunruhigende. Während des Umbruchs habe ich hier in der Stadt zum ersten Mal erlebt, wie sich Menschen zumindest verbal sehr nationalistisch und antisemitisch ausagierten – und das auch noch als die neue Freiheit feierten.

Da kamen Dinge hoch, die ich eigentlich schon für abgeschlossen und verarbeitet hielt, aber das waren sie nicht, und sie sind es bis heute nicht. Für mich war das dann auch einer der Beweggründe, mich mit eigenen Kunstwerken in die Erinnerungskultur dieser Stadt einzumischen.

GEDENKTAFEL Es liegt nun schon 20 Jahre zurück, dass die von mir entworfene Gedenktafel am Eingang zum Neustädter Bahnhof angebracht werden konnte, welche an die Deportationen der Dresdner Juden und Jüdinnen erinnert. Vor etwas mehr als zehn Jahren habe ich dann das Kunstprojekt »Drei Denkorte in Dresden« initiiert. Dort ging es mir um den Beginn von Ausgrenzung.

Ich ließ jeweils eine gläserne Sitzbank für Passanten auf der Brühlschen Terrasse, im Großen Garten und im Blüherpark installieren – nach einigem langwierigen und beharrlichen Ringen mit den offiziellen Stellen. Die Lehnen und die Sitzflächen dieser Bänke bestehen jeweils aus Acrylglas, also sehr brüchig wirkendem Material, und in der obersten Banklatte ist das Wort »Hinsehen« als Schriftzug ausgespart.

Am Sockel der Bänke findet sich jeweils ein Textband aus Eisenguss, das den berüchtigten Spruch »Nur für Arier« ebenso enthält wie die damaligen Polizeiverordnungen zum Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Leben, insbesondere seit 1938. Das der Brühlschen Terrasse gegenüberliegende Elbufer durften Jüdinnen und Juden bereits kurz nach der Pogromnacht nicht mehr betreten – das weiß bis heute fast niemand.

Wie Einheimische und Auswärtige die Denkorte wahrnehmen, und ob und wie intensiv sie darüber nachdenken, das lässt sich nur schwer einschätzen.

Wie Einheimische und Auswärtige die Denkorte wahrnehmen, und ob und wie intensiv sie darüber nachdenken, das lässt sich nur schwer einschätzen. Zumindest sind die Bänke in keinem einzigen deutschsprachigen Reiseführer erwähnt – leider nur in einem israelischen.

ISRAEL Mit der jüdischen Gemeinde in Dresden habe ich leider keinen so guten Kontakt mehr. Von dem familiären Zusammengehörigkeitsgefühl ist kaum noch etwas übrig. Dafür ist mir aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten Israel immer wichtiger geworden. Ich habe leider erst nach dem Mauerfall meine Tante und meine Cousinen dort kennenlernen können.

Außerdem habe ich mehrere sehr gute Freunde in Haifa und Jerusalem gefunden. Seitdem fahre ich regelmäßig zu Besuch. Israel hat mich aber auch in meinem künstlerischen Wirken spürbar weitergebracht. Unvergessen bleibt für mich ein mehrmonatiger Arbeitsaufenthalt im Künstlerhaus Herzliya im Jahre 2000, der von den Rahmenbedingungen her liebenswert chaotisch, aber gleichzeitig auch extrem inspirierend war.

Zur Stadt Dresden insgesamt, in der ich ja seit frühester Kindheit wohne, habe ich eine ambivalente Beziehung – eine Art Hassliebe. Ein verengter Heimatbegriff, wie man ihn hier häufiger antrifft, ist mir gänzlich fremd. Ich fühle mich eher an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten zu Hause.

Da der Kampf gegen Covid-19 inzwischen wohl hoffentlich erfolgreicher wird, freue ich mich schon vorsichtig auf neue Ausstellungen. Es fängt bereits langsam an. Im Moment nehme ich an einer Ausstellung im Rahmen von »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« im Lügenmuseum in Radebeul teil. Das ist ein sehr poetischer und inspirierender Ort. Es macht mir sehr viel Freude, dort mit dabei zu sein.

Aufgezeichnet von Olaf Glöckner

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