Unsere Woche

»Mein großes Hobby«

Seit 20 Jahren in Frankfurt am Main: Miroslaw Meir Lisserman Foto: Judith König

Ich führe ein normales Leben, arbeite und verdiene Geld, aber das ist nicht alles. Einen Teil meines Alltags und meiner Zeit widme ich der Religion und dem Judentum. Ich bin praktizierender Jude. Mein Tagesrhythmus ist vom Gang in die Synagoge bestimmt. Das Morgengebet verrichte ich meist in der Synagoge, und oft gehe ich auch zum Abendgebet dorthin. Seit unser Sohn auf der Welt ist, habe ich mit dem Frühaufstehen kein Problem mehr. Yoel – er ist jetzt zwei Jahre alt – sorgt schon dafür, dass ich zeitig wach werde. Der Tag beginnt für mich normalerweise gegen sechs Uhr.

Morgens, vor dem Gottesdienst, studiere ich die Tora und beschäftige mich intensiv mit den Vorschriften. Das ist nicht nur für mich von Bedeutung, sondern für die ganze Familie, damit die Kinder im Sinne der Tora erzogen werden können.

Lernen Es gibt viele unterschiedliche Auslegungen zu bestimmten Fragen des Lebens. In dieser Vielfalt der Lehren und Meinungen ist es wichtig, den eigenen Weg zu finden. Möglich ist das dadurch, dass man viel lernt und sich fortbildet, verschiedene Positionen aufnimmt und reflektiert. Hilfreich ist dabei eine ältere und weisere Bezugsperson. Ich habe engen Kontakt zu einem Rabbiner in Israel.

Wir reisen oft nach Israel, um uns inspirieren zu lassen und versuchen, an jüdischen Feiertagen dort zu sein. Sowohl meine Frau Polina als auch ich haben unabhängig voneinander eine Zeit lang in Israel gelebt und viele Freundschaften geschlossen. Wir sind sehr gerne da, zumal aus einem ganz praktischen Grund: Jüdisches Leben ist dort normal, wir können einfach mal essen gehen. Ähnlich ist es in New York.

Bei uns in Frankfurt hingegen ist das ganz anders, hier gibt es außer dem Restaurant der jüdischen Gemeinde keine koscheren Lokale. Auswärts zu essen, ist für uns in Frankfurt nicht möglich. Ich habe mich daran gewöhnt. Abgesehen davon komme ich abends meist nicht vor 21 Uhr nach Hause.

Nach dem Essen planen und besprechen wir oft die Veranstaltungen von »Jewish Experience«. Das ist mein großes Hobby, ich verbringe sehr viele Stunden damit. Es müssen zahlreiche E-Mails geschrieben und viel telefoniert werden, bis das Programm steht. Wir haben einmal in der Woche eine Veranstaltung, manchmal auch am Wochenende, es sprechen immer wieder mal Referenten aus dem Ausland, für die Finanzierung müssen Sponsoren gefunden werden.

Hilfe Unsere Eltern wohnen auch in Frankfurt und helfen uns sehr. Oft, wenn wir etwas im Verein unternehmen, kümmern sie sich um Yoel. Ohne ihre Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

Meine Frau und ich haben Jewish Experience ins Leben gerufen, damit jüdische Studenten und junge Erwachsene Kontakte knüpfen und sich austauschen können. Diese Gemeinschaft bietet Möglichkeiten und Gelegenheiten, sich über das gemeinsame Wertesystem zu informieren und jüdisches Leben zu praktizieren. Wir versuchen, den jungen Leuten zu vermitteln, dass die Tora nicht nur ein Jahrtausende altes Buch ist, sondern viele Anhaltspunkte für das Leben heute enthält.

Meine jüdische Identität ist im Laufe des Studiums belebt worden – durch Menschen, die ich in dieser Zeit kennengelernt habe. Vorher hatte ich mit Religion nichts am Hut. Wir waren sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine. Ich war neun Jahre alt, als wir 1991 von Kiew nach Frankfurt kamen, und wusste nicht viel vom Judentum. In der Sowjetunion war Religion verpönt. Nach dem Abitur habe ich in Mannheim Wirtschaftsinformatik studiert.

In der ersten Zeit bin ich wie die meisten meiner Kommilitonen oft ausgegangen, habe gern und viel gefeiert. Irgendwann hat mich das aber nicht mehr erfüllt. Das Leben erschien mir oberflächlich und sinnlos. Ich habe angefangen, meine Kommilitonen zu beobachten. Mir ist der Werteverfall in unserer Gesellschaft bewusst geworden: immer nur das Streben nach Geld, Partys feiern, die besten Mädchen aufreißen.

Das reichte mir nicht mehr. Auf der Suche nach dem Lebenszweck fing ich an, mich mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Ich habe Seminare über das Judentum besucht, an Studienreisen teilgenommen, die die Zentrale Wohlfahrtstelle nach Israel und zu Konzentrationslagern in Polen organisiert hat. Und so stellte ich im Laufe der Zeit fest, dass für mich das Bekenntnis zum Judentum eine naheliegende Alternative ist – eine Weltanschauung, die mir eine Perspektive gibt und mein Leben strukturiert.

Pflichten Ich halte mich an Pflichten, Rituale und Regeln. Sicher, vieles ist absolut unbegreiflich und gerade deshalb so anziehend. Ich stelle Gebote nicht infrage, auch wenn ich nachvollziehbare Erklärungen finden könnte, warum manche Regel überholt oder bestimmte Rituale keinen Sinn haben. Ich denke: Es ist gottgegeben. Gott muss unbegreiflich sein und bleiben, sonst wäre er wie ein Mensch.

Als praktizierender Jude geht es mir darum, Vorbild zu sein. Ich möchte keinen Anlass für Kritik und Gerede geben. Wenn ich mich beispielsweise mit Leuten verabrede, dann achte ich darauf, was für ein Lokal das ist, wähle eines aus, in dem kein Schweinefleisch serviert wird, obwohl ich selbst nichts esse. Denn jemand aus dem Bekanntenkreis, der mich in irgendeinem Restaurant sieht, könnte auf den Gedanken kommen, dass ich dort auch esse. Meist verabrede ich mich im Starbucks.

Am Schabbat zu arbeiten, ist für mich unvorstellbar. Da ich für ein amerikanisches Wirtschaftsunternehmen tätig bin, lässt sich meine Arbeit aufgrund der Zeitverschiebung flexibler gestalten. Freitagabends bin ich immer in der Synagoge, wir wohnen so, dass ich zu Fuß gut hinkomme. Zum Schabbat laden wir oft junge, unverheiratete Leute ein, damit sie etwas Vernünftiges zu essen bekommen. Viele ernähren sich in der Woche doch nur von Junkfood und kochen nicht.

Familie Der Samstag gehört der Familie und Freunden, er ist der Tag der Geselligkeit und auch der Besinnung. Samstagmorgen gehen wir gemeinsam in die Synagoge, treffen dort Freunde. Gegen Mittag sind wir zu Hause, dann habe ich Zeit, mit meinem Sohn zu spielen, zu lesen und auch mal in mich zu gehen.

Am Sonntag machen wir Ausflüge, fahren in die Natur oder gehen mit Yoel auf den Spielplatz. Unsere Freizeit gestalten wir meist im Rahmen der Vereinsaktivitäten. Kürzlich waren wir zum Beispiel mit der Gruppe von Jewish Experience in einer Bastel- und Malwerkstatt.

In Deutschland ist es gar nicht so einfach, nach den jüdischen Regeln zu leben. Möglich ist es, wenn man gut plant und Organisationsgeschick hat. Wir bestellen koscheres Fleisch und andere Lebensmittel, die es hier nicht gibt oder die zu teuer sind. Manchmal fahren meine Frau und ich zum Einkaufen nach Straßburg. Das ist ein schöner Ausflug.

Wir machen uns morgens auf den Weg, zwei Stunden später sitzen wir dort in einem Café, bummeln danach durch die Stadt, fahren auch mal mit dem Boot, später erledigen wir unsere Einkäufe, laden den Wagen voll und fahren zurück. Die Infrastruktur ist für Juden in Straßburg sehr viel besser, was ja auch verständlich ist. Die Nachfrage bestimmt eben das Angebot. Dort leben viel mehr praktizierende Juden.

Langfristig werden wir wohl nicht in Frankfurt bleiben. Ich denke, wir gehen in ein Land, wo es für uns bessere Bedingungen gibt und wo unser Sohn eine gute jüdische Ausbildung haben kann. Die USA wären sicher eine Option, wenn die Einwanderungsbedingungen nicht so streng wären.

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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