Nachruf

Mediales Frühwarnsystem

Sie verband eine jahrzehntelange Freundschaft: Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (r.) und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher (l) 2002 auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bei Beiseitzung des Verlegers Siegfried Unseld Foto: dpa

In Frank Schirrmacher hatte die jüdische Gemeinschaft stets einen intellektuellen Verbündeten. Am Donnerstag starb der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung völlig unerwartet an einem Herzinfarkt. Vor knapp zwei Wochen war er an der Hommage für Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Paulskirche beteiligt und nannte seinen jahrzehntelangen Freund »unersetzbar«.

Trauer In einem Beileidsbrief zeigte sich die Jüdische Gemeinde Düsseldorf tief erschüttert über den Tod Schirrmachers. »Im Jahr 2012 erhielt er die Josef-Neuberger-Medaille der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf für sein Engagement im Dialog zwischen Juden und Nichtjuden und für seinen unermüdlichen Einsatz gegen Versuche, den Holocaust zu relativieren und damit die Opfer zu verhöhnen«, heißt es in dem Schreiben. »Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf spricht der Familie Schirrmacher und dem Verlagshaus der FAZ ihr tiefempfundenes Mitgefühl aus.«

Zentralratsvizepräsident Salomon Korn hatte bei der Verleihung 2012 den FAZ-Herausgeber damals besonders wegen seines sensiblen Gespürs gelobt. Schirrmacher habe mehrfach unter Beweis gestellt, »dass das mediale Frühwarnsystem im Hinblick auf antisemitische Untertöne und Stereotype funktioniert«. So habe er etwa die »mit antijüdischer Israelkritik« gespickten Verse Was gesagt werden muss des Schriftstellers Günter Grass als »lyrischen Etikettenschwindel enttarnt«.

Walser-Debatte
Doch nicht erst da hatte Schirrmacher seine Sensoren gegen Antisemitismus bewiesen. 2002 hatte er sich als Feuilletonchef der FAZ geweigert, Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers vorab abzudrucken. Daraus waren deutliche Parallelen zu Marcel Reich-Ranicki und Walsers 26 Jahre verspäteten Rachefeldzug gegen den Kritiker abzulesen gewesen. Schirrmachers Weigerung löste heftige Debatten aus, ebenso das Interview mit Günter Grass 2006, in dem der Nobelpreisträger eingestand, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Schirrmacher wurde am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Anglistik, Literatur und Philosophie in Heidelberg und Cambridge. Bereits 1985 wurde er Feuilletonredakteur der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. 1987 promovierte er und leitete als Nachfolger Reich-Ranickis ab 1989 die Redaktion »Literatur und literarisches Leben«.

Verdienste Schirrmacher war Träger des Bundesverdienstordens 1. Klasse und erhielt 2007 den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache sowie 2009 den Ludwig-Börne Preis. Der mit 54 Jahren Verstorbene war einer der einflussreichsten und angesehensten Publizisten der Bundesrepublik. In zweiter Ehe war er mit der Kulturjournalistin Rebecca Casati verheiratet. Mit seiner ersten Frau, der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf, hatte er einen Sohn und eine Tochter.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  19.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Schatten der Vergangenheit sind lang

Wie der Hessische Rundfunk über jüdische Grundstücke stolpert

von Daniel Neumann  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Staatsanwaltschaft geht von Judenhass aus

Der 37 Jahre alte mutmaßliche Täter soll aus antisemitischen Gründen gehandelt haben

 18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Sukkot

Fast zu Hause

Unsere Autorin flüchtete mit ihren Kindern 2022 aus der Ukraine. In Rottweil begann die kleine Familie ein neues Leben. Zum Laubhüttenfest blickt die Manikeurin auf ihr Ankommen zurück

von Olga Nemchenko  17.09.2026

Jubiläum

Jüdischer Landesverband Sachsen feiert 100-jährige Geschichte

Rund 20.000 Jüdinnen und Juden haben vor dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen gelebt. Bereits vor 100 Jahren wurde eine jüdische Interessenvertretung gegründet

 16.09.2026

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Dresden

Gemeinde feiert Rückkehr mit Konzert und Ausstellungen

Rund 200 Besucher feierten die Rückkehr der jüdischen Gemeinde in ihre Synagoge, die nach rund dreieinhalb Jahren Bauzeit wiedereröffnet werden konnte

 15.09.2026

Bayern

Nach Morddrohung gegen Charlotte Knobloch – jetzt äußert sich die Polizei

Die Hintergründe

 15.09.2026