Trauer

Max Mannheimer ist tot

Max Mannheimer sel. A. (1920–2016) Foto: Christian Rudnik

Der Holocaust-Überlebende und Zeitzeuge Max Mannheimer ist tot. Mannheimer, der im Zweiten Weltkrieg in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert war und fast seine gesamte Familie verlor, starb am Freitag im Alter von 96 Jahren in München. Jahrzehntelang hatte er als Zeitzeuge mit Vorträgen, Reden und Schulbesuchen die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wachgehalten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte den Verstorbenen als »Mahner gegen das Vergessen« und großen Versöhner. »Wir schulden ihm Dank«, so Merkel.

Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte daran, dass der Verstorbene vor allem junge Menschen vor den Gefahren von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit warnen wollte. Mannheimer, »der durch die Hölle mehrerer Konzentrationslager ging, trat unermüdlich für Rechtsstaat und Demokratie ein. Niemals hat er Rache oder Vergeltung das Wort geredet, sondern immer Zeichen der Versöhnung gesetzt«.

zentralrat Auch der Zentralrat der Juden hat die Nachricht vom Tode Mannheimers mit großer Betroffenheit aufgenommen. Präsident Josef Schuster sagte: »Max Mannheimer ist mit überwältigendem und unermüdlichem persönlichen Einsatz an unzähligen Orten aufgetreten, um Zeugnis von der Schoa abzulegen.«

Er habe unendlich vielen jungen Menschen authentisch von den Schrecken der Schoa berichtet, insbesondere für die Gedenkstätte Dachau habe sich Mannheimer bis zum Schluss mit Leidenschaft engagiert, betonte Schuster. »Nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern Deutschland insgesamt ist Max Mannheimer zu tiefem Dank verpflichtet. Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie.«

Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte: »Seine Stimme wird fehlen.« Deutschland müsse sich in Zukunft auch ohne die großen Zeitzeugen wie ihn in der historischen und moralischen Bewältigung seiner jüngeren Geschichte bewähren, sagte die Ministerin.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, nannte Mannheimer einen unendlich tapferen und unermüdlichen Kämpfer wider das Vergessen: »Er war eine unersetzliche Stimme für die Millionen im Holocaust ermordeten Menschen und zugleich für die Überlebenden der Schoa und ihre Botschaft an die Heutigen.«

biografie Geboren wurde er 1920 in Neutitschein im heutigen Tschechien als ältestes von fünf Kindern einer jüdischen Familie. Im September 1938 wurde Nordmähren als Teil des Reichsgaus Sudetenland an das Deutsche Reich angegliedert. Das Städtchen wurde von der Wehrmacht besetzt, die Juden systematisch schikaniert und verfolgt, der Vater inhaftiert.

Nach dessen Entlassung floh die Familie nach Ungarisch Brod, dem Geburtsort der Mutter. Max Mannheimer verdingte sich als Straßenarbeiter, heiratete 1942 Eva Bock, die Krankenschwester war und eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatte. Am 27. Januar 1943 wurden die Familie Mannheimer und Bock zusammen in das Ghetto Theresienstadt deportiert und anschließend nach Auschwitz gebracht. »Mir wurde bewusst, dass es hier um Leben und Tod ging«, heißt es in seinen Erinnerungen, die Autorin Marie-Luise von der Leyen in dem Buch Drei Leben aufgezeichnet hat.

befreiung Im Oktober 1943 kam Mannheimer dann mit seinem Bruder Edgar in das Konzentrationslager Warschau. Dort musste er die Reste des zerstörten Ghettos beseitigen. Im August 1944 folgte ein Transport in das Konzentrationslager Dachau bei München, von dem aus die Brüder in das Außenlager Karlsfeld zur Zwangsarbeit im Außenkommando Mühldorf verlegt wurden. Max und Edgar Mannheimer befanden sich am 29. April 1945 auf einem Todestransport in den Süden, als sie von den Alliierten befreit wurden. Die Eltern, die Ehefrau und die Schwester waren von den Nationalsozialisten getötet worden.

Nie wieder, schwor er sich, wolle er deutschen Boden betreten. Doch dann verliebte er sich in Elfriede Eiselt, eine deutsche Widerstandskämpferin, 1946 zogen sie mit der gemeinsamen Tochter Eva nach München. Nach dem Krebstod Eiselts heiratete Mannheimer die Amerikanerin Grace Franzen, wenig später wurde Sohn Ernst geboren. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete Mannheimer in München als Kaufmann, zuletzt als Geschäftsführer eines Lederwarenhandels.

erinnerung Der evangelische Pfarrer Waldemar Pisarski lud Mannheimer 1986 ein, in der Versöhnungskirche Dachau aus seinem Leben zu berichten. Das war der Beginn von Mannheimers Aktivität als Zeitzeuge.

In unzähligen Vorträgen und Reden hielt er die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wach. »Ich kann der deutschen Jugend, die nicht schuld ist, ohne Hass und ohne Vorurteile die Gefahr einer Diktatur näherbringen«, war Mannheimer überzeugt. Er berichtete den Jugendlichen vom Unbeschreiblichen und hat in Klassenzimmern den Ärmel über seiner Tätowierung hochgekrempelt, die Nummer hergezeigt, die man ihm in Auschwitz gegeben hatte. »Ich bin Zeitzeuge und kein Ankläger und kein Richter«, lautete seine Devise.

Max Mannheimer hat gemalt gegen das Grauen: blutig-rot-schwarze Tupfen, schlierige weiße und orangefarbene Ölsträhnen. Das Malen mit Acryl und Öl hat ihm geholfen, den Weg gezeigt aus Schmerz und Depression, wie er es einmal beschrieb. Für seinen Kampf gegen das Vergessen wurde er mit Auszeichnungen überhäuft, unter anderem überreichte ihm Ministerpräsident Horst Seehofer im Jahr 2012 das Große Verdienstkreuz. Mit dem Malen hatte Mannheimer aufgehört, nicht mit dem Mahnen: »Es kommt mir nicht darauf an, mein Leid zu klagen, sondern es kommt mir darauf an, zu vermitteln, wie eine Diktatur entsteht und wie man sie verhindern kann.« epd/ja

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