Berlinale

Man nehme ...

Zeit hat Alexa Karolinski so gut wie keine. Denn sie muss die wenigen Stunden, in denen ihr das Filmstudio noch zur Verfügung steht, ihre erste Dokumentation Oma & Bella in Bild und Ton perfekt mischen. Deshalb macht sie es kurz: »Ich bin 27 Jahre alt, in Wilmersdorf aufgewachsen, besuchte zwei Jahre lang den Jüdischen Kindergarten, studierte später Englische Kunstgeschichte und Film in New York, und ich mag gute Musik«, sagt sie rasch über sich selbst.

Am heutigen Donnerstag feiert Oma & Bella Premiere bei der Berlinale. Für die Abschlussarbeit an der New Yorker School of Visual Arts hat sie ein Porträt ihrer jüdischen Großmutter, Regina Karolinski, und deren bester Freundin Bella Katz gedreht.

Der Film zeigt, wie die beiden älteren Damen und Holocaustüberlebenden ihrer Freundschaft und ihrer Kultur durch das gemeinsame Kochen Ausdruck verleihen. Diesem Abend fiebern alle drei schon lange entgegen. »Es ist mein Traumfestival«, sagt Alexa Karolinski. Denn sie hatte gehofft, die Premiere mit den beiden Hauptdarstellerinnen besuchen zu können – das ist nun möglich. Als sie die Zusage von der Berlinale bekommen hatte, rief sie Oma und Bella als Erste an, um ihnen von dem Erfolg zu erzählen.

Heimatgerichte Als es um ihren Abschlussfilm ging, stand das Thema für Alexa Karolinski sofort fest: Er sollte von Oma und Bella handeln, die vor fünf Jahren nach einer Operation zu ihrer besten Freundin gezogen war, um sie zu unterstützen. Vor ein paar Jahren hatte Alexa angefangen, mit Oma, die mittlerweile 84 Jahre alt ist, und Bella osteuropäische jüdische Speisen zu kochen.

Das sind die Gerichte ihrer Heimat. Etwa 35 Rezepte hatte sie mit den beiden gelernt und aufgeschrieben. Aber ihr hätten die Geschichten zu den Speisen gefehlt. Dann hatte sie den Platz für das Masterstudium in New York bekommen und Berlin verlassen. Das Kochbuch wurde nun ein Teil des Films.

Der Streifen zeigt die beiden Damen überwiegend in der Küche, wie sie immer wieder aufs Neue Gemüse schneiden, Hühner bratfertig machen, Teig mischen oder Suppe kochen. So nebenbei unterhalten sie sich über ihr Leben.

Bella Katz, heute 88 Jahre alt, durfte als jüngstes Kind nicht kochen lernen und konnte erst später dieser Leidenschaft nachgehen. Die beiden sprechen über ihr Leben und Überleben im Holocaust, über ihre – mittlerweile verstorbenen – Ehemänner und die große Liebe zu ihren Söhnen, sowie über ihre Familien, Lieblingslieder und übers Tanzen.

Ebenso begleitet die Kamera die lebenslustigen Damen beim Kartenspielen, bei einem Friseurbesuch. Und sie ist auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße, bei einer Bootsfahrt über die Spree, wie Oma und Bella den Müll herunterbringen, an einem Schabbatabend und bei einer Silvesterfeier dabei. »Der Film soll zeigen, wie sie leben«, sagt Alexa. Sie wollte erreichen, dass die Freunde und Verwandten sagen: »So sind sie!« Und das sei ihr gelungen.

DP-Lager Als die Enkeltochter die beiden Damen fragte, ob sie sie filmen darf, waren sie sofort einverstanden. Allerdings hätten sie damals unterschätzt, was auf sie zukommt. Sie dachten, dass ein Tag für die Aufnahmen reichen müsste. Es war ein unerträglich heißer Sommer vor knapp zwei Jahren. Alexa hatte die Kamera sechs Wochen lang immer dabei und drehte fast täglich, was alle als sehr anstrengend empfanden. Zwei weitere Wochen folgten im Winter.

Am Anfang sei es ungewöhnlich gewesen, und obwohl sie sich alle gut kennen, musste erst einmal Vertrauen entstehen. Auch Bella kannte Alexa seit ihrer Geburt. Regina Karolinski musste mit 13 Jahren Zwangsarbeit in einem Lager in der ehemaligen Tschechoslowakei leisten, kam später in das DP-Lager Eichborn und blieb schließlich in Berlin. Dort machte sie eine Parfümerie auf. Bella Katz, die aus Litauen stammt, kam ebenfalls über ein DP-Lager nach Berlin und hatte in der Brunnenstraße ein Bekleidungsgeschäft.

»Es gab schlechte Tage, wenn einer mies drauf war und ich die Kamera da hinhielt, wo nichts passierte. Und es gab super Tage, an denen ich dachte, ich dokumentiere etwas Tolles.« Insgesamt seien so 90 Stunden Material entstanden. Ein Drittel konnte Alexa bereits nach den ersten Sichtungen aussortieren. Übrig bleiben 75 Minuten, die Alexa dramaturgisch strukturierte, bis der Film fertig war.

Internet Weil der Regisseurin noch Geld für die Nachproduktion fehlte, stellte sie das Projekt im Internet auf der Kreativplattform www.kickstarter.com vor und bat auch um Spenden bei den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Der Trailer faszinierte derart, dass sie innerhalb von vier Tagen ihr Ziel von 18.000 Dollar erreicht hatte.

Mittlerweile sind laut kickstarter sogar fast 45.000 Dollar zusammengekommen. Damit konnte Alexa Karolinski nun den Film so professionell bearbeiten, dass er auf Festivals wie der Berlinale laufen kann. Ihr sei bewusst gewesen, dass sie den Film jetzt habe machen müssen – denn die Zeit sei begrenzt.

Bis zu dem Projekt habe sie sich nicht mit dem Älterwerden beschäftigt, sagt Alexa. Nun sei das ein bisschen anders geworden, und der Gedanke, mit der besten Freundin später einmal zusammenzuleben, sei doch schön. Oma und Bella haben den Film bereits mehrmals gesehen. Ihre einzige Kritik: Die Kamera sei zeitweise zu nah herangegangen und zeige zu viele Falten, erinnert sich Alexa Karolinski, bevor sie wieder ans Mischpult eilt.

»Oma & Bella« läuft am 16. Februar um 22 Uhr und am 17. Februar um 15 Uhr im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Straße 7, Berlin-Kreuzberg

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