Porträt der Woche

»Man darf sich nicht schämen«

Viktoria Frech wanderte aus Russland zu und schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen

von Moritz Piehler  29.05.2022 08:34 Uhr

»Russland ist auch meine Heimat, und ich trage russische Kultur in mir«: Viktoria Frech lebt in Norddeutschland. Foto: Moritz Piehler

Viktoria Frech wanderte aus Russland zu und schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen

von Moritz Piehler  29.05.2022 08:34 Uhr

In den fast 30 Jahren, seitdem ich in Deutschland lebe, wurde ich sehr oft gefragt, warum ich hierher ausgewandert bin und wie ich mich als in Deutschland lebende Jüdin fühle. Das habe ich versucht, in dem Buch Danke, wir sind da! zu erklären. Unsere Entscheidung, im Jahr 1994 aus Russland hierherzukommen, war alles andere als einfach. Viele unserer Verwandten wohnten in Israel, ein Teil in Kanada oder den USA. Niemand von unseren Freunden ist nach Deutschland gegangen. Meine Mutter sagte damals sogar, sie würde mich nur über ihre Leiche gehen lassen.

Wir hatten viele lange Gespräche mit Freunden und Familie in Israel, nachdem wir bereits fest in Deutschland waren. Sie haben uns einfach nicht verstanden, denn Deutschland wurde immer als ein feindliches Land betrachtet. Das, wofür wir uns entschieden hatten, wirkte da auf sie fast wie ein Verrat, auch am jüdischen Glauben. Ich habe dazu eine ganz andere Meinung.

brauhaus Als wir in München waren, war das Erste, was wir gemacht haben, das Brauhaus zu besuchen, in dem Hitler seinen Marsch durch Europa begonnen hatte. Genau dort haben wir Bier bestellt, angestoßen und gesagt: »Jetzt kannst du dich im Grab umdrehen, du hast es nicht geschafft.« Das war uns wichtig, denn wenn die Juden das Leben hier nicht bewahren, würde das bedeuten, er hätte gewonnen und es wirklich geschafft, jüdisches Leben in Europa auszuradieren. Wir müssen ihm zeigen, dass wir noch da sind und ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft sind.

Deutschland ist das Land meiner Tochter und meiner Enkelin. Es ist das Land meiner Zukunft.

Überraschenderweise war mir sehr früh klar, dass ich Russland verlassen wollte. Selbst mit 17 bin ich schon zu meiner Mutter gegangen und habe sie gefragt, was wir dort eigentlich noch machen. Das hat ihr richtig Angst gemacht, das habe ich in ihren Augen gesehen. Ich weiß dennoch: Russland ist auch meine Heimat, und ich trage russische Kultur in mir.

Das kann und will ich nicht ändern. Russische Literatur, russische Musik und die Art und Weise, Beziehungen zu leben, gehören zu mir. Auch Israel ist Heimat für mich, wie für jeden jüdischen Menschen. Deutschland ist aber das Land meiner Tochter und meiner Enkelin. Das bedeutet für mich, es ist das Land meiner Zukunft.

HEIMWEH Natürlich hat es sich nicht sofort wie ein Zuhause angefühlt. Wir hatten auch Heimweh und haben alles mitgemacht, was andere bei der Einwanderung erleben. Wir hatten Schwierigkeiten mit der Sprache. Bis heute kann ich nicht so gut Deutsch, das weiß ich. Ich kann Brötchen kaufen oder mit Behörden telefonieren, aber ich meine richtig gutes Deutsch! Dabei lese ich sehr viele Bücher und Zeitungen, aber das nenne ich passives Deutsch. Die Sprache gut zu kennen, ist sehr wichtig, um sich zu Hause zu fühlen.

Freundschaften zu schließen, war für uns nicht einfach, denn hier gibt es eine ganz andere Mentalität. Bis heute haben wir das nicht geschafft, zumindest nicht so, wie ich Freundschaft verstehe. Wir Russen – obwohl das komisch klingt, waren wir zunächst mehr Russen als Juden und haben uns erst nach einer gewissen Zeit als deutsch-russische Juden gefühlt – wollen etwas mehr, etwas Engeres von Freundschaften, das können die Deutschen nicht geben.

Auf der Arbeit hat man in Russland oft Freunde fürs Leben gefunden, wir haben erwartet, dass das hier genauso passiert. Aber nein, hier ist Arbeit Arbeit und Privates Privates. Heute genieße ich das, mein Privatleben mischt sich nicht mit meinem Arbeitsleben. Da habe ich mich an die deutsche Mentalität angepasst, und das gefällt mir.

Ich nenne mich gerne ein »Halbfabrikat«, nicht mehr ganz russisch und nicht ganz deutsch.

Ich nenne mich gerne ein »Halbfabrikat«, nicht mehr ganz russisch und nicht ganz deutsch. Im Buch habe ich versucht, genau über diese Unterschiede zu sprechen und mich und alle jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion vorzustellen, in der Hoffnung, dass Deutschland uns ein bisschen besser kennenlernt.

Heutige Generationen von Einwanderern haben es schwerer als wir, sich zu integrieren. Heute haben sie russisches Fernsehen, Zeitungen, Internet und Ärzte. Selbst so etwas wie russische Lebensmittel gibt es inzwischen. Die Menschen leben ihr ganzes Leben hier und haben nie deutsche Nachrichten gehört, sind nicht ins Kino gegangen oder haben sich etwas Deutsches schmecken lassen. Dabei ist deutsche Küche, besonders aus Süddeutschland, fantastisch, und das ist auch ein sehr großer Teil der Kultur.

KINDER Im Buch wollte ich auch den Weg unserer Kinder beschreiben. Unsere Tochter hat hier zum Glück schnell Freunde gefunden, hatte eine tolle Klasse und gute Lehrer. Wir haben nie Probleme gehabt. Zu Hause sprechen wir Russisch, es war uns wichtig, dass unsere Tochter die Sprache beherrscht. Sie fühlt sich aber nicht als Russin, sie betont immer, dass sie sich als deutsche Jüdin sieht. Wir haben in jüdischen Familien sehr hohe Erwartungen an unsere Kinder. Das hilft ihnen einerseits, sehr weit zu kommen, aber andererseits können sie auch tief fallen, weil der Druck so groß ist. Wir haben diesen Fehler auch gemacht, und davor will ich Eltern warnen.

Wir haben unseren Glauben nie versteckt. Unsere Tochter ist immer gerne in die Synagoge gegangen, auch wenn wir sie zunächst ein bisschen dazu gedrängt haben. Was die Gemeinden für die Kinder tun, ist sehr wichtig, damit sie einen Zugang finden. Wir haben für sie auf russischem Niveau eine Batmizwa gefeiert, mit all ihren deutschen Freunden und sogar deren Eltern in der Synagoge.

In dieser Zeit haben Schulfreunde meine Tochter auch auf die Schuld der Deutschen angesprochen und fühlten sich zu Unrecht mit eingeschlossen. Natürlich hat diese neue Generation keine Schuld, aber wir dürfen die Geschichte nicht vergessen. Damit so etwas nie wieder passiert, weder mit Juden noch mit anderen Nationalitäten oder Glaubensrichtungen.

Als jemand, der mit Russland Verbindungen hat, habe ich momentan auch Schuldgefühle.

Als jemand, der mit Russland Verbindungen hat, habe ich momentan auch Schuldgefühle. Wir haben leider durch die Situation in der Ukraine viele Freunde verloren, zu denen ich den Kontakt abgebrochen habe. Das ist sehr traurig. Ich habe mich lange gefragt, wie Hitler es schaffen konnte, aus den Menschen in einem Land mit so einer wundervollen Kultur und Geschichte so etwas Böses zu machen. Ich konnte das nicht verstehen. Doch heute, wo sich die Geschichte so katastrophal wiederholt, weiß ich, wie es passieren konnte. Die Menschen hören nur das, was sie hören wollen.

FANATISMUS Dieser Fanatismus ist wie eine Krankheit, die manche in sich tragen. Ich habe zum Beispiel oft das Gefühl, dass diejenigen, die in Russland fanatische Kommunisten waren, nun in Israel genauso überzeugt religiös sind. Wir haben zwei Freundinnen in Kiew, und als ich gelesen habe, dass Putins Jacht den Hamburger Hafen verlassen hat, habe ich sie sofort angeschrieben.

Zuerst wollten sie nicht kommen, doch als Kiew bombardiert wurde, haben sie sich zum Glück entschieden, auszureisen. Es klingt fast unmöglich, dass eine aus Russland eingewanderte jüdische Familie nun ukrainischen Geflüchteten Unterstützung anbietet, deren Land von russischen Truppen bombardiert wird. Jetzt leben sie bei uns, und ich hoffe, die Geschichte wird eine gute Wendung nehmen und sie können wieder nach Hause zurückkehren.

Jude zu sein, ist ein fantastisches Gefühl. Man spürt das in der Kultur, der Intelligenz und in diesem Humor, dieser Liebe zum Leben. Der jüdische Glaube hat vielen Menschen geholfen, die Geschichte zu überstehen, und gehört zu unserer Kultur. Das müssen wir unseren Kindern zeigen. Als Oma versuche ich, diese Liebe weiterzugeben. Ich finde das toll, denn jetzt lerne ich selbst jüdische Kultur von Beginn an für meine Enkeltochter. Jüdisch zu sein, ist für mich eine Lebensweise. Wir sind offen, wir sind großzügig und lustig.

geburt Genau das wollte ich auch mit meinem Buch zeigen. Mein Mann und ich haben es gemeinsam geschrieben. Wir genießen es heute, offen als Juden in Deutschland zu leben. In Russland wurden wir oft nur wegen unserer Geburt verurteilt. Das habe ich hier noch nie erlebt, weil die Gesellschaft anders ist.

Man darf sich nicht schämen, aber man darf auch nicht denken, dass es etwas Besonderes ist, jüdisch zu sein. Wir sind genau wie alle andere Menschen, nur eben mit unserer jüdischen Kultur. Früher habe ich versucht, das zu verstecken, da waren auch die Menschen anders zu mir. Doch wenn man sich selbst verändert, dann ändert sich auch, wie die Welt einen sieht. Ich hoffe sehr, dass meine Geschichte viele Menschen interessiert.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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