Jubiläum

Lothstraße 19–21

Die Lothstraße war eines der ersten sogenannten Auffanglager – im Rückblick sogar eines der luxuriöseren im Vergleich zu anderen. Damals jedoch eher ein Albtraum für die meisten, die mit nicht viel mehr als einem Traum ihre alte Heimat verlassen hatten.» Mit diesen Worten erinnerte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch am 30. September im Gemeindezentrum an die Lebensumstände jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in München vor 20 Jahren.

«Wir alle standen vor einer völlig ungeahnten Situation, und niemand – weder wir hier vor Ort Heimischen noch die Neuankömmlinge – wusste, wohin uns dieser neue gemeinsame Weg führen sollte», fuhr sie fort und bezeichnete die Räumlichkeiten in der Lothstraße als exemplarisch für die widrigen Bedingungen und die vielen Provisorien in dieser von Mangel geprägten Zeit.

Enge Ein kleiner Raum für eine ganze Familie, etwa die Familie Mendelevitch – Eltern, zwei Kinder und die Großmutter. Nicht nur die Enge war bedrückend, die Küchen zum Beispiel mussten sich die Zuwanderer mit vietnamesischen Flüchtlingen teilen. Dazu kam, dass der Verwalterin der Gemeinschaftsunterkunft, die Charlotte Knobloch noch nach zwei Jahrzehnten voller Erregung als «frei von Empathie und augenscheinlich ohne jedes Mitgefühl» beschreibt, «das Gespür für die schwierige Situation der Zuwanderer und ihre besonderen Sorgen und Nöte» fehlte.

Der Kultusgemeinde gelang es schließlich, dass die Unterkunft Lothstraße ausschließlich für jüdische Flüchtlinge zur Verfügung stand und später auch andere Unterbringungsmöglichkeiten gefunden wurden. Zu den Zuwanderern, die damals in der Lothstraße ihre erste Münchner Bleibe gefunden hatten, gehört auch Ariel Kligman mit seiner Familie.

Heute ist der inzwischen erfolgreiche Manager im Vorstand der IKG. Er dankte in seiner kurzen Ansprache all denjenigen, die mitgeholfen haben, dass ein großer Teil der Zuwanderer inzwischen Fuß fassen konnte. Wohnung und Beruf waren dabei wichtige Voraussetzungen. Die Familie Kligman hatte das Glück, dass ihr Sohn mit dem Sohn eines der großen Sponsoren der Gemeinde, Fred Brauner sel. A., zusammen Tennis spielte.

Als Sohn Brauner zu Hause von den Wohnbedingungen seines Freundes erzählte, half Vater Brauner sofort. Er war nicht der Einzige. Viele Gemeindemitglieder unterstützten die Neuankömmlinge – sie luden sie zu sich ein, vermittelten ihnen Wohnungen und Jobs und gaben ihnen menschliche Zuwendung.

Helfer Knobloch hob in ihrer Ansprache besonders Abraham Scher sel. A. hervor, damals Vorstandmitglied der IKG: «Er hat all sein Wissen und seine Menschlichkeit eingebracht, um die Zuwanderer zu betreuen. Sein Wirken in den Jahren der Zuwanderungswellen nach 1989 war unermüdlich. Auf das Beste war er mit den unterschiedlichen Mentalitäten vertraut. Schließlich war er selbst in jungen Jahren von einer Vielzahl an unterschiedlichen Kulturen, Landschaften, Eindrücken und Völkern geprägt worden.»

Dabei kamen ihm seine außerordentlichen Sprachkenntnisse zugute. So hat er sich in ganz unterschiedlichen und vielseitigen Belangen engagiert, sagte Knobloch weiter: «Scher hat sich auch dafür eingesetzt, dass die Neuankömmlinge ihre Haustiere behalten konnten. Nur ein Beispiel von unzähligen, warum seine Hilfe unerlässlich war. Dank seiner Menschlichkeit und Empathie bauten viele Neuzuwanderer von Anfang an ein tiefes und dauerhaftes Vertrauensverhältnis zu ihm und damit auch zur Kultusgemeinde auf.»

Für die IKG waren die Zuwanderer eine große Herausforderung. Die Präsidentin erinnert sich: «Ganze Busladungen waren es, die damals neu zu uns kamen. Familien mit Kind und Kegel und eben Haustieren – aus Russland und der Ukraine und den anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Und wir waren darauf einfach nicht vorbereitet.»

Die Münchner Gemeinde habe weder die personelle noch die finanzielle Ausstattung, geschweige denn die räumlichen Möglichkeiten besessen, um diesen Ansturm zu bewältigen. «Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und unser Wille war stark! Und vor allem: Wo Glaube ist, ist alles möglich. Und unser Glaube war und ist stark und unerschütterlich», betont Knobloch. So sei es gelungen, aus diesem Chaos der Anfangszeit zu geordneten Verhältnissen zu gelangen.

Integration Aus den Kindern von damals sind inzwischen junge Erwachsene geworden, die fließend Deutsch sprechen, studieren, bereits ihren Berufsweg beschritten haben. Drei Generationen waren zu der Feierstunde in den Hubert-Burda-Saal gekommen, drei Generationen, die den Weg nach München nicht bereut haben.

Bei aller Hilfe und Unterstützung waren auch der eigene Mut und das eigene Engagement gefordert, um diesen Weg erfolgreich zu gehen. Boris Mendelevitch erinnert sich, dass er um die 150 Bewerbungen geschrieben hat, um schließlich einen Job als Bauzeichner zu bekommen – für 50 D-Mark mehr als die staatliche Unterstützung. Der Wiedereinstieg ins Berufsleben war ihm das wert – heute arbeitet er als Entwicklungsingenieur bei der Max-Planck-Gesellschaft.

Er hat auch dafür gesorgt, dass seine Kinder studieren konnten. Für seine Tochter, die noch ein halbes Jahr die jüdische Sinai-Schule besucht hatte, klapperte er alle Münchner Gymnasien ab, bis sie schließlich am Gisela-Gymnasium zunächst für ein halbes Jahr zur Probe aufgenommen wurde. Doch schon mit dem ersten Halbjahreszeugnis und einem Jahr Deutschunterricht war sie dort fest integriert.

Die Familien Kligman und Mendelevitch sind nicht die einzigen Erfolgsgeschichten aus der Lothstraße. «Die Eingliederung in die jüdische Gemeinde und die Gesamtgesellschaft ist gelungen», freut sich Knobloch, stellt aber zugleich selbstkritisch fest, «dass wir nach wie vor einige Herausforderungen zu meistern haben. Aber wir sind auf dem richtigen Weg! Wir sind eine Gemeinde. Ich wünsche mir, dass der Unterschied zwischen Alteingesessenen und Neuzuwanderern, der unter den jüngeren ohnehin kaum noch existiert, auch unter den älteren Generationen bald keine Rolle mehr spielt. Ich wünsche mir, dass wir das Gefühl der Geschlossenheit von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Generation zu Generation mehr spüren und mehr leben. Und ich wünsche mir, dass wir uns öfter auf die Erfolge besinnen und auf die großen Errungenschaften der letzten Jahre.»

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  29.05.2026

Nordhausen

Ausstellung zeigt Lebensgeschichten von jüdischen Kindern

Im April 1945 befreite die Rote Armee bei Tröbitz 2.300 Häftlinge aus einem abgestellten Zug des »Verlorenen Transports«. Eine Ausstellung dokumentiert mit Fotos das Schicksal von acht überlebenden Kindern

 27.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026

Führung

Open-Air-Ausstellung zum jüdischen Leben in Erfurt

Ab Freitag führt ein Rundgang auf 19 Stationen durch das historische jüdische Viertel Erfurts und verbindet Geschichte mit digitalen Angeboten

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Porträt der Woche

Flucht und Ankunft

Manfred Eisner erzählt vom Exil und seinem neuen Leben in einem kleinen Dorf

von Heike Linde-Lembke  24.05.2026

Ausstellung

Dynamik des Schreckens

Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime

von Alicia Rust  24.05.2026