Limmud in Mannheim

Lernen in F3

Zum ersten Mal ein Limmud‐Tag in Mannheim. Und aus dem Stand heraus ein voller Erfolg. Limmud auf Tour macht es möglich. Jonathan Marcus, Vorsitzender von Limmud Deutschland, war begeistert darüber, »was die Mannheimer auf die Beine gestellt haben«.

Der Erfolg kommt jedoch nicht von ungefähr. An der Vorbereitung und der Organisation wurde monatelang gearbeitet. Mannheim habe unter Beweis gestellt, dass Limmud überall möglich ist, wo es Leute gibt, die die Organisation in die Hand nehmen, sagte Marcus. Daneben werde es selbstverständlich auch weiterhin die großen zentralen Limmud‐Festivals geben.

»Die Gemeinde hat uns auf vielfältige Weise unterstützt, obwohl Limmud ja keine Gemeindeveranstaltung im eigentlichen Sinn ist«, erklärte Roni Lehrer vom Mannheimer Limmud‐Team. Seine Kollegin Toni Weinerstellt stellte dabei fest, dass ein großes Bedürfnis besteht, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. »Wichtig ist ja auch die Begegnung und das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein.«

kommunikation Am vorvergangenen Sonntag war das Mannheimer Gemeindezentrum der große Lern‐ und Begegnungsort in Baden. 150 Wissbegierige und Diskussionsfreudige waren gekommen. Und es kamen doppelt so viele Frauen wie Männer und bewiesen damit, dass sie das kommunikativere Geschlecht sind.

Gemeindevorsitzender Majid Khoshlessan betonte in seiner Begrüßung, wie wichtig das Lernen in der jüdischen Kultur ist, und zitierte aus den Kommentaren zum Talmud: »Wohl aber gibt es ein Gebiet, in welchem man nie genug getan haben soll. Das ist das Gebiet des Lernens und Übens. Wer da stillsteht, geht zurück.«

Zur genaueren Erläuterung erzählte Majid Khoshlessan eine kleine philosophische Anekdote: »Ein Jeschiwa‐Schüler fragt seinen Rabbi: ›Darf man beim Talmud‐Lernen rauchen?‹ Der Rabbi antwortet: ›Nein, beim Talmud‐Lernen darf man nicht rauchen.‹ Ein anderer Schüler fragt: ›Darf man beim Rauchen Talmud lernen?‹ Der Rabbi: ›Ja, man soll immer Talmud lernen.‹«

Es war wohl auch der Themenmix, der viele Interessierte in das Mannheimer Gemeindezentrum lockte, abgesehen von der guten Bewirtung. Man habe bei der Vorbereitung darauf geachtet, ein möglichst weites Spektrum an Wissenswertem anzubieten, sagte Roni Lehrer. »Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass für viele etwas dabei ist. Wir haben alle Vortragsangebote angenommen und die Räumlichkeiten bis zum letzten Winkel genutzt.«

Aktuelles Aus der Politik wurden vor allem aktuelle Fragen aufgegriffen, die in den Gemeinden derzeit heiß diskutiert werden, weil sie ihre Lebenssituation und damit auch ihr jüdisches Selbstbewusstsein betreffen. Großen Andrang gab es deshalb beim Workshop »Antisemitismus‐Beratung – notwendig und möglich?«, der von Viktorija Kopmane, Irina Zirulnik und Miriam Marhöfer moderiert wurde.

Erschreckend war, dabei zu erfahren, wie viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst schon offen geäußerten und unterschwellig vermittelten Antisemitismus erfahren haben: in Schulen, als Eltern in Kitas, im Bus, am Arbeitsplatz, in Gesprächen. Als Jude müsse man sich ständig rechtfertigen. Der Bedarf an Beratung und konkreter Hilfe für Betroffene steige, sagte Viktorija Kopmane.

Ein weiteres Kapitel: Der Boykott Israels durch BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) wird in der Öffentlichkeit immer lauter artikuliert. Der Theologe und Israel‐Experte Albrecht Lohrbächer bot hierzu eine Informationsrunde an.

»Wir können nicht tatenlos zusehen, wie verhängnisvoll schief die Diskussion über Israel bei uns läuft«, sagte er. Als besonders beklagenswert empfindet er die Haltung dazu in vielen christlichen Verbänden, vor allem bei Pax Christi. »Wir finden bei unserem Kampf gegen die Verleumdungen durch BDS wenig Unterstützung bei den offiziellen kirchlichen Stellen.« Besonders perfide sei die Diskriminierung Israels als Apartheidstaat. Er zitierte eine ANC‐Stimme, die sich dagegen verwahrt, den Freiheitskampf der Schwarzen in Südafrika und die Kritik, den der Apartheidvorwurf beinhaltet, auf die Situation in Israel anzuwenden.

Frauen Mit der Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft und speziell in der jüdischen Gemeinschaft befasste sich Schoschana Maitek‐Drzevitzky. Die frühere Vorsitzende der Mannheimer Gemeinde verwies in ihrem Vortrag auf jüdische Frauenemanzipation. Auf den Kampf dieser Frauen könne das deutsche Judentum stolz sein.

»Die Meinung der Frauen geht nicht unbedingt mit dem üblichen jüdischen Establishment konform. Umso wichtiger ist es, ihnen zuzuhören«, sagte Maitek‐Drzevitzky. Wer wisse denn schon, dass das Leben der Frauen im osteuropäischen Schtetl signifikante Auswirkungen auf die Frauenbewegung in Westeuropa hatte? Und auch das gehöre zur historischen Wahrheit: »Diese Frauen kannten die Säulen des Judentums und haben sie in die Realität umgesetzt.«

»Gemeindevorsitzende ja, Rabbinerin nein?«: Auch dieser Workshop war sehr stark nachgefragt. Der orthodoxe Rabbiner Jehoschua Ahrens und die promovierte Judaistin und Kunsthistorikerin Esther Graf diskutierten über den immer deutlicher vernehmbaren Anspruch von Frauen, auch in der jüdischen Liturgie das tradierte Rollenverständnis aufzugeben und den Gegebenheiten moderner Gesellschaften mit Geschlechtergleichstellung anzupassen. So die Forderung von Graf.

Rabbiner Ahrens verwies auf das »Ringen mit der Tradition« und plädierte im Rahmen der Halacha für eine schrittweise Übernahme liturgischer Aufgaben, etwa beim Kaddisch‐Sagen. »Das klassische Rollenbild der Frau ist nicht in Stein gemeißelt«, betonte Ahrens.

Lebensbedürfnisse Junge Erwachsene und die jüdischen Gemeinden beschreiben ebenfalls ein Spannungsfeld. Daniel Golikov stellte dazu eine Umfrage vor. Danach fehle es an Angeboten für die Altersgruppe zwischen 22 und 32 Jahren. Allzu oft seien die Vorstände zu weit weg von den Lebensbedürfnissen dieser Gruppe, moniert eine Teilnehmerin. Junge Menschen müssten größere Chancen haben, in Vorstandsämter gewählt zu werden.

»Es darf bei Limmud nicht nur um Politik, Soziales und Religion gehen«, meinte der Filmemacher Rudij Bergmann. Er stellte seine filmische Auseinandersetzung mit dem impressionistischen Maler Jacob Abraham Camille Pissarro vor. Obwohl dieser sich explizit keine jüdischen Themenstellungen vorgenommen habe, sei besonders im Figurenkosmos seines Spätwerks seine Herkunft aus einer jüdischen Familie unverkennbar. Einen anderen künstlerischen Aspekt bot das jüdische Theater. Die Fotografin und Theatermacherin Larissa Dubjago ermuntert dazu, jüdische Sketche oder Geschichten aus dem Alltagsleben auf die Bühne zu bringen.

Bei einem weiteren künstlerischen Workshop vermittelte die Erzieherin Gabriela Ermlich die Faszination israelischer Tänze. Und Rabbiner Dan Blaufeld bediente die spirituelle Sehnsucht. »Wir leben bereits in einer messianischen Zeit«, lautete sein Motto. Der Messias werde eine Persönlichkeit von kosmopolitischen Ausmaßen sein.

»Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus.« Der Mannheimer Limmud‐Tag hat das Goethe‐Wort aus dem Faust‐Prolog vielgestaltig erfüllt.

www.limmud.de

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