Fußball

Legenden am Ball

Lokaltermin in der Turnhalle der Georg‐Ledebour‐Schule in Nürnberg‐Langwasser: Hier trainiert der 24‐jährige Elia gerade mit etwa zehn Freunden Basketball. Der Student ist froh darüber, dass er das jetzt im Rahmen von TSV Maccabi Nürnberg machen kann. Ein Kumpel hatte ihn dazu überredet, Basketball zu spielen. Nun geht er regelmäßig zum Training in einen jüdischen Verein, er ist auch seit vielen Jahren Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg.

»Deshalb freue ich mich, dass es jetzt auch ein sportliches Angebot gibt, das uns so etwas wie Basketball, aber auch Fußball und andere Sportarten anbietet«, sagt Elia. Die gerade im Aufbau befindliche Basketballgruppe, die noch Akteure sucht, ist nämlich nur eine von mehreren Abteilungen, die unter dem Dach von Maccabi Nürnberg organisiert sind.

Wunsch Anatoli Djanatliev, eines der drei Vorstandsmitglieder, hat den TSV Maccabi 2016 mit ins Leben gerufen. Seit 27 Jahren wohnt er in Nürnberg, und damit ging ein lang gehegter Wunsch von ihm in Erfüllung. Vorher hatte man sich immer mal wieder auf der Wöhrder Wiese getroffen, um ein bisschen zu kicken. Doch jetzt ist es organisiert im eigenen Klub möglich.

Die Nachfrage ist groß. Schon jetzt gibt es rund 80 zahlende Mitglieder. Die Kurve der Mitgliederstatistik zeigt nach oben, was vielleicht auch an der breiten Angebotspalette liegt. Mit leuchtenden Augen zählt der gebürtige Russe Djanatliev alle bis jetzt im Verein vertretenen Sportabteilungen auf: »Tai‐Chi, Tischtennis, Tennis für Kinder, Basketball, Fußball, Schach, Bridge und Kraftsport.« Auch Nichtjuden können am Vereinsleben teilnehmen. »Wir sehen hier eine Möglichkeit, zusammenzukommen. Sport verbindet. Wir müssen über Gemeinsamkeiten sprechen und nicht über die Unterschiede«, sagt Djanatliev. Interkultureller Dialog mit Hilfe des Sports.

club Seit kurzem arbeitet der TSV Maccabi Nürnberg sogar mit der wichtigsten sportlichen Institution der Stadt zusammen, dem 1. FC Nürnberg. Der »Club«, wie er von seinen Fans genannt wird, hat einen festen Platz in der deutschen Fußballgeschichte. »Eine Kooperation, die viele Möglichkeiten bietet«, sagt Stanislav Dadachev vom Maccabi‐Vorstand.

Noch etwas verschwitzt vom Fußballtraining in der Schulturnhalle sitzt er im Umkleideraum und träumt von künftigen sportlichen Begegnungen mit dem Tradi­tionsverein. Bei dem natürlich in Nürnberg, der Stadt der NS‐Reichsparteitage, immer auch die Vergangenheit mit eine Rolle spielt, gibt Anatoli Djanatliev zu bedenken.

»Es gibt viele Maccabi‐Vereine, die sagen: ›Nein, so eine Kooperation kommt für uns nicht in Frage.‹ Für uns war das von vornherein klar, dass diese Kooperation wichtig und gut ist, insbesondere, weil der ›Club‹ zu diesen Themen auch steht und seine Geschichte auch aufarbeiten möchte.«

hass Rückblende: 1932 hat der 1. FC Nürnberg gerade zweimal hintereinander ein Spiel verloren – ausgerechnet gegen seinen Erzrivalen, die Spielvereinigung Fürth. Das unglückliche Ausscheiden des »Club« bei der Deutschen Meisterschaft in jenem Jahr ist für das Nazihetzblatt »Der Stürmer« willkommener Anlass für antisemitische Tiraden gegen den Trainer des FCN, Jenö Konrad.

Der stammt aus Ungarn und war zwei Jahre zuvor vom jüdischen Wiener Spitzenklub SC Hakoah Wien nach Nürnberg gekommen, um den modernen Fußball zu lehren. Der »durch jüdische und sonstige Gazetten hochgepriesene Jude Konrad«, giftet der »Stürmer«, habe einfach »nicht das Können, um den Klub ins Ziel zu bringen«.

Der Mann, den der »Stürmer« im August 1932 übel beschimpft, beherrscht sechs Sprachen fließend, interessiert sich für Politik und Kultur und war vor allem durch seine Erfolge als Fußballer aufgefallen.

trainer In der ersten Mannschaft von MTK Budapest, einer der damals wohl besten Vereinsmannschaften der Welt, debütierte er, wurde dann als Mittelläufer und Spielgestalter mehrmals ungarischer und österreichischer Meister und absolvierte sogar ein Spiel im Trikot der ungarischen Fußballnationalmannschaft.

Wegen einer Meniskusverletzung musste Jenö Konrad jedoch seine Fußballschuhe 1925 an den Nagel hängen. Als Trainer aber feiert er Erfolge, und der 1. FC Nürnberg ist stolz darauf, ihn 1930 verpflichtet zu haben.

Der »Stürmer« ist da anderer Meinung: »Klub! Besinn Dich und wache auf. Jag Deine Bar Kochba‐ und Tennisjuden zum Teufel. Gib Deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem. Werde wieder deutsch, dann wirst Du wieder gesund.«

Als der Artikel im August 1932 erscheint, weiß Jenö Konrad, was zu tun ist. Er und seine Familie verlassen Nürnberg mit dem Zug in Richtung Wien. Später begründete er seinen Schritt damit, dass er es nicht nötig gehabt habe, sich beschimpfen zu lassen.

rote karte Der 1. FC Nürnberg ist entsetzt über die Beleidigungen im »Stürmer«, lobt den Sportler für seine Verdienste und verabschiedet ihn auf dem Bahnhof mit Blumen. »Die Bemühungen der Vereinsleitung, ihn zum Bleiben zu veranlassen, sind ohne Erfolg gewesen«, heißt es später in der Vereinszeitung.

Konrad hingegen ist nach seiner Abreise auf Arbeitssuche. Als Coach wird er in den folgenden Jahren Mannschaften in Temesvar und Triest, Lille und Paris betreuen, auch das Spitzenteam von Sporting Lissabon trainiert er, ehe er 1940 mit Frau und Tochter Europa Richtung New York auf dem Frachtschiff »San Miguel« verlässt.

In Deutschland tauchen nach 1933 noch mehr Hakenkreuzfahnen als schon vor 1933 auf. Auch der »Club« zeigt seinen jüdischen Sportlern die Rote Karte. »Wertes Mitglied«, werden die Clubberer angeschrieben, »wir beehren uns, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass der Verwaltungs‐Ausschuss in seiner Sitzung vom 27. April des J.(ahres) gemäß § 32 Ziff.(er) II folgenden Beschluss gefasst hat: ›Der 1. Fußball‐Club Nürnberg streicht die ihm angehörenden jüdischen Mitglieder mit Wirkung vom 1. Mai 1933 aus seiner Mitgliederliste‹.« Der Brief endet »mit sportlicher Hochachtung«.

theater Erst Jahrzehnte später gedenken die »Ultras Nürnberg«, eine sehr aktive Fangruppierung des FCN, Jenö Konrads vor 50.000 Zuschauern mit einer aufsehenerregenden Choreografie anlässlich eines Spiels gegen den FC Bayern München. Sie breiten ein Riesenbanner über die ganze Nordkurve aus, darauf zu sehen: das Konterfei von Jenö Konrad.

2016 gibt es sogar ein Theaterstück über Jenö Konrad. Linke Läufer (Erster sein) heißt es, das Staatstheater und wiederum die »Ultras Nürnberg« haben es auf die Beine gestellt. Vor allem ist die Erinnerung an Konrad dem Journalisten und Club‐Historiker Bernd Siegler zu verdanken. Er entdeckte die Story bei Recherchen zu einem Buch über die Geschichte des 1. FCN (Werkstatt‐Verlag Göttingen, 2008).

Auf eine Zeitungsannonce in den USA hin, ob jemand den berühmten Fußballer Jenö Konrad kenne, meldete sich dessen Tochter Evelyn und stand fortan als Zeitzeugin zur Verfügung. 2013 kam sie sogar persönlich nach Nürnberg, um beim 1. FC Nürnberg vor großem Publikum der Ehrung ihres Vaters beizuwohnen: eine unterhaltsame Lektion gegen Rassismus und Antisemitismus.

Inzwischen wurden nicht nur alle zwischen 1933 und 1945 ausgeschlossenen jüdischen Vereinsmitglieder rehabilitiert, sondern Evelyn Konrad konnte auch die ihrem Vater postum verliehene Urkunde der Ehrenmitgliedschaft entgegennehmen.

maccabi Heute erinnert im Club‐Museum eine eigene Abteilung an den früheren Trainer. Und ein Turnier ist nach ihm benannt, der Jenö‐Konrad‐Cup. Am 17. Juli ging es auf dem Gelände des 1. FCN wieder über die Bühne, und zwar schon in seiner zehnten Auflage: »Jenö‐Konrad‐Cup 2.0 – Fußball trifft auf Geschichte«. Vertreter des 1. FC Nürnberg, des TSV Maccabi und der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg haben im Vorfeld Schulen der Region Nürnberg besucht, um über das Projekt und seine historischen Hintergründe zu informieren.

Schüler der Jahrgangsstufen Neun und Zehn können an dem Cup teilnehmen, aber auch Jugendmannschaften aus kirchlichen oder kulturellen Einrichtungen. Lehrer und Schüler erstellen zu dem Thema außerdem gemeinsam Projektarbeiten. Die Sieger erhalten dann eine Einladung zum Besuch der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und einer KZ‐Gedenkstätte. Den Gewinnern des Jenö‐Konrad‐Cups winkt die Teilnahme an einem Maccabi‐Event.

Jo‐Achim Hamburger, Vorsitzender der IKG Nürnberg, begrüßt die bundesweit beispielhafte Aufarbeitung der braunen Ära beim 1. FCN. Vor allem freut er sich über die Kooperation zwischen dem TSV Maccabi und dem Club sowie über die Auslobung des Jenö‐Konrad‐Cups.

grossvater Kein Wunder, denn Hamburger ist mit dem »Club« aufs Engste verbunden. Sein Großvater hatte seinen Enkel bereits vor der Geburt beim berühmten Sportverein als Mitglied angemeldet. »Ich bin ein verrückter Fußballanhänger und freue mich natürlich, dass wir einen Teil bei diesem Jenö‐Konrad‐Cup mitspielen können.«

Auch die private Nürnberger Realschule Sabel wird beim Cup vertreten sein: Mit einem gemischten Team – acht Mädchen und drei Jungen. Außerdem stellt die Schule im Wahlfach Medien einen etwa zehnminütigen Film über das Turnier her. Michael Ströhlein, Lehrer für Wirtschaft, Recht und Betriebswirtschaftsrechnen, koordiniert das Ganze. »Der Film soll dann im Rahmen des Turniers gezeigt werden, gemeinsam mit allen anderen Schulen, die jeweils eine Projektarbeit abliefern.« Er hofft auch, dass der Film eine Zeitlang im FCN‐Museum zu sehen sein wird.

Jenö Konrad hätten diese Aktivitäten sicher gefallen. Am 15. Juli 1978 starb er in New York an einem Herzinfarkt. Heute erinnert der nach ihm benannte Cup an ihn. Außerdem kann man im FCN‐Museum eine Autogrammkarte von ihm erhalten. Dort steht ein Satz von Konrad: »Der Club war der erste und muss der erste werden.«

Nun ist der 1. FC Nürnberg wieder in die erste Fußballbundesliga aufgestiegen. Auch das hätte dem einstigen Trainer, der ein Leben lang Club‐Fan geblieben ist, gefallen.

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