Baden-Württemberg

Le Chaim in Weiß und Rot

Le Chaim mit Le Chaim Lavan und Le Chaim Adom: Mit diesem Trinkspruch hat eine gut gestimmte Runde im baden-württembergischen Staatsweingut Weinsberg ein besonderes Ereignis gefeiert: die ersten koscheren Weine, weiß und rot, aus staatlicher Produktion, für die als Markenname »Auf das Leben« gewählt wurde. Gereift, gelesen, gekeltert und abgefüllt nach den strengen Regeln der Kaschrut.

Insgesamt fast 8000 Flaschen. Abfüllung und erste Verkostung sind Premiere einer bundesweit einmaligen Kooperation zwischen Landesregierung und den Israelitischen Religionsgemeinschaften von Baden und Württemberg. »Dieser Wein ist ein fröhliches Symbol für unsere Beziehung und bringt ein Stück Normalität«, lobt Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, das Pilotprojekt. Peter Hauk, Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, sagt: »Das Judentum gehört mit seiner 1700 Jahre langen Geschichte in Deutschland zu unserem Land.«

Landesrabbiner Es ist der erste Tag des Monats Adar. »Der beste Tag, den wir uns für dieses Ereignis vorstellen können, denn es ist ein Monat der Freude, in dem wir Purim feiern«, zeigt sich Moshe Flomenmann, Landesrabbiner von Baden, hocherfreut. Wein, nicht nur zu Purim genossen, sei Freude und mache das Herz fröhlich.

Doch ehe der trockene Riesling von der Lage am Schemelsberg bei Weinsberg in hellem Gold und der Lemberger vom Gundelsheimer Himmelreich in samtigem Rot im Glase funkeln, herrscht in der Kellerei rege Geschäftigkeit. Unentwegt läuft und lärmt die Maschinerie der automatischen Abfüllstraße.

Nach der intensiven Reinigung strömt der Wein, der vorher auf 80 Grad erhitzt wurde, in die Flaschen.

Nur kurz verursacht ein falscher Knopfdruck Stille und Stillstand, dann ist alles wieder im Fluss. Annalena Spieß, Gesellin im Weingut, steht auf der Leiter und holt Flasche um Flasche aus großen Kartons und packt sie als Nachschub auf das Band. Nach der intensiven Reinigung strömt der Wein, der vorher auf 80 Grad erhitzt wurde, in die Flaschen. Die Maschine hat den richtigen Dreh für die Schraubverschlüsse und übernimmt auch passgenau die Etikettierung.

Löwen Schon der Anblick der stilvollen Etiketten stimmt auf den besonderen Genuss ein. Sie wurden von der Agentur Wineworlds in Ellerstadt Pfalz gestaltet und orientieren sich am Corporate Design des Staatsweinguts mit dem entsprechenden Schriftzug, der Reliefprägung eines Löwenkopfes und den drei goldenen Löwen aus dem Staatswappen.

Ergänzt um die Markennamen Le Chaim Lavan (weiß) und Le Chaim Adom (rot) in Deutsch und Hebräisch, die Siegel des Landesrabbinats Baden und der IRG Württemberg mit dem Namen von Landesrabbiner Moshe Flomenmann und des Stuttgarter Rabbiners Yehuda Pushkin sowie der Zertifizierung »Koscher für Pessach«. Auf maigrünem Hintergrund für den Riesling und bordeauxfarbenem für den roten Lemberger. Auf dem Rückenetikett stehen alle weinrechtlich notwendigen Produktinformationen.

Jede gefüllte und etikettierte Flasche wird versiegelt.

Fertig? Nicht ganz, denn mit der Etikettierung ist dem Gesetz noch nicht Genüge getan. Darum sind Rabbiner Pushkin, der Maschgiach David Asher Poretski und Elisha Baram, als Experte für die Einhaltung der Speisegesetze nicht zum ersten Mal aus Israel eingeflogen, schon einige Stunden hoch konzentriert beschäftigt.

verschlussklappe Am Ende der Anlage nehmen sie jede bereits gefüllte und etikettierte Flasche in die Hand, um sie ultimativ zu versiegeln: mit einem goldenen Siegel, das den Rand des Flaschenhalses mit der Verschlusskappe verbindet und obendrein durchnummeriert ist. Jeder unzulässige Zugriff, der den Wein verderben würde, wird damit verhindert. 3300 Flaschen, das dauert.

Dem Minister kommt dann die ehrenvolle Aufgabe zu, das Siegel mit der Nummer A00001 aufzukleben. Gar nicht so einfach. Einfach ist jedoch ohnehin nichts bei der Produktion von koscherem Wein. Das war Dieter Blankenhorn, dem Leiter der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) Weinsberg, ebenso bewusst wie seinem Chef-Önologen Simon Bachmann, als das Ansinnen vom Landwirtschaftsministerium an sie gestellt wurde. Das erläuterte auch Rabbiner Pushkin.

In Stuttgart war die Idee geboren worden. Der Landtagsabgeordnete Christian Gehring (CDU) habe, so erzählt es Susanne Jakubowski von der Repräsentanz der IRGW, bei einem Besuch in der Gemeinde nach der Herkunft des koscheren Weines gefragt. Aha, aus Israel und Frankreich. Und warum nicht aus dem Weinland Baden-Württemberg? Das müsse man ändern. Gehring und sein Fraktionsvorsitzender Manuel Hagen überzeugten den Minister, der 20.000 Euro für das Pilotprojekt zur Verfügung stellte, »weil sich damit Menschen jüdischen Glaubens auch mit dem Kulturgut Wein aus Baden-Württemberg identifizieren können«.

Einfach ist gar nichts bei der Produktion koscheren Weins.

Damit begann, was Simon Bachmann »eine gewaltige Herausforderung« nennt. Fachbücher wurden gewälzt und Ratschläge eingeholt, »aber vor allem«, so Bachmann, »waren wir ständig im Gespräch mit Rabbiner Pushkin und Landesrabbiner Flomenmann, die von Anfang an dabei waren und auch Vorurteile ausgeräumt haben«. Zum Beispiel jenes, dass Frauen von der Produktion des koscheren Weins gänzlich ausgeschlossen sein müssten: »Da haben meine Mitarbeiterinnen sofort protestiert und das Projekt abgelehnt.«

Es sei dann gar kein Problem gewesen. Oder dass nur Juden die Trauben lesen dürfen. Wo soll man so viele Juden für diese Arbeit im Weinberg finden? »Stimmte dann auch nicht, die Rabbiner haben versichert, dass die unversehrten Trauben von jedem berührt werden dürfen. Die sehen es pragmatisch«, betont Bachmann. Und ein Rabbiner habe ihm versichert, dass es 613 Gesetze gebe, aber auch 613 Ausnahmen – eine schöne Metapher.

Schofar Bei der Lese des Lembergers im September im Himmelreich durften sich dann alle fleißigen Helfer dem Himmel ein Stück näher fühlen: Juden und Nichtjuden, Frauen und Männer, die Politiker Manuel Hagen, Christian Gehring und Isabell Huber, Landesrabbiner Flomenmann, der das Schofar zum Auftakt blies, Rabbiner Pushkin, der zum ersten Mal in seinem Leben Trauben vom Stock schnitt, Elisha Baram, der aus der Ukraine stammt und fasziniert ist von der perfekten Technik des Weingutes, und der Koscher-Beauftragte der IRGW, David Asher Poretski.

Wein hat im Judentum vor allem eine sakrale Bedeutung.

Wein habe im Judentum vor allem eine sakrale Bedeutung, hatte Pushkin schon bei der Vorstellung des Projektes im vergangenen Juni in Weinsberg den Überschwang des Ministers gebremst, der die Produktion von koscherem Wein als »künftig ganz normal« ankündigte: »Wir vertrauen die Produktion nur religiösen Menschen an, schon der kleinste Verstoß gegen die Vorschriften kann katastrophale Folgen wie eine unkoschere Weincharge haben.«

herausforderung Die Herausforderung begann vor allem bei der Arbeit im Keller, berichtet Bachmann. Denn da sind die Regeln unerbittlich streng: Pressen, Zuber, Fässer, Tanks, Schläuche, Dichtungen, Hefen, Behandlungsstoffe – alles muss koscher, absolut neu und rein sein.

»Ich habe einige Rollen Klebeband verbraucht«, lacht Bachmann und zeigt im Keller, wofür: Die Öffnung im Tank, das sogenannte Mannloch, ist signalgelb zugeklebt, damit sich kein Unbefugter daran vergreift. Nicht einmal von außen dürften er und sein Team den Tank anfassen. Und das Barriquefass, in dem der Lemberger noch reifen muss und von dem es deshalb nur eine Fassprobe gibt, stehe in einem versiegelten Raum.

»Ich hatte Sorge«, bekennt Bachmann, »dass ich reflexartig falsch reagiere und zugreife, wie ich es von den Arbeitsabläufen gewohnt bin. Aber alles ging gut, wir haben uns kennengelernt und vertraut. Und es hat Spaß gemacht.« »Es war ein Lernprozess für beide Seiten«, sagt Dieter Blankenhorn. Als Leiter einer Versuchs- und Forschungsanstalt freut er sich darüber. Er verspricht Kontinuität, »wenn alle zufrieden sind und auch die Vermarktung erfolgreich ist«.

Weinprinzessin Dann werden Flaschen geöffnet, die Gläser gefüllt, Flomenmann spricht ein Dankgebet. Der Wein löst die Spannung, die Stimmung wird heiter. Weinprinzessin Lisamarie Blatt gibt als Expertin ein erstes Urteil ab: Der Riesling besitze Aromen von Apfel und sommerlichen Früchten, sei anregend und jugendlich. Der Lemberger, von dem 4500 Flaschen zu erwarten sind, sei mit Aromen von Kirsche und Brombeere schon sehr schön samtig am Gaumen.

Und wie fällt das Urteil der Runde aus? Landesrabbiner Flomenmann hätte als Kenner der französischen Weine einem Merlot oder einem Cabernet Sauvignon den Vorzug gegeben, Suliman ist der Lemberger noch zu jung. Der Riesling findet einhelligen Beifall, und Susanne Jakubowski ist mit Michael Kashi vom IRGW-Vorstand einig, sofort zu ordern. Der Stuttgarter Rabbiner Pushkin hofft, dass bald koscherer Whisky gebrannt wird.

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