Porträt der Woche

Latkes und Sufganiot

Roni Levy betreibt ein Café und bietet dort erstmals traditionelle Chanukkaspeisen an

von Till Schmidt  12.12.2017 11:19 Uhr

»Die Sufganiot in meiner Bäckerei sind mit Halva und Pistazien gefüllt«: Roni Levy (45) lebt in Bremen. Foto: Kay Michalak

Roni Levy betreibt ein Café und bietet dort erstmals traditionelle Chanukkaspeisen an

von Till Schmidt  12.12.2017 11:19 Uhr

Möchten Sie Ihr Sandwich mit Hummus? Das ist eine meiner Standardfragen, wenn Leute mein Café betreten. Auf israelische Speisen sind nicht wenige Bremer neugierig. Bei mir gibt es unter anderem Burekas und Sambusak – Teigteilchen gefüllt mit Spinat, Schafskäse oder Pilzen. Und, für viele Kunden ungewöhnlich: Halva mit Chili und Whiskey.

Das »Delicious« ist eine kleine Bäckerei mit Café im Stadtteil Schwachhausen, der sich nördlich an die Bremer Innenstadt anschließt. Dort verkaufe ich seit etwa zweieinhalb Jahren aus Israel importierte Spezialitäten sowie israelische Snacks. Der Schwerpunkt liegt dabei auf orientalischen und mediterranen Speisen, die ich nicht selten nach den Rezepten meiner aus Bagdad sowie Thessaloniki stammenden Familie zubereite.

party Daneben habe ich aber auch leckeres deutsches Grau‐ und Vollkornbrot im Angebot. Oder Sandwiches, die im Gegensatz zu den israelischen und jüdischen Speisen nicht koscher sind. Mein Publikum ist sehr gemischt: Es kommen Leute aus der Nachbarschaft, Passanten, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Und auch die wenigen anderen Israelis in Bremen schauen gerne bei mir vorbei.

Nach Bremen zog ich vor dreieinhalb Jahren. Aus einem einfachen Grund: Mein Mann Andreas, den ich in Barcelona kennengelernt habe, ist Deutscher. Das Leben hier ist recht gemütlich – weit weniger hektisch als in Tel Aviv, wo ich vorher gelebt habe. Manchmal empfinde ich es in Bremen als etwas zu ruhig. Das motiviert mich aber auch, in Zukunft häufiger Tel‐Aviv‐Style‐Partys zu veranstalten. Zu meiner ersten Party im Sommer kamen etwa 100 Gäste. Wer weiß, vielleicht wird ja irgendwann ein ganzes Straßenfest daraus.

Ohnehin möchte ich in den nächsten Jahren mit dem Café umziehen, da ich mich etwas vergrößern will. Ob es eher in Richtung Bistro oder Restaurant geht, wird sich zeigen. Ich kann mir beides gut vorstellen. Auf jeden Fall möchte ich dann eine breitere Palette mit mehr traditionellen Familienrezepten anbieten und die Vielfalt der israelischen Küche noch besser abbilden. Langjährige Erfahrung in der Gastronomie bringe ich auf jeden Fall mit: In Israel habe ich eine Bäckerei mit dem Schwerpunkt Hochzeitsspeisen betrieben. Außerdem hatte ich ein Kochstudio für Kinder, was mir viel Spaß gemacht hat.

gewürzhändler Vor 45 Jahren wurde ich in Tel Aviv geboren und wuchs dort zusammen mit meinen drei Schwestern auf. Eine von ihnen wohnt inzwischen mit ihrem Mann in Berlin, die anderen beiden leben jeweils in Petach Tikwa und Ramat Gan. Wegen der Verantwortung für meinen Laden ist es gar nicht so einfach, regelmäßig meine Familie zu besuchen – vor allem in Zeiten, in denen besonders viel zu tun ist, so wie jetzt zu Chanukka –, denn derzeit habe ich nur zwei Mitarbeiterinnen.

Mein Vater kommt aus einer Bagdader Gewürzhändlerfamilie. Doch spätestens mit dem Farhud‐Pogrom 1941 und der Staatsgründung Israels wurde die Atmosphäre für die irakischen Juden so feindlich, dass sie sich zur Auswanderung gezwungen sahen. Bis zu den 50er‐Jahren sind nahezu alle der rund 130.000 Juden aus dem Irak geflohen, wodurch die älteste jüdische Gemeinde der Welt aufhörte zu existieren. In Tel Aviv gelang es meinem Vater, eine Druckerei aufzubauen. Dort lernte er auch meine Mutter kennen.

Meine Mutter wurde in Tel Aviv geboren. Ihre Eltern kommen aber beide aus Thessaloniki. Wie die meisten der dort ansässigen Juden waren auch meine Großeltern Sefardim. Als die Nazis die etwa 50.000 Juden aus Thessaloniki nach Auschwitz deportierten, war darunter auch die gesamte Familie meines Großvaters. Nur mein Vater und sein Bruder haben das Vernichtungslager überlebt. Sie sind kurz nach der Staatsgründung nach Israel eingewandert und haben sich in Tel Aviv niedergelassen. Dort lebte meine Großmutter, deren Familie ursprünglich ebenfalls aus Thessaloniki kommt, bereits seit den 20er‐Jahren. Da mein Großvater nie darüber sprechen wollte, wissen wir nur wenig über sein Leben in Thessaloniki vor der Schoa und die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs. Zu den früh verstorbenen Großeltern aus Bagdad habe ich die meisten Informationen von meiner Tante.

reisen Gerne würde ich in die beiden Städte reisen, um dort nach Spuren meiner Familie zu suchen, zu sehen, wo meine Vorfahren gelebt haben. In Thessaloniki war ich zwar schon einmal vor etwa 20 Jahren. Aber ich würde gern noch einmal dorthin fahren, zusammen mit einer Bremer Freundin, die Griechin ist. Ich wünschte, dasselbe könnte ich auch in Bagdad tun. Doch mit meinem israelischen Pass darf ich dort nicht einreisen. Liebend gern würde ich auch einmal in den Iran fahren, doch: »No way!« – auch dort lässt man mich als Israelin nicht hinein.

Ich reise viel und gerne. In Europa war ich schon viel unterwegs. Prag, Wien, Barcelona, Nikosia habe ich zum Beispiel bereist. Seit ich in Deutschland lebe, bin ich auch hier schon viel herumgekommen. Ich war bereits in Berlin, Hamburg, Schwerin, Leipzig, Dresden, München, Stuttgart, Tübingen und Braunschweig. Dabei interessiert mich natürlich immer auch das dortige jüdische Leben. Jede Stadt hat ihre eigene jüdische Geschichte, auf die ich neugierig bin. In München hat mich zum Beispiel die zentral gelegene, vor einigen Jahren neu gebaute Ohel‐Jakob‐Synagoge beeindruckt. Gleichzeitig ist es mir auch wichtig, über die Geschichte des Antisemitismus in den jeweiligen Städten zu lernen.

Mit meinem Mann bin ich auch nach Auschwitz gefahren. Obwohl mein Großvater aus Thessaloniki kaum darüber gesprochen hat, war die Schoa als Teenager sehr präsent für mich. Für meinen Vater, der an Publikationen der Organisation »Disabled Veterans« mitwirkte, habe ich Berichte von jüdischen Überlebenden und Partisanen abgetippt. An die Erzählungen von Juden, die sich vor den Nazis in Wäldern und Häusern versteckt haben, erinnere ich mich heute noch recht genau.

Sabich Erfahrungen mit Antisemitismus habe ich in Deutschland bislang kaum gemacht. Wenn es einmal unangenehme Situationen gab, dann lag es eher daran, dass mein Deutsch noch nicht so gut war. Das waren aber Einzelfälle. Insgesamt sind meine Kunden im positiven Sinne neugierig, wenn sie erfahren, dass ich Israelin bin. Damit gehe ich in meinem Laden auch ganz offen um. Das sieht man nicht nur an meiner Speisekarte, sondern auch daran, dass ich unter anderem Flyer der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft und Tourismusbroschüren zum Reiseziel Israel auslege. Auch in dem Deutschkurs, den ich vorwiegend zusammen mit Syrern und Iranern besucht habe, musste ich meine Nationalität nicht verstecken.

In diesem Jahr biete ich zu Chanukka erstmals Sufganiot und Latkes an. Meine nichtjüdischen Kunden sind neugierig, diese beiden traditionellen Chanukka‐Gerichte zu probieren. Viele kennen Sufganiot eher als »Berliner« oder »Pfannkuchen«. Ich fülle sie jedoch mit Pistazien oder Halva.

Gerne erinnere ich mich dabei auch an die Feiertagsspeisen meiner Familie: zum Beispiel an Tbit, ein über Nacht im Ofen gegartes Hähnchengericht mit Reis. Oder an Sabich, Pita gefüllt mit gebratener Aubergine, gekochtem Ei, Amba‐Paste – eine Art Mango‐Sauce – und Salat für den Schabbatmorgen. Oder an unsere Pessach‐Suppe mit Mazze und Ei. Vielleicht ist all das ja der Anfang meines künftigen israelischen Restaurants.

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