Bad Kreuznach

Kunst aus Glas

Es riecht nach Farbe und Lösungsmittel. In der Spritzkabine erhält ein Kirchenfenster gerade seinen letzten Anstrich. Im Derix-Glasstudio im Taunussteiner Ortsteil Wehen laufen mehrere Herstellungsprozesse parallel. René Blättermann aus Stockelsdorf bei Lübeck und das Ehepaar Werner und Annemarie Fuchs aus Bad Kreuznach bei Mainz schauen sich in der Werkstatt um.

Zusammengeführt hat sie das gemeinsame Projekt, das soeben in seinen drei Flügeln vor ihnen auf einem Werkstatttisch liegt: Das neue Fenster für die Synagoge in Bad Kreuznach. Es heißt »Simchat Tora« und ist ein wahres Glaskunstwerk geworden, für dessen Umsetzung vom Entwurf auf Papier bis zur Fertigstellung das weltweit tätige Unternehmen gleich zwei Glasmaler angestellt hat: Roman Olichowski und Olaf Hanweg. »Denn an großen Projekten arbeiten wir immer zu zweit«, sagt Olichowski.

Es ist jahrhundertealtes Wissen, das die Handwerker des Derix-Glasstudios anwenden. Zum Beispiel die Kenntnis, Glas so mit Säure zu ätzen, dass es seine Farbe ändert. Die Glasmaler arbeiten mit Airbrush-Geräten und dann auch wieder mit feinsten und wertvollsten Dachshaarpinseln. Das Glas durchläuft mehrere Arbeitsschritte, erst wird es gebeizt, dann wieder gebrannt und schließlich geätzt. Rund acht Wochen Herstellungszeit sind für dieses Kunstwerk angesetzt.

Motive »Es gibt auch Digitaldrucke für Glas. Aber wir haben uns für die traditionelle Bearbeitungsart entschieden«, sagt Hanweg. Projektkünstler René Blättermann, Jahrgang 1951, betont, dass ein Synagogenkunstwerk Leben, Stolz und Ehrfurcht vor Gott ausdrücken und dabei noch jüdische Kultur und Geschichte vermitteln soll. »Und zwar die glanzvollen Zeiten! Ich wollte ein tiefgründiges Fenster erstellen«, erklärt Blättermann. Dabei sollen die Motive im Drillingsfenster verschiedene Themen des Judentums abbilden. So soll die farbkräftige Ausmalung des Kunstwerks in Rot, Gelb, Grün, Blau, Lila und Türkis an die Tönung der Edelsteine auf dem in der Tora beschriebenen Brustschild des Hohepriesters erinnern.

Blättermann lobt das Glasstudio, nicht nur, weil sich dieser Familienbetrieb seit 1908 »Päpstliche Hofglasmalerei« nennen darf. »Es ist mir eine Ehre, mit einem Unternehmen von Weltbedeutung zusammenarbeiten zu dürfen. Eine absolut beglückende Erfahrung«, sagt der Künstler. Glasmaler Olaf Hanweg gibt das Kompliment bescheiden zurück: »Wir lernen voneinander. Das Tolle ist, dass uns der Künstler große Freiheit in der Umsetzung lässt.«

Blättermann kennt die Schwierigkeit der Glasmalerei: »Es wäre fatal, wenn ich auf einer Umsetzung von eins zu eins bestehen würde.« Einige ausdrucksstarke Ideen seien bei der Umsetzung entstanden – etwa absichtlich Glasbruchlinien einzuarbeiten, die als Lebensbaum interpretiert werden können.

Material Ein Gang durch die Werkhalle ist wie eine Reise durch die Weltgeschichte der Glaskunst. Das Material, das hier künstlerisch veredelt wird, stammt aus der Glashütte Lamberts im bayerischen Waldsassen. Es wird in der Herstellung mundgeblasen. Im Zuschneideraum erheben sich zwei deckenhohe Regale mit Glasscheiben im Rohzustand. »Opal dicht, Opal hell, leicht wolkig, Opak stark marmoriert, Opak abgerissen«, und auf Dutzende weitere Abstufungen kann der Glashandwerker hier zurückgreifen. Klar, dass bei diesem Grad an Veredelung selbst kleinste Verschnittstücke aufgehoben werden – man weiß ja nie, ob man sie nicht noch gebrauchen kann.

Vor der sonnengesäumten Fensterfront sind fertige Kirchenfenster zur Endkontrolle vor der Ausfuhr in die USA aufgehängt. »Meistens sehen die Fenster im Licht noch schöner aus«, weiß Roman Olichowski. Alles wirkt so filigran und zerbrechlich, dass der Besucher Angst hat, sich in der Werkstatt zu bewegen. Eine ungeschickte Drehung, und schon könnten Rohmaterialien oder Glaskunst im Wert von Tausenden Euro kaputt gehen.

Hergestellt werden die Glaskunstwerke in verschieden großen Brennöfen, von denen der größte sechseinhalb mal drei Meter misst. Sie arbeiten mit Infrarotlampen. Im Präsentationsraum im Obergeschoss sind Bilder von Projekten zu besichtigen. Der Test-Entwurf für die Bad Kreuznacher Synagogenfenster von René Blättermann ist hier ebenfalls ausgestellt.

René Blättermann, der in Berlin geboren und in Bad Kreuznach aufgewachsen ist, lobt die Dynamik, die sich entwickelt hat, seit er mit der Idee an die Jüdische Kultusgemeinde Bad Kreuznach und deren Gönner herangetreten war. »Hinter uns liegt ein Jahr Planungs- und Vorbereitungszeit voller Leidenschaft, Enthusiasmus und Empathie.

Herausgekommen ist viel mehr, als ich je gedacht hätte«, freut sich der Künstler und hebt vor allem das Engagement von Werner Fuchs, dem Landesbankvorstand i.R., Kreisbaudirektor Hans Bergs, den Planern Jürgen Rothenberger und Heiko Gruber sowie dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Bad Kreuznach und Birkenfeld, Valeryan Ryvlin, hervor. Ryvlin sei schon so neugierig auf das neue Synagogenschmuckstück gewesen, dass er die Werkstatt bereits besucht habe.

Umbau Das Drillingsfensterprojekt »Simchat Tora« ist eingebettet in einen weitergehenden Umbau der Bad Kreuznacher Synagoge, für den rund 90.000 Euro benötigt werden. Die Gemeinde hat mit der Sparkasse Rhein-Nahe, der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz sowie der regional angesiedelten Stiftung von Wolfgang und Anita Bürkle wertvolle Unterstützer. Außerdem wird es von zahlreichen privaten Spendern, wie etwa dem Ehepaar Fuchs, mitfinanziert. Die Synagoge, die 2002 eröffnet wurde, befindet sich in einer ehemaligen Kapelle der US-Armee. Bevor das Glaskunstwerk in Auftrag gegeben wurde, habe man dessen Bausubstanz unter die Lupe genommen. »Nach dem Fensteraustausch wird es eine Synagoge 2.0«, erzählt Werner Fuchs.

Die feierliche Einweihung des neuen Glaskunstwerks soll in der Woche der Brüderlichkeit, am 7. März, stattfinden. Am 4. Februar findet in der Pauluskirche in Bad Kreuznach ein Benefizkonzert zugunsten der Jüdischen Kultusgemeinde zur Förderung des Glaskunstwerks statt. Mit dabei sind der Klarinettist Giora Feidman und das Gershwin Quartett. Es sind noch Karten im Vorverkauf zu haben.

Symbolik
Der Hirsch steht in der Tora für Kraft, Schnelligkeit, Reinheit und Liebe und ist zudem das Zeichen des Stammes Naftali.

Der Tempel Der mittelalterliche Steinfries des Bethauses zu Worms mit Steinornamenten aus Jerusalem und Fragmenten des Toravorhangs der 1938 zerstörten Bad Kreuznacher Synagoge findet sich als Erinnerung an die aschkenasische religiöse Kultur in Zentraleuropa.

Das Wasser Spiegelungen fließenden Wassers erinnern an das Wasserschöpffest am zweiten Tag Sukkot.

Der Buchstabe Schin gilt als Zeichen für Symmetrie, inneren Frieden, die Kraft der Tora sowie spirituellen Aufstieg.

Der Berg Sinai ist der Ort der Offenbarung Gottes und der Übergabe der Tora an Mose.

Die Menora: Der Schatten der Menora aus der Bad Kreuznacher Synagoge ist zu sehen.

Das Schofar: Das Widderhorn erinnert an das Schofarblasen an Jom Kippur.

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