Zum vierten Mal fand in diesem Jahr der »Media TLV Summit« statt. Nachdem der erste Summit während der Corona-Pandemie noch online veranstaltet werden musste, wechselte der Austragungsort vor zwei Jahren von Tel Aviv nach Berlin und für das diesjährige Programm nach München. Weit über 40 Sprecherinnen und Sprecher referierten und diskutierten in einem dicht strukturierten Zeitplan zwei Tage lang über die Themenschwerpunkte Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle, welche die Medien in diesen Zusammenhängen spielen.
Ins Leben gerufen wurde der Summit von der Kriegsreporterin Susanne Glass und von der Politikanalystin Jenny Havemann. Im Festsaal des Alten Rathauses eröffneten Glass und Havemann die Veranstaltung mit einleitenden Bemerkungen. Der Termin des Summit sei gut gewählt: »Jetzt ist die Zeit zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur, eine Zeit des jüdischen Kalenders, in der wir über das vergangene Jahr reflektieren«, so Havemann.
Neben den beiden Initiatorinnen eröffneten Christian Scharpf, Referent für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München, Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, und per Videobotschaft Florian Herrmann, Bayerischer Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien, mit Grußbotschaften die Veranstaltung. Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Charlotte Knobloch, richtete sich mit einem Grußwort an die Teilnehmer und wurde von den Anwesenden bereits vor ihrer Rede mit Standing Ovations geehrt.
Weit über 40 Sprecherinnen und Sprecher referierten und diskutierten in einem dicht strukturierten Zeitplan zwei Tage lang.
Über eines der Hauptthemen des Summit äußerte sich Knobloch nachdenklich: »Israel, Europa und die Medien: Eine einfache Geschichte war das nie. Der europäische Blick auf den Nahen Osten und auch von dort auf Europa war immer eine Herausforderung, weil niemand, der diese Perspektive einnehmen wollte, dies ohne Ballast tun konnte oder kann.«
Es habe niemals eine »neutrale Sicht« auf den Staat Israel gegeben
Wie Knobloch betonte, habe es niemals eine »neutrale Sicht« auf den Staat Israel gegeben. Die IKG-Präsidentin bezeichnete es als ein unverändertes Ziel der Menschen in Israel, ihr Land angemessen medial repräsentiert zu sehen: »Sie streben seit Jahrzehnten, im Grunde seit Entstehung ihres Staates, danach, dass ihr Land so behandelt wird, wie es ist, ehrlich und unverzerrt«, so Knobloch. Differenzierung sei niemals leicht, aber immer notwendig, sagte Knobloch.
Die erste Keynote hielt die Journalistin, Direktorin der »Regional Organization for Peace, Economics and Security« (ROPES) und ehemaliges Knesset-Mitglied Ksenia Svetlova. Sie betonte, dass die Medien zwar die unabdingbare Informationsquelle für den Konflikt im Nahen Osten seien, zugleich aber niemals das ganze Bild repräsentierten. Insbesondere mit Blick auf die arabischen Medien erklärte sie: »Es werden Bilder und Botschaften des Hasses präsentiert. Niemals hört man die Stimme der stummen Mehrheit, die kein Interesse an Konflikten hat.«
Weitere Panels diskutierten, welche Auswirkung der 7. Oktober 2023 für die gesamte Region des Nahen Ostens mit sich brachte und wie antisemitische Radikalisierung jüdische Kultur und Künstler bedroht.
Keynote zum Thema der Holocaust-Erinnerung
Am folgenden Tag zog die Veranstaltung in die Räumlichkeiten der Hanns-Seidel-Stiftung, einem der kooperierenden Partner des Summit. Erneut kam Charlotte Knobloch zu Wort und präsentierte die Keynote zum Thema der Holocaust-Erinnerung. Sie zitierte die Worte der Schriftstellerin Katja Petrowskaja: »Der Holocaust ist unsere Antike.«
Dieses Zitat bezeichnete Knobloch als »die in drastische Worte gekleidete Erkenntnis, dass der Holocaust und die Kultur des Erinnerns, die ihn als historisches Ereignis umgibt, einen Werterahmen vorgeben, aus dem wir uns als nachfolgende Generationen nicht einfach befreien können. Und vor allem: Aus dem wir gut beraten wären, uns gar nicht befreien zu wollen«.
Heute gerät eine Gewissheit ins Wanken, die nach dem Zweiten Weltkrieg prägend war.
Knobloch erinnerte an viele namhafte Überlebende und Zeitzeugen, die mittlerweile verstorben sind. Zunehmend, so die IKG-Präsidentin, gerate heute eine Gewissheit ins Wanken, die nach dem Zweiten Weltkrieg für viele Jahre prägend gewesen sei: »Die Welt, in der wir leben, ist so relativ stabil, friedlich und zivilisiert, weil die Gräuel eines singulären Menschheitsverbrechens allen vor Augen standen, die nach 1945 die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu organisieren hatten.«
Thema des sich radikalisierenden Antisemitismus an den Universitäten
Ein Panel widmete sich dem Thema des sich radikalisierenden Antisemitismus an den Universitäten. Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter des Landes Brandenburg, warf den Universitäten in der Antisemitismusbekämpfung ein »komplettes Versagen, mangelnde Führungsinitiative und Willenlosigkeit« vor.
Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), kritisierte angesichts des grassierenden Antisemitismus Diskussionen über Meinungsfreiheit als fehlgeleitet. »Über Meinungsfreiheit zu sprechen, ist der falsche Ansatz, wenn in Wahrheit Juden an Universitäten Gewalt erfahren.« Wie Dekel nachdrücklich betonte, sei die Öffentlichkeit über die reale Bedrohung kaum unterrichtet, auch weil viele betroffene jüdische Studenten aus Vorsicht die Gewaltdelikte nicht publik machen würden.
