Fraenkelufer

Kreuzberger Kehilla

Weithin sichtbar und mittendrin – die kleine Synagoge mit den hellblauen Säulen am Kreuzberger Fraenkelufer ist leicht als solche zu erkennen. Nebenan stehen Wohnhäuser, der Spazierweg am Kanal verläuft direkt vor der Tür, zum Kottbusser Tor sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Hinter der Brücke beginnt Neukölln – mit türkischem Wochenmarkt, lauschigen Ufercafés und Multikulti-Flair.

Im Gebetsraum mit den dunklen Holzbänken scheint die Sonne durch die bunten Glasfenster. Es ist Freitagnachmitttag. Noch zwei Stunden, dann beginnt der Gottesdienst. Als Nina Peretz und ihr Mann Dekel hereinkommen, sind Marisa Beck, William Glucroft und Joshua Weiner schon da. Nebenan im Kidduschraum stehen Einkaufstaschen für das Abendessen. Jeder steuert etwas bei.

engagiert Die Begrüßung ist herzlich und vertraut, so als würden sich die Beter schon ewig kennen. Dabei sind die meisten von ihnen neu in der Stadt. Marisa lebt seit Juli in Berlin, Joshua seit einem Jahr. Doch fremd fühlt sich hier niemand. Am Fraenkelufer haben sie rasch Anschluss gefunden. »Wir machen hier alles zusammen: beten, lernen, essen und feiern«, erzählt Marisa begeistert. Am Fraenkelufer habe sie gefunden, wonach sie suchte: eine offene und engagierte Gruppe von Leuten.

»Wir sind eine sehr familiäre Kehilla«, stimmt Joshua zu. Der Israeli, der in einer religiösen Familie aufwuchs, lebt in Moabit und arbeitet als Kindergartenerzieher. »Wir sind eine internationale Mischung, sprechen viele Sprachen, haben unterschiedliche religiöse Hintergründe – so wie die Bezirke, in denen wir leben.« Die zentrale Lage der Synagoge findet er ideal, das Verhältnis zu den muslimischen Nachbarn beschreibt er als »sehr gut« – von Problemviertel keine Spur.

Dass bis vor Kurzem am Schabbatmorgen nur wenige Beter kamen, ist für Marisa und Joshua heute kaum vorstellbar. Doch lange Zeit schlummerte die Synagoge in einer Art Dornröschenschlaf. Vom ursprünglichen Prachtbau mit Platz für mehr als 2000 Beter blieb nach dem Holocaust nur der Seitenflügel. Im Kreuzberger Kiez selbst wohnten jahrelang kaum noch Juden. Wer zu den Gottesdiensten im konservativen Ritus kam, nahm oft weite Wege in Kauf.

minjan Doch mit dem Zuzug junger Juden aus aller Welt, darunter viele Familien, weht am Fraenkelufer mittlerweile ein frischer Wind. Er ist Ansporn für eine beherzte Initiative junger Mittdreißiger: Sie wollen jüdisches Leben in Kreuzberg wieder attraktiver gestalten. Im Januar haben Nina, Marisa, Joshua und viele andere Beter deshalb den Verein Freunde des Fraenkelufers gegründet. Mit ihm wollen sie der ehrenamtlichen Initiative nun einen festen Rahmen geben.

Gründungsmitglied und Vereinsvorsitzende Nina Peretz und ihr Mann Dekel wohnen direkt nebenan. Seit fünf Jahren beten sie regelmäßig am Fraenkelufer. Das Engagement für »ihre Synagoge« begann vor drei Jahren: Die besondere Atmosphäre zum Neujahrsfest habe Rabbiner Tovia Ben-Chorin so berührt, dass er den jungen Betern eine Anregung mit auf den Weg gab: »Genau so sollte eine Synagoge sein. Macht etwas daraus!« So weit der Gründungsmythos.

Was folgte, war das erste gemeinsame Abendessen zu Kabbalat Schabbat. »Man muss sich schon etwas einfallen lassen, um mehr Beter zu motivieren«, beschreibt Nina Peretz die ersten Hürden. Am Freitagabend gebe es schließlich nicht nur andere jüdische Angebote, sondern die ganze Stadt als Konkurrenz.

aktivitäten Doch das Haus sei überraschend voll gewesen. Mehr als 80 Leute kamen – nicht nur zum Essen, auch zum Gebet. Von Mal zu Mal wurden es mehr Besucher. Zu den monatlichen Abendessen gesellten sich am Schabbatmorgen Schiurim nach dem Kiddusch, Workshops sowie Feiern und andere Aktivitäten. Der Verein setzt dabei vor allem auf eines: Willkommenskultur und Gemeinschaft.

»Man muss nur anfangen und die Leute einladen und willkommen heißen. Alles Weitere entwickelt sich von selbst«, erzählt Nina Peretz. Dass es dabei auch Durststrecken gibt, gehöre dazu. Ebenso die anfängliche Skepsis alteingesessener Beter. Doch mittlerweile sei klar: Gemeinsam Schabbat zu feiern, sei ein Teil des Ganzen. Zum Ganzen allerdings gehört noch viel mehr. Denn die große Stärke der Synagoge Fraenkelufer sei der Gestaltungsspielraum, findet Peretz.

Jüdische Gemeinschaft selbst in die Hand nehmen – für William Glucroft ist das der Kern seines Judentums. Dazu zählen besonders die monatlichen Schabbatessen. Sie stünden nicht nur für eine schöne Tradition, sondern zeigen für den Vereinsschatzmeister aus Connecticut zudem vor allem eines ganz deutlich: Es gibt viele junge Juden, die Gemeinschaft haben wollen – und bereit sind, dafür etwas zu tun.

Dominoeffekt »Ich bin traditionell-konservativ aufgewachsen: Feiertage, Schabbat mit der ganzen Familie, Barmizwa. In meinem Viertel daheim lebten so viele Juden, dass wir es scherzhaft Chanukkahood nannten – weil an Weihnachten alle Häuser dunkel blieben«, erzählt der 29-Jährige, der im Jahr 2009 von Haifa nach Kreuzberg zog. Von Anfang an stand für ihn fest: Hier will er mitmachen. Was sich am Fraenkelufer zu entwickeln begann, entsprach genau seiner Vorstellung von Judentum.

Beter wie Jonathan Marcus berührt so viel Zuspruch. Der 34-Jährige ist in der Synagoge aufgewachsen, vor dem Krieg betete seine Familie hier, seit Jahren hilft er den Gabbaim. Für ihn liegt die Zukunft des Fraenkelufers darin, lieb gewonnene Familientraditionen weiterzuführen. Besonders jetzt, wo sich hier so viel bewegt und das Gotteshaus nicht nur an Feiertagen, sondern auch am Schabbat gut gefüllt ist, will Jonathan Marcus als zweiter Vereinschef sein »Kleinod in Kreuzberg zum Funkeln bringen«.

»Keine Synagoge muss leer sein. Wo Leute die Initiative ergreifen, sich nicht bremsen lassen, dranbleiben, auch wenn es schwierig wird, da bewegen sie auch etwas. Und das spornt dann wieder andere an«, so Jonathan Marcus. Das sei der Schlüssel für ein lebendiges Gemeindeleben: aktiv sein von unten und nicht institutionalisiert von oben. »Das Positive hat einen Dominoeffekt«, ist der Berliner überzeugt. Dafür sei seine Synagoge das beste Beispiel.

Und die Vision für die Zukunft? »Die Synagoge soll sowohl für die eigenen Beter als auch für die Nachbarschaft ein offener und einladender Ort sein«, sagt William Glucroft nach längerem Überlegen. »Eine echte Synagoge im ursprünglichen Sinne des Wortes eben: zusammenbringen und einander treffen.«

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026