Berlin

Kleine Freundschaften

Es gibt Wunder, die man nicht versteht, es sei denn, man liest jetzt weiter. Seit dem Anschlag auf die Synagoge Halle 2019 ist die Polizei da. An der Bushaltestelle finden sich haufenweise Hakenkreuze. Seit dem 7. Oktober geht die Angst um: Sind wir schon entdeckt? Sie sind noch vorsichtiger geworden. Am »Tag des Zorns«, den die Hamas ausrief, blieben alle zu Hause. Und doch. »Wir haben Vertrauen. Aufgeben ist das falsche Zeichen. Weitermachen!«, sagt Sabine Witte.

Das ist bundesweit mit Sicherheit einmalig: Fernab jeder Politik und ihrer »Nie wieder«-Mantras gehen in Berlin-Charlottenburg einige mutige jüdische und muslimische Erzieherinnen seit zehn Jahren neue Wege. Gemeinsam arbeiten sie gegen alle Widerstände an einem Projekt und träumen von einer neuen Welt. Seit drei Jahren besuchen sich Kinder der jüdischen Masorti-Kindertages­stätte und der muslimischen Kita Regenbogen-Kidz regelmäßig. Unterhalb jeglichen Radars.

Kurz nach dem 7. Oktober erhielten die jüdischen Kinder von den muslimischen Kindern sogar ein Paket. Darin Zeichnungen, ein Brief, Kekse und ein Kuchen mit jüdischen Symbolen darauf. »Wir sind da, wenn ihr was braucht, wir helfen euch. Haltet durch«, hatte die Leiterin der muslimischen Kita, Iman Andrea Reimann, geschrieben.

Jüdische und muslimische Kinder besuchen sich. Unterhalb jeglichen Radars.

»Ich musste das Paket weglegen, durchatmen – und weinen«, sagt die Leiterin der jüdischen Kita, Sabine Witte. Die junge Erzieherin Mimi Brenner kämpft wieder mit den Tränen: »Wir befanden uns noch in der Schockstarre. Solch einen Beistand habe ich von meinen Freunden nicht erfahren. Das hat uns, gefühlt, ein großes Pflaster auf die Wunde geklebt, das wir immer noch tragen.« Was war da geschehen?

Die Kinder kommen aus Berlin wie Israel, aus aller Herren Länder

Sie seien mit 83 Kindern »gerade etwas überversorgt«, sagt Witte. In wenigen Tagen steht das 20-jährige Jubiläum an. Einst begannen sie unter der Ägide des jüdischen Trägers Masorti e.V. und dem Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden im kleineren Kreis. Im Grunde seien sie immer noch ein überdimensionierter Kinderladen, aber die Schar ist gewachsen. Die Kinder kommen aus Berlin wie Israel, aus aller Herren Länder. In diesen Räumen ist auf über 300 Quadratmetern plus riesiger Terrasse, Fußballplatz und Garten die Welt zu Hause.

80 Prozent der Kinder sprechen drei Sprachen. Es gibt eine deutsch-englische Gruppe und eine deutsch-hebräische, 15 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten fest in der Kita, rund 30 sind es insgesamt. Viele stammen aus Israel, Muttersprachler sind wichtig in diesem Konzept. Andere sprechen Ukrainisch, Griechisch oder Russisch wie Sabine Witte, was manchmal hilft. Seit zwei Jahren arbeitet hier auch eine muslimische Kollegin.

2016 sind sie an den neuen Standort gezogen. Unter den jüdischen Einrichtungen unterscheiden sie sich im pädagogischen Konzept. Die Kinder dürfen sich nach Herzenslust überall bewegen, von einer Gruppe in die andere wechseln, selbstständig basteln, können in die Küche gehen, wann sie wollen, freies Spiel, »wir sind genderneutral, das ist Masorti«, sagt Witte. Will sagen: Beim Kiddusch ist es egal, ob ein Junge oder ein Mädchen die Kerzen entzündet.

Beim Kiddusch ist es egal, ob ein Junge oder ein Mädchen die Kerzen entzündet

»Es gibt Regeln, aber die Kinder sollen selbst Verantwortung übernehmen und kommunizieren lernen«, sagt Mimi Brenner. Man pflegt einen »demokratischen Ansatz«, oder wie es heißt: »binnendifferenziert«. Natürlich bleiben die Kinder nicht unbeobachtet, »aber sie denken es, und wir kennen ja unsere Pappenheimer«, ergänzt Witte.

Es gibt übergreifende Angebote wie ein »Schulkompetenztraining« statt Vorschule, Theatergruppe, Musikunterricht. Und ein weiteres Detail: »Keine Trennung zwischen Krippe und den Älteren, wir arbeiten in Familiengruppen«, so Brenner, vom Morgenkreis bis zu den Mahlzeiten. Kurz: »Wir halten uns an das Berliner Bildungsprogramm und an den jüdischen Jahreszyklus.«

Und es gibt noch einen weiteren Unterschied zu anderen Kitas: Jeden Freitag intonieren sie das Lied »Shalom und Salam«. »Die Kinder singen es inbrünstig«, sagt Witte. Mimi Brenner begibt sich zu einer Gruppe und zückt vorher ein Buch, das im Schabbat-Regal steht; alle kennen es und können es gar nicht oft genug hören: Jaffa und Fatima von Fawzia Gilani-Williams. Eine Geschichte, in der sich eine jüdische und eine muslimische Mutter, benachbarte Dattelzüchterinnen, gegenseitig unterstützen. »Wir denken, das ist wertvoll«, sagt sie.

18 Kinder, gemalter Halbmond und Moschee im Fenster, familiäre Atmosphäre, kleine Küche

Das gleiche zerschlissene Buch steht auch in einem besonderen Regal der Regenbogen-Kidz. Die Kita ist ein wenig kleiner. 18 Kinder, gemalter Halbmond und Moschee im Fenster, familiäre Atmosphäre, kleine Küche wie zu Hause. Es fehlt an nichts: Atelier, Bastel- und Schlafraum, Ramadan-Kalender. Seit 2006 besuchen muslimische Kinder »aus diverser Elternschaft und verschiedener Sprachen« die gemütliche Ladenwohnung. Die Kita-Sprache ist Deutsch, aber die Erzieherinnen können auch Arabisch, Bosnisch, Englisch und Französisch.

»Das religionspädagogische Konzept sieht vor, dass islamische Bildung erst ab der Grundschule beginnt, und wir übernehmen keine Aufgaben von Moscheen«, sagt Iman Reimann. Auch hier hält man sich an das Berliner Bildungsprogramm, »mit dem Bewusstsein, dass es einen Gott gibt«. Wichtig seien vielmehr Fragen wie: Wie geht man mit anderen Menschen um? Familie, Nachbarn, möglichst ehrlich, möglichst gewaltfrei? »Nach einem prophetischen Wort: Wir sind wie ein Körper. Wenn ein Teil leidet, leidet das Ganze.«

Iman Reimann ist in Potsdam geboren und in Berlin aufgewachsen. 1994 kam sie über das Sterben eines Familienmitglieds zum Islam. »Ich fand ein muslimisches Buch über den Tod, und ich fasste diesen Entschluss.« 1996 stieß sie zum kleinen »deutschsprachigen Muslimkreis«, aus dem das deutsche muslimische Zentrum mit 110 Mitgliedern erwuchs, dessen ehrenamtliche Vorsitzende sie wurde. »Da war eine große Diversität in der Gemeinde.« Seit 2018 organisiert sie einen »jüdisch-muslimischen Salon«. Gerade nach dem 7. Oktober waren auch wieder Mitglieder von Masorti zu Gast. »Wir konnten uns austauschen und einander zuhören.«

Reimann ist von ihrer Religion so überzeugt wie ihre Masorti-Kolleginnen vom Judentum. »Im Islam dürfen Frauen bis auf Vorbeten in der theologischen Auslegung gleichberechtigt alles ausüben, auch das Richteramt.« Bei einer Veranstaltung im Roten Rathaus vor zehn Jahren lernte sie Rabbinerin Gesa Ederberg kennen – und nahm sie spontan im Auto mit. Sie kamen sich näher und waren rasch einer Meinung: »Man muss auch mal etwas wagen!«

»Man muss auch mal etwas wagen!«

So entstand diese verrückte und für viele vermeintlich weltfremde Idee: eine Kooperation zwischen der Masorti- und der muslimischen Kita – und in der Zukunft womöglich eine »Drei-Religionen-Kita« unter einem gemeinsamen Dach. Die Idee: keine Multikulti-Vermischung, sondern ein Haus, in dem die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam in Form von Kitas nachbarschaftlich wie freundschaftlich zusammenleben – und jede Gruppe behält ihre Identität. Dazu verbindet alle ein gemeinsames Elterncafé.

Leicht gemacht haben sie es sich nicht. »Die ersten Jahre näherten wir uns an. Lernten uns kennen. Welches Judentum lebt ihr? Welchen Islam lebt ihr? Gibt es da eine Chance für eine Kooperation?«, erinnert sich Sabine Witte. Dabei wurden sie auch oft als »naiv« bezeichnet. Es lagen viele Besuche in Synagogen und Moscheen dazwischen, und jetzt ist das Projekt zum Greifen nah: Nach langer Suche steht ein Baugrundstück, auf dem Gelände der evangelischen St.-Markus-Kirchengemeinde in Friedrichshain. Ein Erbpachtvertrag auf 50 Jahre ist im Gespräch. Als dritter Partner wurde der Evangelische Kita-Verband Mitte-Nord gefunden, dessen Vorständin Kathrin Janert schon einige Kitas gebaut hat und aktuell 34 Kitas verwaltet. Der Evangelische Kita-Verband ist auch Bauherrin für das gemeinsame Projekt. Im Januar 2022 verkündete die Bezirksstadträtin Regine Sommer-Wetter baldigen Baubeginn. 6,9 Millionen soll das Vier-Etagen-Haus kosten und 135 Kinder beherbergen – aber noch immer sind nicht alle Hürden genommen.

Sie wurden oft als »naiv« bezeichnet, doch jetzt ist das Projekt zum Greifen nah.

Es gibt Bedenken zur Sicherheit seitens einiger jüdischer Eltern und erste Hassbotschaften »besorgter« Bürger aus der Friedrichshainer Nachbarschaft: »Wir wollen das hier nicht. Und wir können auch Taten folgen lassen«, ließen Anwohner in einem Brief wissen, so Reimann. »Im Moment sieht es ganz gut aus, aber die Behörde hat Angst vor Extremismus. Wir hoffen, dass es bald losgeht!«, sagt Sabine Witte. Iman Reimann lässt sich ebenso wenig abschrecken: »Ich bin ein positiver Mensch. So wie ich den Islam und das Judentum verstehe, ist immer etwas zu machen.« Am vergangenen Freitag nun verlieh die Deutsche Nationalstiftung dem »Drei-Religionen-Kita-Haus« ihren diesjährigen, mit 25.000 Euro dotierten Förderpreis.

Die gelebte Partnerschaft gedeiht längst prächtig. Die Einrichtungen haben sich mit jeweils rund 15 Kindern bereits Dutzende Male gegenseitig besucht. Einfach in die S-Bahn, 30 Minuten, Sicherheit hin, Sicherheit her. Die Kinder lernten: Gebetet vor den Mahlzeiten wird hier wie dort. Sie verstanden, was das Zuckerfest bedeutet und was Chanukka. Das funktioniere am besten über Speisen. Kinder sind nicht politisch. »Es geht darum: Sind die anderen Kinder ›cool‹? Kann ich mit ihnen spielen?«, sagt Witte.

Richtige kleine Freundschaften entstanden dabei. Der Weg ist noch weit. »Natürlich geht es auch um politische Toleranz«, sagt Sabine Witte. Gesa Ederberg, die Rabbinerin, habe viele Klinken geputzt, um den Verantwortlichen dieses Denken nahezubringen. Iman Reimann bekennt: »Wir müssen es vorleben. Man muss in die Eltern genauso investieren wie in die Kinder und sie zusammenbringen.« Das Wunder ist da. Man muss es nur begreifen. »Dieses zarte Pflänzchen wächst«, so Witte.

Der nächste Besuch steht bald an.

Taglit

Emotionales Bootcamp mit Lior Raz

Israels Superstar kam kurz vor dem Start der fünften »Fauda«-Staffel nach Berlin, um sich für »Birthright« starkzumachen. Und für einen optimistischeren jüdischen Staat

von Sophie Albers Ben Chamo  09.09.2026

Kommentar

Ein Weckruf

Der AfD-Erfolg liegt vor allem im Scheitern jener Parteien, die die Bundesrepublik seit Jahrzehnten prägen. Verloren gegangenes Vertrauen muss nun schnellst möglich wieder zurückgewonnen werden

von Josef Schuster  08.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen wird

 08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Sachsen-Anhalt

»Viele haben unsere Sorgen einfach weggewischt«

JSUD-Präsident Ron Dekel über Sachsen-Anhalt, die AfD und die Frage, was die jüdische Gemeinschaft jetzt tun kann

von Leon Stork  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte vielmehr über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026