Berlin

Keine Worte – nirgends

Angst, Horror, Kälte, Verzweiflung: Rabbiner Tuvia Ben-Chorin hat in vielen Büchern nach Begriffen gesucht, die das beschreiben, was Juden während der Schoa erlitten haben. Aber dafür, so Ben-Chorin, gebe es keine Worte.

Der Rabbiner sprach am Montagabend beim offiziellen Jom-Haschoa-Gedenken im Gemeindehaus Fasanenstraße. Er war einer von fünf Rednern, aber sicherlich der, dessen lang anhaltende Aufzählung von Worten wie »Angst, Horror, Kälte, Verzweiflung« die vielen geladenen Gäste, Gemeindemitglieder und Schoa-Überlebenden im Saal tief berührte.

Ghettoaufstand
Gedacht wurde des 71. Jahrestags des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Einer der Ersten, der die polnische Exilregierung über die Schrecken des Ortes informierte, war Jan Karski. Der spätere Diplomat ließ sich in das Ghetto einschleusen und sah dort Unbeschreibliches. Seinen Mut lobte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, in seiner Ansprache.

»Bis auf Haut, Augen und Stimme war nichts Menschliches mehr in diesen zuckenden Körpern«, zitierte Joffe Karski, der sich bei einer späteren Auszeichnung durch das American Jewish Committee überzeugt zeigte, dass es nie wieder zu einer Schoa kommen würde – Israel wegen.

Israel »Israel wird von Juden in dieser Welt als Lebensversicherung gesehen«, sagte Joffe. »Die deutsche Zivilgesellschaft ist stark. Und mit einer Bundeskanzlerin, wie wir sie heute haben, kann eigentlich nichts schiefgehen«, fügte er hinzu und betonte: »Wir verneigen uns heute in Demut vor den Millionen ermordeten jüdischen Männern, Frauen und Kindern.«

Für den israelischen Botschafter Yakov Hadas-Handelsman hatte die Gedenkfeier eine »besondere Bedeutung«, denn auch Teile seiner Familie wurden von den Nazis ermordet. Hadas-Handelsman habe allerdings mitunter den Eindruck, dass es »heute immer öfter zu einer Relativierung der Schoa« komme. Immer mehr Menschen sähen sich als Opfer. »Das finde ich befremdlich«, betonte der Botschafter.

NPD-Verbot Andreas Gram, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, sagte, wie nötig es sei, Zeitzeugen zu haben, und warnte vor der Zeit, in der gänzlich auf sie verzichtet werden müsse. »Umso wichtiger ist es für die Nachgeborenen, die Erinnerung an das Unfassbare aufrechtzuerhalten. Und es ist notwendig, Leugnern und Menschen, die verharmlosen, entgegenzutreten.« Deswegen befürworte Gram ein NPD-Verbot. Dafür gab es Beifall aus dem Publikum.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkstunde von Sharon Brauner. Mit Songs wie »Jeruschalayim schel Zahaw«, »Adon Olam« und Liedern von Komponisten, die in der Schoa ermordet wurden, berührte sie die Besucher, die anschließend in den Hof des Gemeindezentrums hinübergingen, wo sie Kränze am Gedenkort niederlegten.

Bereits am Montagmorgen um neun begann die öffentliche Lesung aller Namen von Berliner Juden, die während der Schoa ermordet wurden. Bis 23.30 Uhr lasen Schüler, Passanten und Gemeindemitglieder vor der Fasanenstraße.

Einer von ihnen war Für Timur-Mert. Der Schüler des Moses-Mendelsohn-Gymnasiums war zum vierten Mal bei der öffentlichen Lesung dabei, die seit 1996 veranstaltet wird. »Hinter jedem Namen steht ein Mensch«, sagte der 17-Jährige nachdenklich. 55.696 Namen, 55.696 Menschen waren es insgesamt.

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