Gespräch

»Keine reine Männersache«

Will die Familienarbeit verstärken, das fortzuführen und auszubauen, was bereits vorhanden ist: Rabbinerin Ulrike Offenberg in Hameln Foto: Rocco Thiede

Frau Rabbinerin Offenberg, Sie sind Mitte November am renommierten Hebrew Union College in Jerusalem ordiniert worden und haben am 1. Dezember ihr Amt als Rabbinerin bei der Jüdischen Gemeinde Hameln angetreten. Eine jüdische Frau in Hameln, stehen Sie das in einer historischen Tradition?
Hameln wurde in der jüdischen Welt vor allem durch eine Frau bekannt – durch Glückel von Hameln. Sie war eine erfolgreiche jüdische Kauffrau, die im frühen 18. Jahrhundert eine Autobiografie verfasste, die bis heute als herausragende Quelle für die Geschichte deutsch‐jüdischer Kultur gilt. Ihr jiddischer Text zeigt die Schwierigkeiten der jüdischen Emanzipation und Integration in Deutschland. Außerdem finde ich meine Rolle als Frau ganz wichtig, weil Judentum, vor allem traditionelles Judentum, immer als männlich geprägt wahrgenommen wird und auch in Deutschland Rabbinerinnen noch immer eine Seltenheit sind. Deshalb möchte ich zeigen, dass wir als Frauen hier gute Arbeit machen und damit belegen, dass das Rabbinat keine reine Männerdomäne ist.

Wie war Ihr Weg von der Metropole Berlin in die niedersächsische Provinz nach Hameln?
Das erste Mal war ich in Hameln als Rabbinatsstudentin. Ich absolvierte hier ein Praktikum und habe dadurch die Gemeinde und die Gemeinde mich intensiv kennengelernt. Schnell haben wir gegenseitig gemerkt, dass wir uns mögen. So entstand der Wunsch, mich als Rabbinerin anzustellen. Also habe ich meine Ausbildung in Jerusalem abgeschlossen und bin ein Jahr später nach Hameln zurückgekommen.

Doch Ihr familiärer Mittelpunkt bleibt weiterhin in Berlin?
Hier in Hameln habe ich eine Teilzeitstelle, weil es eben eine kleine Gemeinde ist. Ich werde zweimal im Monat hier sein. Dafür kann meine jüngste Tochter ihr persönliches Umfeld behalten und weiter in Berlin zur Schule gehen. Wir haben den großen Teil der Familie und Freunde hauptsächlich in Berlin. Die Entfernung zwischen Städten spielt keine große Rolle. Heute können mit modernen Kommunikationsmitteln viele Probleme auch über die Distanz gelöst werden.

Sie wirken aber nicht so, als ob eine Teilzeitstelle Sie voll ausfüllen würde. Was machen Sie mit dem Rest Ihrer Zeit?
Ich arbeite weiter freiberuflich, vor allem unterrichte ich, ich gebe zum Beispiel Tora‐ und Barmizwa‐Unterricht. Außerdem habe ich an der Universität Duisburg‐Essen einen Lehrauftrag. Da geht es um Einführung ins Judentum für katholische Lehramtsstudenten. Ich engagiere mich darüber hinaus im interreligiösen Gespräch zwischen Christen, Muslimen und Juden.

Sie übernehmen mit Hameln eine Gemeinde, die seit zwei Jahrzehnten von der Amerikanerin Rachel Dohme, Polina Pelts aus der früheren Sowjetunion sowie Ihrer Vorgängerin Rabbinerin Irit Shillor aus Jerusalem geprägt wurde. Wo werden Sie zukünftige Schwerpunkte setzen?
Die ganze schwierige Aufbauphase liegt hinter der Gemeinde und wurde erfolgreich absolviert. Sie ist ja vor 20 Jahren, 1997, aus dem Nichts entstanden. Gegründet von ein paar Flüchtlingen und einigen hier lebenden Juden aus vielen Ländern. Dann sind allmählich Aktivitäten wie etwa Gottesdienste durch die Berufung von Irit Shillor als rabbinischer Beistand entstanden. Sie hat die Gemeinde in religiöser und geistlicher Hinsicht maßgeblich geprägt. Nicht unerwähnt lassen möchte ich das Projekt des Neubaus der ersten liberalen Synagoge in Deutschland, die vor fünf Jahren eröffnet wurde. Irgendwie ist es ein bisschen so, dass ich in ein fast fertig gemachtes Nest komme. Die ganze Logistik ist bereits vorhanden. Und jetzt geht es darum, die Familienarbeit zu verstärken, das fortzuführen und auszubauen, was meine Vorgängerin schon initiierte: regelmäßige Gottesdienste, Unterricht für Erwachsene und für Kinder, die Barmizwa‐Vorbereitung –, und das alles so zu gestalten, um die zweite und dritte Generation der Zuwanderer zu erreichen.

Die jungen Menschen aus den Familien aus der früheren Sowjetunion wurden hier schon geboren und sprechen oft besser Deutsch als Russisch. Sind sie auch schon voll integriert?
Eigentlich kann man bei ihnen nicht mehr von Zuwanderern sprechen, weil die Kinder oder auch die Enkel schon hier geboren sind, und sie fühlen sich hier in Deutschland wirklich zu Hause. Doch oft ist in diesem ganzen Integrationsprozess der Familie trotzdem der Anschluss ans Judentum verloren gegangen. Auch weil viele in der Sowjetunion das Judentum als etwas von außen Definiertes erlebt haben, was sie negativ betroffen hat. Der Antisemitismus hat ihre jüdische Identität forciert. Das ist natürlich hier in Deutschland weggebrochen. Also steht die Frage im Raum, was man der zweiten und dritten Generation für ihre jüdische Identität mit auf den Weg gibt.

Was werden Sie also tun?
Grundsätzlich sollten wir wegkommen von so einem paternalistischen Verhältnis, das oft im Umgang mit den Zuwanderern gepflegt wird. Es gibt eine ziemliche kulturelle Kluft zwischen sogenannten deutschen, westeuropäischen oder amerikanischen Juden und den Juden aus der früheren Sowjetunion. Vor allem werden die Leute aus der Sowjetunion belächelt, weil sie eben kaum jüdisches Wissen haben, stattdessen aber viele sowjetische Bräuche hierher mitbrachten. Ich finde, da sollten wir ein bisschen bescheidener werden und schauen, wie die Auswanderung oder die Flucht von deutschen Juden vor dem Zweiten Weltkrieg lief und wie die Exilanten das jüdische Leben in der Ferne geprägt haben. Als die Flüchtlinge in New York oder in Tel Aviv ankamen, sind sie auch nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Fremdkörper empfunden worden. Erst heute, 70 Jahre später, wird ihr Beitrag zur Entwicklung der jüdischen oder der israelischen Kultur gewürdigt.

Haben Sie einen großen Vorteil gegenüber Ihrer Vorgängerin, weil Sie als gebürtige Ost‐Berlinerin Russisch sprechen?

Die Sprache ist wichtig, und als Eisbrecher ist mein Russisch gut genug. Im Gottesdienst oder im Unterricht, im Schiur – da kann jemand übersetzen. Aber für die persönlichen Begegnungen und für seelsorgerische Gespräche ist es wichtig, dass man ein Gespräch unter vier Augen führen kann. Zwar ist mein Russisch weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber es schlägt eine Brücke zu vielen Gemeindemitgliedern.

Mit der Rabbinerin der Hamelner Gemeinde sprach Rocco Thiede.

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