Porträt der Woche

Jerusalem in Bremen

Mima Millo ist Opernsängerin und besingt ihre israelische Geburtsstadt in Konzerten

von Till Schmidt  28.05.2020 12:24 Uhr

»Die Zeit zu Hause während des Corona-Shutdown nutze ich, um mich künstlerisch weiterzuentwickeln«: Mima Millo lebt in Bremen. Foto: Philipp Arnoldt

Mima Millo ist Opernsängerin und besingt ihre israelische Geburtsstadt in Konzerten

von Till Schmidt  28.05.2020 12:24 Uhr

»Lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.« Diesen Satz aus dem berühmten Lied »Jerusalem aus Gold« mag ich sehr. Denn er beschreibt, wie man sich einem Ort hingeben, ihn gleichzeitig aber auch mitgestalten kann. Ohnehin enthält der gesamte Liedtext derart treffende Metaphern, dass mir die Stadt sofort in den Sinn kommt. Der Duft von Pinien wird darin erwähnt, die Luft der Berge widersprüchlich beschrieben als »klar wie Wein«. »Und im Schlummer von Baum und Stein, gefangen in ihrem Traum liegt die vereinsamte Stadt und in ihrem Herzen eine Mauer«, heißt es weiter.

Auch wenn es als säkulare Israelin, gerade als Teenager, nicht immer leicht war – Jerusalem ist und bleibt meine Heimatstadt. Das spezielle Sonnenlicht, diese gelbliche, manchmal fast pinkfarbene Wärme der Steine, aus denen so viele Gebäude gemacht sind, das habe ich bisher nirgends gesehen. Seit einigen Jahren lebe ich in Deutschland, doch mindestens einmal im Jahr versuche ich zurückzukehren. An den Ort, an dem meine Mutter und mein Vater leben, wo ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Wo ich an der Jerusalem Rubin Academy for Music and Dance Gesang studiert habe.

Meine Großeltern waren Schauspieler in Moskau – in Tel Aviv gründeten sie 1944 das Cameri-Theater.

Da ich aus einer Künstlerfamilie komme, fühlte es sich für mich natürlich an, meinen Ausdruck in der Kunst zu finden. Bereits in jungen Jahren wusste ich, dass ich Sängerin für klassische Musik werden möchte. Während meines Studiums habe ich vor allem Oratorien, christliche Stücke und Kunstlieder gesungen. Kurz vor meinem Abschluss motivierte mich meine Gesangslehrerin, an einem Wettbewerb für Belcanto, eine in Italien im 16. Jahrhundert entstandene Stiltechnik, teilzunehmen. Die von meiner Lehrerin ausgewählten Bellini-Arien öffneten mir das Herz. Von nun an wollte ich Opernsängerin werden.

ROLLEN Gleich nach meinem Studium absolvierte ich das »Opera Studio« an der Oper in Tel Aviv. Anschließend zog ich nach Berlin, um mein Repertoire weiterzuentwickeln, mit der Idee im Kopf, möglicherweise eines Tages nach Israel zurückzukehren. In Berlin arbeitete ich als freischaffende Sängerin, was nicht immer einfach war. Seit der aktuellen Spielzeit singe ich im Ensemble des Theaters Bremen, wo ich mein Debüt als Donna Anna in Don Giovanni gab, gefolgt von Pamina in der Zauberflöte.

Die Rolle der Donna Anna mag ich sehr. Vor dem Hintergrund der Dramatik der Handlung ist es gerade bei Donna Anna leicht, viele Emotionen hineinzugeben. Ohnehin halte ich Donna Annas virtuosen Gesang für die schönsten Teile der gesamten Oper. Sie erhielt von Mozart großartige Musik. Die gängige Meinung, Oper sei nur etwas für alte, saturierte Menschen, halte ich für falsch.

Viele religiöse Regeln sind für mich veraltete Gewohnheiten.

Während des Corona-Shutdown finden natürlich keine Aufführungen statt, das Theater hat seinen Spielbetrieb bis Ende August eingestellt. Die Zeit zu Hause nutze ich aber, um online Gesangsstunden zu geben und mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Für mich als Künstlerin fühlt sich diese Zeit manchmal beängstigend an.

Die Ungewissheit, wie und wann es auf der Bühne weitergeht, belastet mich. Gleichzeitig erlebe ich diese besondere Situation auch wie einen Weckruf, mich mehr mit mir selbst und mir nahestehenden Menschen, Freunden und Familie auseinanderzusetzen.

ETIKETT In Deutschland bin ich jüdischer geworden. Damit meine ich nicht, dass ich nun die Religion für mich entdeckt habe, denn ich bin zwar spirituell, aber nicht im klassischen Sinne gläubig. Ich bemerke allerdings, wie mir hier das Etikett »jüdisch« von außen häufig angeklebt wird. Das ist ein komisches Gefühl, gerade wenn diese Einordnung von nichtjüdischen Deutschen ausgeht. Ohnehin definiere ich mich vor allem als Israelin, bei der die jüdische Herkunft und Kultur natürlich stark mit einfließen, aber nicht im Vordergrund stehen.

Viele religiöse Regeln sind für mich veraltete Gewohnheiten. Die Essenz des Judentums aber scheint mir viel anschlussfähiger an zeitgemäße Vorstellungen: »Liebe deinen Freund, so wie du dich selbst liebst.«

Dazu gehören auch die Ideale der Hilfsbereitschaft und der Armenfürsorge, ebenso wie einige biblische Regeln, wie etwa die, alle sieben Jahre nicht zu ernten, was aus meiner Sicht den Gedanken des Naturschutzes ausdrückt. Oder das Koscher-Konzept, das Kalb nicht in der Milch der Mutter zu kochen. Für mich als Veganerin bedeutet das zumindest einen kleinen Fortschritt. Viele Ideen des Judentums haben einen sehr hohen moralischen Stellenwert und zeugen von einer inneren Schönheit.

VORFAHREN Mein Großvater mütterlicherseits kam ursprünglich aus Prag. Als ich dort vor einiger Zeit zu Besuch war, bin ich mit großem Interesse durch die Straßen spaziert und habe mir das Leben meines Großvaters und die Einflüsse der Stadt auf seine Kunst vorgestellt.
Gerade die Klausen-Synagoge, die zu seinen Lebzeiten größte Synagoge der Stadt, hat mich stark beeindruckt. Was für ein Leben meine Vorfahren damals wohl geführt haben?

Den nebenan gelegenen jüdischen Friedhof habe ich damals auch besucht. Dort entdeckte ich in einem Raum der Erinnerung in einer Inschrift zufällig die Namen meiner Familienmitglieder. Ein Teil von ihnen wurde in der Schoa ermordet, wovon ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste. Darüber hatten wir nie gesprochen.

In einem Raum der Erinnerung in Prag entdeckte ich in einer Inschrift zufällig die Namen meiner Familienmitglieder.

Die Familie meiner Großmutter mütterlicherseits ist direkt nach der russischen Revolution über Frankfurt am Main nach Palästina emigriert. Als ich vor einiger Zeit ihre großbürgerliche Villa in Moskau sah, hat mir das geholfen zu verstehen, welches Leben sie in Russland geführt haben.

Meine Großeltern waren beide Schauspieler, mein Großvater daneben auch Regisseur. 1944 haben sie in Tel Aviv das Cameri-Theater gegründet, noch heute eines der wichtigsten Theater des Landes. Das Theater definierte eine neue Identität der israelischen Theaterlandschaft und setzte neue und moderne Akzente.

Wenn ich ab und zu etwas zu israelischen oder jüdischen Themen mache, habe ich immer positive Reaktionen und ernst gemeintes Interesse erfahren. In Berlin etwa gab es eine regelmäßige Partyreihe bei mir zu Hause. Das Konzept bestand darin, möglichst viele Künstler zum Auftreten oder Ausstellen einzuladen.

Einmal habe ich anlässlich von Pessach ein Event unter dem Motto »Freiheit« veranstaltet. Das Konzept bestand darin, der künstlerischen Improvisation Raum zu geben – in Form von Tanz, Theater, Musik, Film, Gesang und Poesie. An diese Zeit denke ich gerne zurück.

NACHMITTAGSKONZERT Ein bisschen Jerusalem habe ich kürzlich nach Bremen gebracht. Als Teil einer Serie des Theaters hatte ich die Möglichkeit, ein Nachmittagskonzert frei nach meinen Wünschen zu gestalten. Mit Klavier- und teils auch Klarinettenbegleitung habe ich zwölf auf verschiedene Weise mit Jerusalem verbundene Stücke aufgeführt. Darunter waren einige zeitgenössische Adaptionen von Textausschnitten aus dem Hohelied. Ich schätze es, dass dessen sinnlicher und erotischer Text nicht nur eine männliche Pers­pektive, sondern auch die Sichtweise und Gefühle einer Frau umfasst.

Mit Begleitung habe ich zwölf auf verschiedene Weise mit Jerusalem verbundene Stücke aufgeführt.

Mehrere Stücke – etwa die von Felix Mendelssohn Bartholdy, Giuseppe Verdi oder Gustav Mahler – dürften dem Publikum durchaus bekannt gewesen sein. Wichtig war mir aber auch, Stücke von israelischen Komponisten wie etwa Paul Ben Haim, Aharon Harlap, Tzvi Avni und Eyal Bat vorzustellen.

Diese Künstler schufen – genauso wie meine Großeltern – eine israelische Identität, die es vorher ja noch nicht gab, eine neue Mischung aus aschkenasischen und sefardischen Kultureinflüssen. Auch biblische Texte spielten in meinem Konzert eine wichtige Rolle. Diese Texte haben die hebräische Sprache konserviert, die heute Millionen Menschen wieder sprechen und zum Leben erweckt haben.

MELANCHOLIE Viele der Stücke bei diesem Konzert werden von einer melancholischen jüdischen Seele getragen. Für ein nächstes Konzert wäre es bestimmt auch interessant, ein arabisches Lied über Jerusalem mit einzubauen.

Nach »Mein blaues Klavier«, einem Gedicht, das Else Lasker-Schüler vor dem Hintergrund der Erfahrung der Schoa geschrieben hatte, sowie »Jüdischer Sturz« nach einem Gedicht von Avraham Chalfi, das Jom Kippur thematisiert, habe ich das Konzert a cappella mit einem Klassiker beendet. Es war – natürlich – »Jerusalem aus Gold«.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

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