Meet a Jew

»Ist Hafermilch koscher?«

Nogah packt ihre Tasche aus: drei Kippot, eine Miniatur-Torarolle, einen Siddur, eine Decke für Challot, Schabbat-Kerzenhalter und ein paar Packungen koscherer Gummibärchen. Währenddessen plaudern die Schülerinnen und Schüler miteinander, kramen ihre Unterlagen hervor oder schauen ein letztes Mal auf ihr Smartphone. Beim Anblick der bunten Haribo-Tüten schauen einige von ihnen neugierig. Ein wenig werden sie sich aber noch gedulden müssen – erst am Ende des Gesprächs gibt es die Gummibärchen.

In den folgenden 90 Minuten dürfen die Teenager alles fragen, was sie schon immer über das Judentum wissen wollten. Denn die Klasse 10a der Leibniz-Schule, ein Gymnasium in einem bürgerlichen Kiez des Stadtteils Kreuzberg, nimmt zusammen mit ihrer Lehrerin Bettina Deutsch an dem Projekt »Meet a Jew« teil.

Identität Die Idee hinter dem Format: Jüdinnen und Juden besuchen Schulklassen, Sportvereine, treffen Pädagogen oder Polizisten und erzählen von ihrer jüdischen Identität und vom zeitgenössischen gelebten Judentum. An diesem Freitagvormittag sind die 17-jährige Nogah und die 25-jährige Lien als jüdische Botschafter in der Klasse 10a zu Gast.

Im Klassenzimmer hängen Plakate zu den Themen »Nürnberger Rassegesetze« oder »Die Rettung jüdischer Verfolgter«. Die 10a nimmt in Geschichte gerade den Nationalsozialismus durch. Nun sitzen die Schüler in einem Stuhlkreis lebenden Juden gegenüber, halten Zettel, Hefte oder Laptops mit ihren vorbereiteten Notizen in den Händen.

»Wir wollen alle Fragen von euch hören, ganz ungezwungen«, leitet Nogah, die selbst noch zur Schule geht, die Begegnung ein. Kurzes Zögern, dann geht die erste Hand hoch. »Welche heiligen Bücher habt ihr?«, fragt eine Schülerin noch etwas unsicher. Statt zu antworten, gibt Lien die Frage zurück in die Runde: »Weiß das jemand von euch?« Eine weitere Schülerin vermutet: »Vielleicht der Koran?«, doch ein Mitschüler springt ihr mit der richtigen Antwort – »die Tora!« – bei.

Für Nogah das Stichwort, um die kleine Torarolle herumzureichen, die für nicht wenig Verwirrung sorgt. Wie herum hält man die Rolle? Liest man von links nach rechts – oder von rechts nach links? Wie kommt man an die gesuchte Stelle? Muss man die Rolle etwa immer komplett von vorne bis hinten lesen? Mit großer Geduld und viel Wissen gehen Nogah und Lien auf alle Feinheiten des Umgangs mit der Rolle ein.

Bruder An Stellen, an denen sie nicht weiterwissen, hilft der 15-jährige Yuval, Schüler der 10a und kleiner Bruder von Nogah, gerne aus. Dass ausgerechnet die große Schwester in seine Klasse kommt, ist kein Zufall: Auch sie war einige Jahre lang auf der Leibniz-Schule und eine Schülerin von Bettina Deutsch. Der einzige Jude in der Klasse zu sein, »fühlt sich schon besonders an«, sagt Yuval, »ansonsten ist es aber keine große Sache«. Für seine Mitschüler gilt, dass sie zumindest einen Juden kennen.

Dass es so wenig persönliche Kontakte zwischen nichtjüdischen Deutschen und Juden gibt, will »Meet a Jew« ändern. 2020 ist das Projekt als Zusammenschluss aus den Vorgängern »Rent a Jew« und »Likrat – Jugend & Dialog« hervorgegangen. »Meet a Jew« wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen, durch das Bundesprogramm »Demokratie leben!« gefördert und ist auf fünf Jahre ausgelegt. 450 Jüdinnen und Juden verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Hintergründen konnten als Freiwillige für das Projekt gewonnen werden – darunter Nogah und Lien.

»Was bedeutet das Judentum für euch?«, will ein Schüler wissen.

Im Klassenraum der 10a stellen ihnen die Schüler eine Frage nach der anderen: Wird man jüdisch geboren, oder kann man sich dafür entscheiden? Welche Strömungen gibt es im Judentum? Wird Hebräisch heute noch gesprochen? Gibt es Himmel und Hölle im Judentum? Welche Rolle spielt Jesus bei euch? Sind Frauen und Männer gleichgestellt? Wie ist es mit Homosexualität im Judentum? Ist es denn koscher, Hafermilch zusammen mit Fleisch zu konsumieren?

Meinungen Auf manche Fragen können Nogah und Lien klare Antworten geben, bei anderen müssen sie abwägen. »Es kommt darauf an, wen man fragt«, sagen sie daher oft. Liberale, Orthodoxe und Säkulare – sie alle würden wohl eine andere Antwort geben. Und überhaupt: Fragt man zwei Juden, bekommt man drei Meinungen. Es ist genau diese Pluralität des jüdischen Lebens und auch die Kontroversität innerhalb des Judentums, die »Meet a Jew« vermitteln will. Das ist auch der Grund, warum Bettina Deutsch sich mit ihrer Klasse bei dem Projekt beworben hat. »Mir war es wichtig, dass meine Schüler nicht nur Sachsenhausen und Auschwitz mit dem Judentum verbinden«, sagt Deutsch. Sie unterrichtet Französisch und Geschichte in der 10a.

Mit ihrer Klasse hat Deutsch jedoch nicht nur die Vernichtung des deutschen Judentums behandelt, sondern auch das blühende jüdische Leben in der Weimarer Republik thematisiert. Sie findet, das Judentum solle »als etwas Lebendiges im Unterricht gezeigt werden«. Empfohlen wurde ihr das Projekt »Meet a Jew« von einer Kollegin, die ganz begeistert von der Begegnung gewesen sei. Deutsch sagt: »Spannend an ›Meet a Jew‹ finde ich, dass man auch mal rauskommt aus der Geschichte.«

Die Begegnung mit Nogah und Lien wird persönlicher. »Was bedeutet das Judentum für euch?«, will ein Schüler von den beiden Gästen wissen. Lien antwortet nach kurzem Überlegen: »Kultur, Identität, Religion, Essen, Familie, Zuhause.« Sie lebt ein religiöses Leben, hält sich an die meisten Gebote und geht regelmäßig in die Synagoge. Das gilt auch für Nogah und ihre Familie, dennoch gibt es Unterschiede zwischen den beiden. »Ich trage Hosen, und Lien trägt einen langen Rock«, sagt Nogah, als es um die Frage nach Bekleidungsregeln im Judentum geht. Sie mögen sich zwar anders kleiden, für beide war es aber selbstverständlich, bei »Meet a Jew« mitzumachen.

Alltag »Ich will anderen die Gelegenheit geben, jüdische Menschen zu treffen«, beschreibt Nogah ihre Motivation, und Lien glaubt, »Meet a Jew« bietet vielen Nichtjuden zum ersten Mal die Möglichkeit, sorglos über das Judentum zu sprechen. In ihrem Alltag erlebe sie in dieser Hinsicht häufig Barrieren: »Viele trauen sich nicht zu fragen.« Davon kann in der 10a keine Rede sein – auch nach 90 Minuten sind den Schülern die Fragen noch nicht ausgegangen. Besonders häufig meldet sich die 15-jährige Lisa. Ihr sei zwar immer wieder aufgefallen, dass Yuval an den jüdischen Feiertagen in der Klasse fehlt. »Aber was genau er in der Zeit macht, wusste ich bisher nicht«, sagt die Gymnasiastin. Ihr Resümee: »Ich habe heute sehr viel gelernt!«

Lisa ist eine von Tausenden, die bisher an einer Begegnung von »Meet a Jew« teilgenommen haben. Seit dem Projektstart haben etwa 1000 solcher Treffen stattgefunden – während Corona überwiegend digital. Nogah und Lien waren beide schon ein paar Mal mit dabei. Ihnen sind bisher ausschließlich sehr respektvolle Gruppen begegnet, sagen sie.

Für die Klasse 10a findet Lien ebenfalls nur lobende Worte: »Sie waren gut vorbereitet, waren interessiert und haben anspruchsvolle Fragen gestellt.« Die Gummibärchen haben sie sich offenbar redlich verdient. Während die knisternden Tüten im Kreis herumgegeben werden, zeigt die Uhr das Ende der Stunde an. Die Schüler der 10a gehen in die große Pause – vielleicht nicht mit weniger Fragen zum Judentum, aber definitiv mit mehr Antworten.

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