Neujahrsempfang

In der Gesellschaft

Es ist kurz vor elf, als Shelly Meyer in den Langhanssaal geht. Souveräner Schritt, eloquent, elegant – die Hand reicht sie zuerst dem Bundespräsidenten, dann seiner Frau. So will es das Protokoll. Ein kurzes Gespräch, ein Bild, noch eins, dann geht die 28-Jährige weiter in den Salon Ferdinand, wo die 39 anderen Bürgerinnen und Bürger warten, die bereits zum neuen Jahr begrüßt wurden.

Sie nimmt sich ein Glas Wasser, sucht ihre Tasche, ihr Handy und atmet durch – während sich weitere 15 Frauen und Männer aus allen Teilen der Bundesrepublik von Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier willkommen heißen lassen.

Shelly Meyer kommt aus Hamburg und ist eine von 55 Bürgerinnen und Bürgern, die zum traditionellen Neujahrsempfang ins Schloss Bellevue geladen wurden. Allen gemein ist, dass sie sich ehrenamtlich für die Gesellschaft engagieren, für demokratische Werte starkmachen und zur die Verständigung in der Mehrheitsgesellschaft beitragen wollen.

»Wenn Klischees zur Sprache kommen, ist das erfrischend, denn man kann sie auflockern.«

Shelly Meyer

Sie meckern nicht, sie machen und schaffen es, dass beispielsweise Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sich sonst wahrscheinlich nicht begegnet wären. Sie helfen, wie die vielen haupt- und ehrenamtlichen Rettungs- und Einsatzkräfte, die an diesem eiskalt-sonnigen Dienstagvormittag in Berlin zusammengekommen sind, und sie möchten die Gesellschaft zu einem besseren Ort machen – das ist auch Shelly Meyers Anliegen.

In der Beschreibung, die kurz vor der Begrüßung durch den Bundespräsidenten verlesen wird, heißt es über Shelly – ganz sachlich: »Sie setzt sich in diversen Projekten für den Abbau von Antisemitismus ein und macht sich für den Dialog zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen stark. Außerdem engagiert sie sich als ehemaliges Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Hamburg aktiv im Aufbau eines selbstbewussten und sichtbaren jungen jüdischen Lebens.«

Engagement in der Bildungsarbeit

Was so nüchtern klingt, wird von Meyer gelebt. Heute engagiert sich Meyer ehrenamtlich für die Jüdische Gemeinde in Hamburg mit dem Schwerpunkt auf Menschen zwischen 18 und 35. Sie ist aktiv bei der Initiative zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge und will sich vor allem in der Bildungsarbeit im Lernzentrum einbringen. Angefangen hatte alles 2009 mit der ehrenamtlichen Mitarbeit im Jugendzentrum »Chasak« der Hamburger Gemeinde. Sie war Madricha bis 2016 und gründete das Netzwerk »Razon«, das bis heute jungen Jüdinnen und Juden hilft, sich zu begegnen und kennenzulernen. Die Hamburgerin hat, wie sie einmal in einem Interview für die Bundeszentrale für politische Bildung sagte, eine Devise: »Weniger reden – mehr tun.« Das setzt sie auch beim Begegnungsprojekt des Zentralrats »Meet a Jew« oder im »Verband Jüdischer Studierender Nord« um.

Studium, Familie – worüber spricht man eigentlich mit dem Bundespräsidenten? »Er hat erfahren, dass ich mich für jüdische Themen starkmache, und fragte mich, ob ich religiöse Jüdin sei, weil ich in der Gemeinde aktiv sei und auch im Vorstand war. Ich sagte, dass ich eher eine kulturell-ethnische Jüdin bin und wenn man von Menschen jüdischen Glaubens spricht, mich als jüdische Person exkludiert.« Das war ihr, betont Meyer, sehr wichtig, weil es »eben oft eine Formulierung ist, um Jüdinnen und Juden zu beschreiben«, obwohl damit viele ausgeschlossen werden.

Jetzt, nach dem Empfang, ist die junge Frau doch ein wenig überwältigt von allem. Zwar wurde die Begrüßung am Tag zuvor geprobt, es gab eine Führung durchs Schloss Bellevue, und nun steht sie in diesem Raum mit vielen, vielen anderen Ehrenamtlichen. Einige von ihnen kennt Meyer – wie Jihan Alomar aus Thüringen, eine Menschen- und Frauenrechtsaktivistin, die vor dem IS floh, oder Zumreta Sejdovic, die in Hamburg das »Romani Kafava«, ein Beratungs- und Begegnungscafé, aufbaute. Andere lernt sie kennen, wird gefragt, ob sie denn auch Hebräisch könne, spricht über das Leben seit dem 7. Oktober.

»Wenn meine Familie Israel nicht verlassen und nach Deutschland gekommen wäre, wären wir höchstwahrscheinlich in einen der Kibbuzim in der Nähe des Gazastreifens gezogen«, erzählt Meyer. Ihre Familie setze sehr auf Themen wie Zusammenleben und Menschsein, daher wäre die Entscheidung damals für einen dieser Kibbuzim gefallen.

Aufklärung als Anliegen

Ihr Anliegen heißt nun Aufklärung – für ein Zusammenleben in Israel, aber auch in Deutschland, denn »die Projektion auf uns hilft weder uns noch den Palästinensern«. Der Kampf gegen Antisemitismus könne nicht nur auf den Schultern von Jüdinnen und Juden lasten, sagt Meyer. »Es geht nur Hand in Hand. Antisemitismus ist ein Problem der Gesellschaft und geht einher mit anderen Diskriminierungsformen.« Überall in Deutschland. Auch in Eberswalde.

Von dort kommt Ellen Grünwald. Auch sie ist vom Bundespräsidenten zum neuen Jahr begrüßt worden. Grünwald, so wurde beim Händeschütteln vorgelesen, »beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der jüngeren jüdischen Geschichte der Stadt Eberswalde und arbeitet daran, die Erinnerungen an die Menschen wachzuhalten. Zudem kümmert sie sich mit der von ihr begründeten Initiative ›Jüdische Spuren in Eberswalde‹ unter anderem um das Sichtbarmachen, die Erhaltung und Pflege jüdischer Friedhöfe und Gedenkorte.«

Der Kampf gegen Antisemitismus könne nicht nur auf den Schultern von Jüdinnen und Juden lasten, sagt Meyer.

Eberswalde, ach, da seien seine Frau und er erst kürzlich gewesen, sagt der Bundespräsident. Dann wird das kurze Gespräch leiser. Das, was ungehört bleibt, erzählt Ellen Grünwald später: Ob es in Eberswalde noch einen Synagogenbau gebe, habe sich Steinmeier erkundigt. Den gibt es nicht, aber ein Denkmal, das auf den Grundmauern der alten Synagoge steht. »Wachsen-mit-Erinnerung« heißt es, und die darauf wachsenden Bäume sollen das Fehlende ausfüllen. Grünwald arbeitet seit über 20 Jahren im Ehrenamt, und gerade deswegen ist dieser Tag wichtig für sie: »Es ist eine enorme Aufwertung des Ehrenamtes, denn ich merke, dass es immer schwierig ist, etwas zu jüdischen Themen zu machen.«

Fragen im Arbeitsalltag

Grünwalds Fragen in ihrem Arbeitsalltag sind: »Was hatten wir an jüdischem Leben? Wie gehen wir mit der Erinnerung und der Geschichte um? Wie präsentieren wir Eberswalde?« Die Stadt, sagt sie, müsste mehr Verantwortung übernehmen und nicht alles dem Ehrenamt überlassen. Dass im Stadtmuseum nur eine Vitrine von der jüdischen Geschichte erzähle, gebe Grünwald sehr zu denken.

Begonnen hat das Interesse für jüdisches Leben in Eberswalde aber erst einmal auf Socken. Das war 2003, als eine Frau an ihrer Wohnungstür klingelte: »Sie sagte, dass sie mal in meiner Wohnung gewohnt habe.« Sie war Jüdin, sie drehte sich um und ging – und Ellen Grünwald rannte ihr hinterher; kam – später – in Kontakt, recherchierte die Familiengeschichte und blieb bis zum Tod der Frau mit ihr verbunden.

Vor allem Jugendliche und Schüler sind die Zielgruppe von Grünwald und ihrer Initiative. Den Menschen verstehen, den Menschen erfahren – bringt die Erzieherin ihre Motivation auf den Punkt. Mitgebracht hatte sie dem Bundespräsidenten, der an diesem Tag eine Aal-Aktie, eine Lego-Barriere oder ein Maskottchen bekam, nichts. Shelly Meyer hatte etwas dabei, entschied sich aber, es zu behalten. Einen »Bring Them Home«-Button. Den hat Frank-Walter Steinmeier schon.

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