Porträt der Woche

»Ich wünsche mir Offenheit«

Eva Frenzen leitet eine Stiftung im Ruhrgebiet und organisiert regionale Limmud-Tage

von Annette Kanis  31.07.2017 15:56 Uhr

»Ich habe den Eindruck, zu den russischsprachig geprägten Gemeinden ist der Zugang schwer«: Eva Frenzen (48) lebt in Essen. Foto: Alexandra Roth

Eva Frenzen leitet eine Stiftung im Ruhrgebiet und organisiert regionale Limmud-Tage

von Annette Kanis  31.07.2017 15:56 Uhr

Mein Übertritt zum Judentum war keine Entscheidung gegen etwas, sondern eine Entscheidung dafür, wo ich mich mehr zu Hause fühle. Wohl wissend, dass »zu Hause« auch nicht alles leuchtet und Gold ist. Aber ich musste meinen Platz finden.

Meine Eltern sind evangelische Theologen. Sie waren sehr früh bei der jüdisch‐christlichen Bibelwoche aktiv, einer Tagung, bei der sich Juden und Christen treffen. Das waren damals, in meiner Kindheit, meist Reformjuden aus England, vor allem Rabbinatsstudenten aus London und natürlich aus Deutschland. Wir hatten viele jüdische Freunde, und es gab auch Familien, die wir immer wieder besucht haben.

entscheidung So habe ich von klein auf viel vom Judentum mitbekommen. Mit 14 Jahren war ich das erste Mal in Israel. Und danach habe ich Kontakt zur Synagoge aufgenommen und bin dort ganz regelmäßig jeden Schabbat gewesen.

Nach der Schule war ich ein knappes Jahr in Israel als Freiwillige im Kibbuz und lernte dort auch Hebräisch. Danach ging ich nach Heidelberg an die Hochschule für Jüdische Studien und begann mit meinem Studium.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann es war, ob noch am Ende der Schulzeit oder als ich in Heidelberg lebte, jedenfalls habe ich irgendwann in den Gottesdiensten meiner Eltern nur noch geheult. Weil ich dachte, du bist damit groß geworden, aber es ist nicht mehr da. Und dann musste ich mich irgendwann entscheiden. Ich hatte immer schon das Problem mit Jesus als Gottessohn.

Doch ich glaube, am Ende war das wirklich eine Entscheidung, mit der ich mich wohler und mehr zu Hause gefühlt habe. Der Protestantismus war nichts, wogegen ich mich aufgelehnt hätte. Darum ging es mir überhaupt nicht. Ich wollte meinen Platz finden. Das war eine bewusste Entscheidung.

synagoge Ich bin dann während des Studiums aus der Kirche ausgetreten. An dem Tag habe ich erst einmal meine Eltern angerufen und sie darüber informiert. Irgendwie hatten sie schon damit gerechnet. Als ich dann zum Studienabschluss nach England ging, bin ich dort übergetreten. Zu der Zeit hatte ich schon fast zehn Jahre lang jüdisch gelebt.

Jüdischsein im Alltag zeigt sich zum Beispiel daran, wie ich einkaufe – also normalerweise völlig vegetarisch, es sei denn, ich schaffe es zwischendurch einmal nach Düsseldorf oder Antwerpen. Ich muss sehen, was ich kaufe. Koscheres Fleisch zu bestellen und mir schicken zu lassen, das mache ich nicht so gerne.

Momentan finde ich es ein bisschen schwierig mit dem Synagogenbesuch. Die nächste größere Reformgemeinde befindet sich in Köln. Das ist einfach sehr weit weg. Es ist eine Herausforderung, mich in die Gemeinden, die größtenteils russisch geprägt sind, zu integrieren, weil ich die Sprache nicht spreche.

platz Und weil ich dort auch das Gefühl habe, dass das Klübchen sind, zu denen man schwer Zugang erhält. Ich brauche keine Synagoge, nur weil ich einen Gottesdienst haben will. Für mich gehört mehr dazu. Ich fahre einmal im Monat nach Düsseldorf, weil es dort einen liberalen Gottesdienst gibt. Das ist immer sehr schön. Susan Borofsky leitet ihn, sie ist Sängerin. Aber teilweise ist die Form mir ein wenig zu amerikanisch‐reform. Manche Gebete fehlen, die Amida ist kürzer.

Einen Platz zu finden, ist gar nicht so einfach. Das Kölner Angebot finde ich für mich am passendsten, aber ich schaffe es einfach nur sehr selten, am Freitag nach der Arbeit bis nach Köln zu fahren. Und es gibt nur einmal im Monat samstagfrüh Gottesdienst, und der ist dann zeitgleich mit den Limmud‐Treffen in Berlin.

Dann habe ich mein jüdisches Wochenende in Berlin. Hier gehe ich entweder zur Synagoge Fraenkelufer oder zur Oranienburger Straße. Das sind die beiden Synagogen, in denen ich Leute kenne, wo ich mich wohlfühle. Ich suche mir so meine Anknüpfungspunkte.

Bei meiner Arbeit habe ich von Anfang an gesagt: »Ich arbeite am Schabbat nicht. Ich komme dann eher einmal am Sonntag rein.« Zu den Hohen Feiertagen nehme ich immer frei. Da bin ich in den letzten Jahren immer in Köln gewesen.

studium Ich habe Jüdische Studien in Heidelberg studiert und dann am Leo Baeck College in London mein Studium beendet. Als Zweitstudium habe ich später dann noch einen Master in Sozialmanagement gemacht. In London, Mitte der 90er‐Jahre, kam ich in Kontakt mit Limmud, dem jüdischen Lernfestival, das seine Wurzeln in Großbritannien hat.

Als ich 2001 zurück nach Deutschland, nach München, gegangen bin, gab es dann dort auch einen Limmud‐Tag. Erst war ich nur Teilnehmerin. Ich fand Limmud immer schon toll. Was mich am meisten daran fasziniert, ist, dass es über alle jüdischen Traditionen hinweg alle verbindet. Limmud kommt ja von dem Verb »lernen«. Vor zwei Jahren habe ich begonnen, mich in Essen zu engagieren, wo ich nun lebe. Wir bieten einen regionalen Limmud‐Tag an.

Was mich sehr bewegt, ist die jüdische Vielfalt. Ich bin im Reformjudentum aufgewachsen, bin aber mit der Zeit auch ein bisschen konservativer geworden, gar nicht unbedingt von den Interpretationen und Einstellungen her, sondern eher bezüglich dessen, wie ich es selbst leben möchte. Mir ist klar, dass ich nie wirklich orthodox werde, das bin ich einfach nicht. Aber zum Beispiel »Open Orthodox« aus New York finde ich sehr spannend. Und an Limmud fasziniert mich, dass wirklich Leute aus allen Ecken des Judentums zusammenkommen.

Bei Limmud habe ich tolle Freunde kennengelernt. Überzeugend finde ich das Konzept, dass jeder, der da ist, auch etwas zu erzählen hat. Jeder, der teilnimmt, kann auch lehren.

auszeit Das Engagement für Limmud läuft neben meiner Arbeit als Geschäftsführerin für eine Bürgerstiftung in Gelsenkirchen. Dabei geht es um die Organisation eines Stadtteilzentrums mit Vermietung an Partner wie die Diakonie und das Deutsche Rote Kreuz. Wir haben ein offenes Jugendhaus, eine Schuldnerberatung, ein Arbeitslosenprojekt, eine Flüchtlingsberatung und viel Kulturarbeit mit diversen Veranstaltungen. Dort arbeite ich jetzt seit zwei Jahren.

Nach Essen kam ich 2014. Da musste sich in meinem Leben einfach etwas tun. Eine Veränderung, eine neue Stadt. Da habe ich mir wirklich eine Auszeit gegönnt. In München, wo ich zuvor lebte, habe ich mich nie richtig wohlgefühlt. Ich hatte da tolle Freunde, aber mir war klar geworden: Wenn ich in Deutschland bleibe, kann das auf Dauer nur im Ruhrgebiet oder in Berlin sein.

Meine Eltern waren zu der Zeit im Ausland, deswegen konnte ich bei ihnen im Haus wohnen. Weil ich mir eine Auszeit gegönnt hatte und kein Einkommen hatte. Dann musste ich keine Miete zahlen. Und deshalb war das machbar.

ruhrpott Ich glaube, wenn man die deutschen Ecken vergleicht, sind sich das Ruhrgebiet und Berlin am ähnlichsten. Die Menschen haben einfach so eine Direktheit und Offenheit. Und da ist immer so ein bisschen Schnauze dabei, egal, ob Berliner oder Ruhrpott‐Schnauze. Und man ist gewohnt, dass sich ganz viel mischt. Das hat viel mit Mentalität und Flair zu tun. Den Ruhrpott finde ich toll, ich bin hier aufgewachsen. Es ist schön durchmixt, nicht »etepetete«.

Ich bin ein Großstadtkind. Berlin war für mich anziehend wegen des jüdischen Lebens. Das vermisse ich in Essen ein bisschen, muss ich gestehen. Das liegt auch daran, dass diese kleinen russischsprachigen Gemeinden einfach nicht meine sind. Das soll gar kein Vorwurf sein. Ich wünsche mir einfach mehr Offenheit. Die Einstellung »Ich mache zu Hause, was ich will, aber die Synagoge muss orthodox sein« befremdet mich. Damit kann ich nicht umgehen.

Meine Eltern sind seit etwa zehn Jahren pensioniert. Mein Übertritt ist immer einmal wieder Thema. Wir haben auch lange darüber diskutiert. Ich finde, gerade in einer religiösen Familie muss man darüber reden. Es war aber immer ein Austausch. Meine Eltern sind ja auch ein Stück weit involviert. Hätten sie keinen jüdisch‐christlichen Dialog gemacht, weiß ich nicht, was geworden wäre. Meine Eltern waren auch zu meinem Giur in London und haben ihn mit mir gefeiert. Damals stand die Entscheidung an, kommen sie zum Master‐Abschluss oder zum Giur? Und Letzteres war mir dann doch wichtiger. Denn schließlich ist es eine Lebensentscheidung.

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