Porträt der Woche

»Ich wollte raus«

Selbstporträt mit Strejml: Benyamin Reich (36) Foto: Benyamin Reich

Irgendwann habe ich mir die Pejes abgeschnitten. Damals war ich 15 oder 16 Jahre alt und gerade in den USA auf einer Jeschiwa. Ich wollte nicht mehr so sein wie früher, nicht so aussehen wie mein Vater. Ich wollte nicht den Weg einschlagen, den meine Eltern für mich geplant hatten. Vielleicht konnte ich das auch gar nicht. Ich weiß nicht genau, ob mir damals schon völlig klar war, dass ich schwul bin. Inzwischen gibt es einen homosexuellen orthodoxen Rabbi in Israel. Aber damals wäre das wohl noch unmöglich gewesen.

Wenn ich Leuten diese Episode aus meinem Leben erzähle, denken sie oft, ich hätte mit meiner Religion gebrochen. Doch das stimmt nicht. Zur Religion gibt es keine Tür, durch die man hinausgeht und dann auf einmal draußen steht. Es war vielmehr ein schleichender Prozess, der bis heute andauert. Manche Leute glauben, ich sei jetzt atheistisch, weil ich nicht mehr aussehe wie ein orthodoxer Jude, aber auch das stimmt nicht. Ich musste mir nur eben einen eigenen Weg suchen.

Eltern Mein Vater ist ein ultraorthodoxer Rabbiner in Israel. Er wollte immer, dass ich ihn irgendwann beerbe. Aber ich denke, meine Eltern haben schon früh geahnt, dass ich anders bin. Sonst hätten sie mich nicht in die USA geschickt. Sie müssen gespürt haben, dass ihre Welt zu eng für mich werden würde. Schon bei meiner Barmizwa wollte ich nicht den typischen Anzug der Orthodoxen tragen. Klar, ich hatte einen Anzug an und natürlich auch einen Hut. Aber beides war anders als normal. Vielleicht war es der Künstler in mir, der sich nicht fügen konnte, der den Blick weiten und den Horizont erweitern wollte.

Irgendwann habe ich verstanden, dass es zwischen Schwarz und Weiß viele Nuancen gibt. Die eineinhalb Jahre in den USA haben mir die Welt aus einer neuen Perspektive gezeigt. Es fiel mir leichter, alte Lasten abzulegen. Als ich nach Israel zurückkam, konnte man schon sehen, dass ich nicht mehr in die Welt meiner Väter gehörte. Ich hatte Jeans an, zwar schwarze, aber immerhin Jeans. Ich trug keinen Hut mehr, und meine Pejes waren verschwunden. Mit dem weißen Hemd und der schwarzen Jeans war ich zwar immer noch als orthodoxer Jude zu erkennen, aber moderner und weltoffener als die geschlossene, irgendwie zeitlose Welt, die ich als 15‐Jähriger verlassen hatte.

Obwohl ich nicht mehr zu dieser Welt gehöre, ist sie doch ein Teil von mir und ganz wichtig für meine fotografische Arbeit. Ich versuche, die Menschlichkeit dieser Welt zu zeigen: Auch orthodoxe Juden kratzen sich manchmal am Hintern. Und wenn ein paar Jugendliche nackt ins Wasser springen, dann sieht man erst beim zweiten Blick die schwarz‐weiß gestreiften Tallitot, die im Hintergrund im Baum hängen.

In meinen Bildern geht es mir um Weite, Widersprüche und Ästhetik. Ich glaube, die Ästhetik des Judentums ist mit der Zerstörung des Tempels verloren gegangen. Ich versuche, sie wieder freizulegen. Ich suche nach der Schönheit des Judentums. Einfache Dinge, wie ein Stapel Gebetsbücher, eine Challe oder ein Tallit werden in meinen fotografischen Stillleben aus ihrem Alltagsgebrauch geholt und in die ästhetische Sphäre des Sakralen erhoben. Ich will den Menschen in seiner natürlichen Schönheit zeigen und in Relation zum Heiligen setzen.

moschee Aber ich beschäftige mich nicht nur mit dem Judentum. Manchmal gehe ich freitags in die Moschee, samstags in die Synagoge und sonntags in die Kirche – einfach nur, um der jeweils eigenen Ästhetik nachzuspüren. Ich hatte auch schon eine Ausstellung zu dem Thema dieser Vielfalt. Der Titel war »Reise nach Jerusalem«. Dafür habe ich Fotos von Juden, Christen und Muslimen gemacht. Alle drei sind in Jerusalem vertreten und verdienen ihren Platz. Trotzdem fühle ich mich in der Synagoge noch immer am ehesten zu Hause. Aber auch da gibt es große Unterschiede.

Obwohl ich mich viel mit Religion beschäftige, genieße ich auch mein weltliches Leben. Als ich 2009 nach Berlin kam, war das für mich eine völlig neue Welt. Ich habe damals sehr viel ausprobiert. Ich wollte auf jede Party, in jeden Klub und in jede Schwulenbar. Das war unglaublich spannend und aufregend. Aber inzwischen bin ich wieder in einer festen Beziehung. Jetzt brauche ich das nicht mehr.

Für meine Eltern war es kein Problem, dass ich nach Deutschland gezogen bin. Als Ultraorthodoxe haben sie ein besonderes Geschichtsverständnis. Für sie ist die Schoa eine Strafe Gottes gewesen, die Deutschen waren nur Gottes Werkzeuge. Trotz dieser Einstellung waren meine Eltern nie in Deutschland, bis ich nach Berlin zog. Dabei reiste mein Vater als Rabbiner früher häufig durch Europa. Aber um Deutschland hat er immer einen Bogen gemacht.

Touristenprogramm Als sie dann doch endlich mal hier waren, hat es beiden sehr gefallen. Ich habe mit ihnen das übliche Berliner Touristenprogramm gemacht. Allerdings waren sich beide einig, dass ihr Besuch keine »Schoa‐Gedenk‐Reise« werden sollte. Meine Mutter hat sich sogar geweigert, das Holocaust‐Mahnmal zu besuchen. Sie meinte, all diese Mahnmale seien ohnehin nur eine Beruhigung für das Gewissen der Deutschen.

Natürlich stimmt das irgendwie, aber es steckt auch mehr dahinter. Deutschland hat sich intensiv mit seiner Geschichte auseinandergesetzt. Neulich habe ich sogar selbst an einem Projekt mitgewirkt: »Was Sie schon immer über Juden wissen wollten« ist die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin. Ich war ein Teil dieser Ausstellung, saß als »Vorzeigejude« in einer Glasvitrine. Die Besucher konnten mich anschauen und mich Dinge fragen, die sie schon immer über Juden wissen wollten. Das war eine sehr spannende Erfahrung. Ich hatte das Gefühl, als sei ich der Beobachter und nicht all die Menschen, die kamen, um mich anzustarren.

Eine Gruppe Amerikaner fragte eine deutsche Besuchergruppe: »Wie ist das für euch, einen Juden in einer Vitrine zu sehen? Wie im Zoo.« Die Deutschen haben etwas verlegen versucht, akademisch korrekte Antworten zu stammeln: »Äh, na ja … Unsere Geschichte … ähm, irgendwie äh – beschämend … Aber man muss ja aus der Geschichte lernen … Ja, ähm, genau … Verantwortung …«.

Ich glaube, der Umgang mit Juden fällt vielen Deutschen immer noch sehr schwer. Deshalb ist so eine humorvolle Ausstellung sicher etwas Gutes. Aber sie setzt auch einiges voraus. Und viele Deutsche wissen trotz all der Geschichtsarbeit noch recht wenig über Juden.

Bilder Auch bei meinen Fotos muss ich mich immer wieder fragen, was der Betrachter sieht, wie er es sieht, was er verstehen kann. Deshalb denke ich sehr viel über meine Bilder nach. Ich bin kein Street Photographer, der auf der Suche nach guten Schnappschüssen oder Promis ist. Hinter jeder meiner Aufnahmen steckt ein langer Denkprozess. Aus einer Idee wird ein Konzept. Erst wenn das Konzept ausgereift ist, entstehen die Bilder. Ich versuche, die Fotos als Serien zu verstehen. Jede Serie widmet sich einem bestimmten Thema oder Problem.

Inzwischen kann ich von meiner Kunst sogar ganz gut leben. Obwohl es finanziell attraktiv ist, verkaufe ich aber nie an Sammler. Ich will, dass die Bilder gesehen werden, Freude bereiten und vielleicht zum Nachdenken anregen. Aber hauptsächlich sollen sie schön sein. Bei einem Sammler würden die Aufnahmen im Safe verschwinden und hätten den gleichen ästhetischen Wert wie eine Aktie. Der Wert steigt oder fällt, auf mehr kommt es nicht an. Nein, dafür sind mir meine Bilder zu schade. Kunst ist schließlich mehr als Börsenspekulation.

Aufgezeichnet von Benjamin Moscovici

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