Porträt der Woche

»Ich wollte der Beste sein«

»Mit rund 2,01 Metern überrage ich heute alle in meiner Familie«: Yovel Zoosman (24) Foto: imago images/Jan Huebner

Porträt der Woche

»Ich wollte der Beste sein«

Yovel Zoosman ist Basketball-Profi, kommt aus Israel und spielt für Alba Berlin

von Alicia Rust  03.06.2022 09:53 Uhr

Als ich das erste Mal Basketball spielte, war ich sechs Jahre alt. Beim allerersten Training habe ich gleich fünf Mal hintereinander den Korb getroffen. Das war der Moment, an dem ich wusste: Das will ich von nun an machen. Mein Ehrgeiz war geweckt, jetzt wollte ich immer der Beste sein. Eine Initialzündung, so etwas vergisst man nie.

Dabei hatten mich meine Eltern – beide sind Sportlehrer – zunächst mit anderen Sportarten bekannt gemacht. Im Alter von vier begann ich mit dem Turnen und später mit Judo. Sie wussten, dass ich einmal sehr groß werden würde, schließlich war ich das größte Kind in meiner Familie und eines der größten in der Schule. Deshalb wollten sie mich an eine Sportart heranführen, mit der ich meine Koordination verbessern würde, ich war nämlich recht schlaksig.

familie Mit rund 2,01 Metern überrage ich auch heute alle in meiner Familie. Meine Mutter ist mit 1,78 zwar nicht klein, und mein Vater ist 1,82; aber meine beiden Schwestern – vier und fünf Jahre älter als ich – sind gerade einmal 1,69 und 1,65 Meter groß. In meiner Familie kursierte deshalb immer der Witz, dass der ganze Rest für den Jüngsten aufgehoben wird.

Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich, Bier sei hier preiswerter als Wasser.

Geboren wurde ich in Kfar Saba in Israel. Aufgewachsen bin ich in Netanya. Dort spielte ich für die Jugendmannschaft von Elitzur Netanya. Zunächst war es meinen Eltern wichtig, dass ich – wie alle Kinder in unserer Umgebung – eine ganz normale Schule in der Nachbarschaft besuchte.

Jeder wusste von meinem Engagement für den Basketball, jedenfalls wurde immer irgendwie Rücksicht darauf genommen. So war es völlig normal, dass ich morgens gegen sechs Uhr bereits vor dem Unterricht in der Turnhalle trainierte. Unter den Mitschülern galt es irgendwie als »cool«, dass ich Sportler war.

internat Als Teenager bin ich dem Win­gate Institute und Maccabi Tel Aviv beigetreten. Bedingt durch den Sport gab es für mich über die gesamte Schulzeit ziemlich viele Wechsel, alles wurde dem untergeordnet. Schließlich, so mit 15, 16 Jahren, ging es für mich für anderthalb Jahre auf ein Internat. Mit 18 verließ ich endgültig mein Elternhaus, um professionell Basketball zu spielen. Bei alledem war es wichtig für mich, meine Schule mit einem ordentlichen Abschluss zu beenden. Schließlich weiß man nie, was im Leben noch alles passiert. Man muss mit allem rechnen, beispielsweise mit einer Verletzung, die eine sportliche Kariere beenden kann.

Meine Eltern kommen beide aus dem Norden Israels. Meine Mutter entstammt einer namhaften Familie in Tiberias. Die Mutter meines Vaters kommt ursprünglich aus Warschau. Sie hat ihr Leben lang als Krankenschwester gearbeitet. Mein Großvater väterlicherseits kommt ebenfalls aus Israel, sein Vater aus Litauen.

Im Elternhaus meiner Mutter wurde überwiegend Arabisch gesprochen. Beide Großeltern sind leider vor rund fünf Jahren gestorben, doch ein Großteil der Familie lebt noch immer im Norden des Landes.
Meinem Vater war es immer wichtig, dass wir Kinder sämtliche jüdischen Traditionen, Feiertage und Gebräuche kennen und selbstverständlich damit aufwachsen. Wir sollten uns an die Regeln halten. Freitagabend wurde immer der Kiddusch über einen Becher Wein gesprochen.

sprachen In meinem Elternhaus unterhielten wir uns auf Hebräisch, ab der zweiten Klasse kam für mich in der Schule Englisch hinzu, ab der neunten oder zehnten Klasse lernte ich Arabisch. Meiner Ansicht nach ist es wichtig, mehrere Sprachen zu beherrschen. Das macht vieles leichter und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei. Deutsch verstehe ich inzwischen zwar einigermaßen, doch mit dem Sprechen hapert es noch. Daran möchte ich im kommenden Jahr mehr arbeiten.

Ich kann nur Gutes über mein Team sagen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, wir trainieren hart.

Als ich nach Berlin kam und bei Alba von meinem neuen Team begrüßt wurde, war ich einer von zwei Juden. Soviel ich weiß, gab es bislang noch nie jüdische Basketballspieler im Team. Und nun also gleich zwei. Tamir Blatt kommt wie ich aus Netanya, und wir kennen uns schon sehr lange. Er ist wie ein Bruder für mich.

Etliche Spieler kenne ich schon seit Längerem, gegen viele aus dem Alba-Kader habe ich in der Vergangenheit bereits mit Maccabi, meinem Heimatteam, gespielt. Einige sind neugierig, wenn sie uns Hebräisch reden hören. Sie wollen die Sprache lernen, zumindest einige Worte und Sätze.

ankunft Was mich wirklich berührt hat, war die Begrüßung nach meiner Ankunft in Berlin. Mit dem gesamten Team ging es zunächst einmal ins Restaurant. Sie hätten sich alles Mögliche aussuchen können. Aber worauf fiel die Wahl? Auf ein jüdisches Restaurant! Ich spürte sofort die Wertschätzung gegenüber meiner Herkunft, den Respekt für meine Kultur. Das fühlte sich ein bisschen an wie nach Hause zu kommen. So eine freundliche Geste macht den Einstieg um vieles leichter.

Überhaupt kann ich nur Gutes über mein Team sagen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, wir trainieren hart. Am Abend fällt man dann müde ins Bett. Ich würde gern mehr kochen, doch oft fehlt mir die Kraft, dann bestelle ich etwas oder gehe ins Restaurant. Sobald ich in Israel bin, will ich unbedingt wieder mehr kochen.

Ansonsten ziehe ich mich gerne in meine Wohnung zurück. Ich bin nicht so der Party-Typ, hänge nicht in Bars ab. Sehr gerne hingegen mag ich deutsches Bier. Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich tatsächlich, Bier sei hier preiswerter als Wasser. Aber ich betrinke mich nicht. Es passt nicht zu einem Sportler, einen Kater zu haben.

Ruhe Manchmal brauche ich Zeit für mich. Und Ruhe. Dabei lese ich vor allem. Am meisten schätze ich Bücher über Psychologie oder solche mit einem psychologischen Ansatz. Sie bringen mich weiter, erweitern meinen Horizont. Der Mensch ist so viel mehr als nur ein Körper, unsere Einstellung und unsere Haltung vermögen Berge zu versetzen. Im Moment lese ich The Monk Who Sold His Ferrari von Robin Sharma. Eine inspirierende Geschichte, die zu einem Leben mit mehr Mut, Ausgeglichenheit und Freude motivieren soll.

Auch die Musik ist wichtig für mich, sie ist eine Verbindung zu meiner Heimat. Während ich zum Training fahre, höre ich am liebsten israelische Musik, von Idan Raichel oder Idan Amedi. Das versetzt mich in eine gute Stimmung. In Israel bin ich gern auf Konzerte gegangen, dazu bin ich hier leider noch nicht gekommen.

Jetzt, in der warmen Jahreszeit, würde ich gern mehr von dieser wunderbaren Stadt sehen. Erst kürzlich war ich am Ku’damm, anschließend am Schlachtensee. Berlin ist eine internationale, weltoffene Metropole, in der so viele Kulturen, Religionen, Gebräuche und Sprachen aufeinanderprallen, es ist unglaublich. Alles ergänzt sich, mischt sich, erfindet sich neu. Manchmal fühlt sich das ein bisschen so an wie in Israel.

Meine Großmutter hatte die Übertragung des Basketballspiels, in dem ich das Trikot mit ihrem Namen trug, in Israel im Fernsehen verfolgt.

Früher habe ich mir Deutschland ganz anders vorgestellt. Vor allem die Menschen: blond und groß, die Männer mit breiten Schultern und Bärten und schöne blonde Frauen. Andererseits ist Berlin eine Ausnahmestadt – nicht typisch deutsch, jedenfalls nicht gleichzusetzen mit dem Rest von Deutschland, den ich gelegentlich auf Auswärtsspielen zu sehen bekomme.

Heimweh Trotz allem bleibt das Heimweh. Nach dem Meer, meiner Familie, nach Freunden, der Kultur, vor allem nach der Kochkunst meiner Mutter. Für mich ist sie die beste Köchin auf der Welt! Dabei kann ich nicht einmal ein Lieblingsgericht benennen. Alles, was sie kocht, schmeckt einfach fantastisch. So ein authentisches israelisches Essen fehlt mir schon.

Die Tatsache, dass ich jüdisch bin, spielt in meinem Alltag keine große Rolle. Nur neulich, beim Bundesliga-Spiel von Alba Berlin gegen Hamburg, am Jom Haschoa, hatte ich plötzlich eine Eingebung. Ich wollte unbedingt irgendetwas tun, ein Zeichen setzen. Also ging ich zu meinem Trainer und fragte, ob ich den Namen meiner Großmutter auf meinem Trikot tragen könnte. Sie heißt Lila Gestern (ursprünglich Liba) und wurde 1934 in Warschau geboren. Als Kind gelangte sie mit den »Teheran-Kindern«, eine Gruppe polnisch-jüdischer Kinder, hauptsächlich Waisen, mithilfe der Roten Armee nach Israel.

Meine Großmutter hatte die Übertragung des Basketballspiels, in dem ich das Trikot mit ihrem Namen trug, in Israel im Fernsehen verfolgt. Nach der Aktion gratulierten mir viele, auch aus Israel. Doch ich hatte das gar nicht so sehr für die Aufmerksamkeit gemacht, auch nicht mit politischen Absichten. In erster Linie habe ich das aus sehr persönlichen Gründen getan. Dafür, meiner Großmutter und Menschen wie ihr zu gedenken. Denn ohne sie gäbe es uns heute nicht.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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