Porträt der Woche

»Ich verstehe mich als Mittler«

Alex Elsohn ist Unternehmer für die Reisebranche und hält Vorträge über Israel

von Silke Heine  15.08.2021 08:18 Uhr

»Wenn man etwas ändern will, muss man es vor Ort tun«: Alex Elsohn (57) lebt in Berlin. Foto: Chris Hartung

Alex Elsohn ist Unternehmer für die Reisebranche und hält Vorträge über Israel

von Silke Heine  15.08.2021 08:18 Uhr

Als ich kürzlich gefragt wurde: Berlin oder Tel Aviv?, musste ich lachen. Denn eigentlich müsste es heißen: Zürich, Berlin oder Tel Aviv. Denn aufgewachsen bin ich in Zürich, meine wichtigsten Jahre habe ich in Tel Aviv verbracht, und heute lebe ich mit großer Begeisterung in Berlin.

Aber eigentlich schlägt mein Herz für Tel Aviv, denn die Lebensqualität, die Nähe zum Meer und die Offenheit der Menschen sind unschlagbar. Heute jedoch ist mein Zuhause in Berlin, als Schweizer und Israeli bin ich da in guter Gesellschaft. Denn ich bin ein Berliner mit Migrationshintergrund, und in Berlin gehört es fast schon zum guten Ton, Migrant zu sein.

Armee Geboren wurde ich in Bülach, einem kleinen Ort bei Zürich. Meine Familie lebt seit vier Generationen in der Schweiz, ein Großvater diente in beiden Weltkriegen in der Armee. Die Linie meiner Mutter ist fast schon urschweizerisch, meine Ahnen gehörten dem jüdischen Bürgertum an. Die Linie meines Vaters lässt sich bis nach Osteuropa verfolgen, aber auch seine Familie kam bereits Ende des 19. Jahrhunderts in die Schweiz. Die Elsohns waren Händler in Lettland, und von dort wurde mein Ururgroßvater nach Zürich entsandt.

Meine Eltern haben sich bei der Arbeit kennengelernt, meine Mutter war die Sekretärin meines Vaters. Er war anfangs das, was man heute Marketingfachmann nennt, später wechselte er ins Bildungsministerium. Meine Mutter wurde Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, noch heute unterrichtet sie Flüchtlinge – vor allem Syrer und Afghanen. Meine Familie ist eine ganz normale Schweizer Familie, Bildung war sehr wichtig und auch das Judentum.

Meine Mutter kommt, im Gegensatz zu meinem Vater, aus einem koscheren und religiösen Haushalt. Meine Eltern entschieden sich, ebenfalls traditionell jüdisch zu leben und uns damit ihre Werte und jüdische Kultur zu vermitteln. Gleichzeitig waren meine Eltern pragmatisch und liberal: Wenn wir am Feiertag in die Synagoge wollten, dann wurde zwangsläufig das Auto genommen. Und zu Hause gab es natürlich kein Schweinefleisch.

Meine Eltern enterbten mich, als ich ihnen sagte, dass ich nach Israel gehe.

Ich bin Jahrgang 1964, war Mitglied in der sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair, habe das Wirtschaftsgymnasium und das pädagogische Seminar besucht. Danach aber hatte ich erst einmal genug von der Schweiz: Für mich war klar, dass ich nach Israel will. Aber als ich meinen Eltern meinen Entschluss mitteilte, war die Reaktion nicht gerade begeistert. Im Gegenteil: Sie haben mich vorübergehend enterbt.

KIBBUZNIK Heute kann ich darüber lachen. Aber für meine Eltern war es unvorstellbar, dass ihr Sohn in der Wüste Orangen pflücken wollte; zumal ich es sehr eilig hatte, nach Israel zu kommen – noch bevor ich eine Berufsausbildung in der Tasche hatte. Und weil ich auch schon in der Schweiz kritisch der israelischen Politik gegenüber war, musste ich mir anhören: Warum willst du ausgerechnet da hin? Aber meine Einstellung war: Wenn man etwas ändern will, dann muss man es vor Ort tun. Mein Wunsch, Kibbuznik zu werden, hatte also mit meiner politischen Einstellung zu tun: Ich dachte links, war Anhänger des Sozialismus, weniger des Zionismus. Ich wollte raus aus der Schweiz, die Gesellschaft dort schien mir zu festgefahren und viel zu bürgerlich. Ich hatte nicht das Gefühl, mich dort einbringen zu können.

Das war in Magen ganz anders: Der Kibbuz liegt in der Negevwüste, knapp fünf Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Heute ist das eher ein unruhiges Pflaster, aber als ich 1985 dorthin kam, war der Gaza­streifen noch offen, und im Kibbuz wurde noch das Kollektiv gelebt – für mich das Gegenmodell zu meinen Erfahrungen in der Schweiz. Ich habe das bewusst gesucht und deshalb auch gern in der Plastikfabrik gearbeitet. Wenn im Sommer um zwei Uhr Feierabend war, fuhren wir mit dem Bus in den Gazastreifen an den Strand von Chan Yunis, kauften dort bei Palästinensern Wassermelonen und Eis am Stiel und gingen schwimmen. Heute unvorstellbar.

Unter anderem, weil mich meine Eltern aufgrund meiner Auswanderung nicht mehr finanziell unterstützten und ich später studieren wollte, war es für mich nur ein logischer Schluss, auch zum israelischen Militär zu gehen. So konnte ich auf ein Stipendium hoffen, und außerdem war stand das damals außer Frage – das gehörte zum israelischen Leben. Das waren die 80er-Jahre, ich wurde also israelischer Soldat. Damals gab es unter den arabischen Nachbarländern nur mit Ägypten ein Friedensabkommen, und mir war klar: Israel muss verteidigt werden. Politisch konnte ich links bleiben, denn ich ging in die Kibbuz-Einheit, alle in meiner Einheit dachten ähnlich wie ich.

SOHN In all den Jahren hatte ich auch immer eine Rückfalloption im Kopf: Wenn es nicht geklappt hätte im Kibbuz oder in Israel, dann wäre ich zurückgegangen in die Schweiz und wäre »Kapitalist« geworden. Was man halt so denkt als junger Mensch. Schließlich kam es dann ganz anders.

Schon während meiner Kibbuzzeit lernte ich Tel Aviv kennen und verliebte mich sofort in die Stadt. Ich wusste: Hier will ich leben. Zudem war ich begeistert von der Universität, dort lehrten damals einige der anerkanntesten Historiker. Außerdem lernte ich meine spätere Frau kennen, die Mutter meines Sohnes. Sie stammt aus einer Familie, die seit vier Generationen im Land verwurzelt ist, mein Sohn ist also in fünfter Generation Israeli, in vierter Tel Aviver. Davon gibt es nur sehr wenige.

Die Urgroßeltern meines Sohnes gründeten die erste Bäckereiin Tel Aviv, auf einer Sanddüne, wo heute die Ben-Yehuda-Straße verläuft.

Die Urgroßeltern meines Sohnes gründeten die erste Bäckerei in der Stadt, auf einer Sanddüne, wo heute die Ben-Yehuda-Straße verläuft. Weil die Familie schon vor Staatsgründung im Land war, gehörte sie einem ganz eigenen Gesellschaftskreis an: wahnsinnig gut verknüpft, jeder kannte jeden. Und so wurde es mir als Ur-Schweizer möglich, über Ur-Israelis sehr spannende Menschen kennenzulernen.

Spätestens da übrigens waren auch meine Eltern wieder versöhnt mit mir: Ich studierte, und in den Semesterferien flog ich in die Schweiz, um in der Zürcher Finanzszene mein Leben zu verdienen. Für mich als politisch links eingestellter Student war das kein Widerspruch: auch im Marxismus ist Wirtschaft ja kein Fremdwort. Ich habe unglaublich viel gelernt in dieser Zeit. Und spannend war für mich zu sehen, dass Historiker in der Bankenwelt ungemein gefragt waren: Einem Historiker kannst du einen Stapel Papier hinwerfen, der analysiert das, und der findet das Wesentliche heraus.

ENGAGEMENT Was mir immer wichtig war: Ich wollte mich politisch engagieren. Während der Ersten Intifada in den 80er- und 90er-Jahren habe ich bei Reut Sadaka mitgearbeitet, einer jüdisch-arabischen Jugendbewegung, die für Frieden und Koexistenz eintritt. Das stieß nicht bei jedem auf Begeisterung. Aber anders als heute konnte man damals noch gut befreundet sein, auch wenn man politisch vollkommen anders dachte.

Gegen Ende der Ersten Intifada hielt ich erstmals in Deutschland Vorträge über Israel und den Nahen Osten. Ich wohnte privat bei Leuten, die mir ganz unterschiedlich begegneten: Einerseits gab es sehr israelkritische Deutsche, bei denen ich mich rechtfertigen musste, weshalb ich in der israelischen Armee gedient hatte. Andererseits traf ich Menschen, die uneingeschränkt philosemitisch waren, die fanden alles, was aus Israel kam, supertoll. Das ist natürlich auch nicht richtig. Die Welt ist nicht schwarz und weiß.

Das mit den Vorträgen ist geblieben. Wenn ich als Redner gebucht werde, dann verstehe ich mich als Mittler, ich kann Einblicke verschaffen, die sonst in den Medien vielleicht weniger gut rüberkommen. Was ich mit den Jahren gelernt habe: Die Nachfragen blieben, waren zeitweise aber auch sehr kritisch.

9/11 Gekippt ist das Israelbild nach 9/11. Plötzlich nahmen viele Deutsche Israel als Bollwerk gegen den islamistischen Terror wahr. Da musste ich schon auch fragen: Bis gestern war Israel noch der Beelzebub im Nahen Osten, und jetzt ist es das Gegenteil? In meinen Augen spiegelt das nur die Wahrnehmung von Israel in Deutschland wider: Es ist wie eine Berg- und Talfahrt.

Über Antisemitismus wollte ich all die Jahre nicht sprechen, es war nicht mein Problem. Das änderte sich, als es in Deutschland immer mehr antisemitische Übergriffe gab.

Über Antisemitismus wollte ich all die Jahre nicht sprechen, es war nicht mein Problem. Das änderte sich, als es in Deutschland immer mehr antisemitische Übergriffe gab und ich gebeten wurde, meine Meinung zu sagen. Und die ist klar: Antisemitismus war in Deutschland nach 1945 nichts Neues. Egal, ob Antisemitismus, andere Arten von Unterdrückung oder Rassismus – es sind immer die gleichen Stereotypen, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte weiterziehen.

Heute bin ich heimisch geworden in Berlin – als Schweizer und Israeli. Ich liebe die Größe der Stadt, die Internationalität. Es ist eine sehr freie Welt. Hier habe ich vor 16 Jahren mein eigenes Unternehmen gegründet. So arbeite ich als Zulieferer für Reiseveranstalter. Wir organisieren etwa Hotelbetten, Transportmittel, die Guides. Vielleicht schlägt das Herz der Reisenden dann ja auch irgendwann für Berlin – so wie meines. Noch größer ist meine Liebe nur zu Tel Aviv.

Aufgezeichnet von Silke Heine

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