Porträt der Woche

»Ich vermag noch zu träumen«

»Wie ich nach außen wirke, hat mit meiner Offenheit, Neugier und Sympathie für andere Menschen zu tun«: Alice Gower (93) aus Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Ich liebe die Menschen! Ja, so ist es immer gewesen, und daran hat sich auch nach fast 93 Jahren Lebenserfahrung nichts geändert.

Man hat mir oft gesagt, ich sei schön, aber das finde ich erstens gar nicht, und zweitens ist mir das auch nicht so wichtig. Ich glaube, es war und ist vielmehr meine Offenheit, meine Neugier und Sympathie für andere Menschen, die mich für diese anziehend machen. Nicht nur meine schlanken Beine, meine blonden Haare und meine »sleepy eyes«, die eigentlich nur daher rühren, dass ich einen leichten Silberblick habe.

Aber mein Äußeres hat mir immerhin dazu verholfen, als Model für meine Eltern und mich den Lebensunterhalt zu verdienen, als wir damals als Neueinwanderer in Palästina angekommen waren.

kindheit Geboren bin ich nämlich 1923 in Breslau, als Alice Friedländer, Tochter eines glühenden Zionisten und einer Christin, die aus tiefer Überzeugung und aus Liebe zu meinem Vater zum Judentum übergetreten war, und das schon weit vor meiner Geburt.

Ich besuchte eine jüdische Mädchenschule, doch die Nazis haben sie 1938 niedergebrannt. Wenn ich als Zeitzeugin vor Schulklassen meine Lebensgeschichte schildere, erzähle ich den Kindern immer, wie ich durch die verrußten Ruinen des Schulgebäudes gegangen bin und wie ulkig ich das damals fand, dass ich durch die eingefallenen Mauern zur einen Seite hinein- und zur anderen wieder hinauslaufen konnte.

Ein Jahr später, 1939, unmittelbar nach Kriegsausbruch, haben wir Deutschland verlassen. Ja, ich gehöre auch zu denen, die »ausgewandert wurden«.

Model In Tel Aviv, wo wir uns damals niederließen, habe ich als Babysitterin, Kindergärtnerin und als Mannequin gejobbt. Das Wort »Model« gab es damals ja eigentlich noch nicht.

Wegen meiner schlanken, sportlichen Figur habe ich Badeanzugmode präsentiert, meine vollen, dunkelblonden Locken prangten jahrzehntelang auf einer in ganz Israel bekannten Haarshampoo-Werbung, und meine Hände trugen für Fotoaufnahmen kostbaren Schmuck aus Südafrika.

Später, beim Militär, war ich außerdem als Zahnarzthelferin tätig – gelernt habe ich allerdings keinen meiner vielen Berufe!

Mit 17 Jahren habe ich das erste Mal geheiratet, den Maler Anatol Gurewitsch, von dem Picasso gesagt hat: »Dieser Mann könnte mich als Künstler in den Schatten stellen.« Aber die Ehe hat nicht lange gehalten. Und die Scheidung war furchtbar, er wollte sich wegen unserer Trennung das Leben nehmen, doch später sind wir gute Freunde geworden.

künstler und cafés Tel Aviv war damals nicht mehr als ein Punkt mit sehr viel Sand drum herum. Doch es gab dort viele Cafés, Theater, Ateliers, in denen man jede Menge bildende Künstler, Dichter, Musiker und Intellektuelle treffen konnte.

So habe ich auch im Theater ausgeholfen, habe Requisitenkoffer geschleppt und dann und wann auch einmal auf der Bühne gestanden. Daher rührt meine deutliche Aussprache, die mir später noch sehr nützlich werden sollte – doch das kommt später.

Mit einigen Leuten, die ich damals in Tel Aviv im Kaffeehaus oder am Strand kennengelernt habe, stehe ich noch heute in Kontakt, oder mit deren Kindern und Kindeskindern.

Uns verbinden so viele Erinnerungen, auch an jene Nacht vom 14. Mai 1948, als Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung bekannt gegeben hatte. Wir alle tanzten damals bis zum Morgengrauen gemeinsam durch die Straßen Tel Avivs. Wir haben gesungen, gelacht und geweint – alles zugleich.

Poesie Mädchen auf der Couch, das schmale Büchlein, das ich im selben Jahr herausgegeben habe, gibt vielleicht etwas von dieser Atmosphäre und dem Lebensgefühl im Tel Aviv der späten 40er-Jahre wieder.

Ich habe darin Gedichte, Couplets und gereimte kleine Geschichten veröffentlicht – über Leidenschaft und Auseinandergehen, über Sehnsüchte, Missverständnisse, Seitensprünge, über Rausch und Ernüchterung in der Liebe.

Hier eine kleine Kostprobe: »Ich bin eine Frau in den besten Jahren. Nicht verdorben, jedoch ziemlich erfahren. (…) Ich liebe die Liebe meist mehr als die Männer, ich verachte die Spießer und bewundere die Könner. Ich vermag noch zu träumen, doch ich wach’ wieder auf. Ich zahl’ manchmal viel, doch ich zahl’ nicht mehr drauf.«

Neuauflage Manche erinnert mein Ton an Tucholsky, andere an die Chansons von Marlene Dietrich, Hildegard Knef oder die Liedtexte von Theo Mackeben. Ich bin meinem Sohn David so dankbar dafür, dass er dieses Buch zu meinem 92. Geburtstag noch einmal in einer überarbeiteten Form hat neu auflegen lassen.

Gewidmet habe ich es übrigens meinem Ehemann Schorsch Gower, der eigentlich Jakob hieß. Mit ihm war ich 56 Jahre lang verheiratet und, was vielleicht noch wichtiger ist, wirklich gut befreundet. Ihn lernte ich 1948 in Israel kennen. Am Strand. Ich schwamm im Meer und fragte in die Runde: »Wer bringt mich später nach Hause?« »Ich!«, antwortete Schorsch Gower, und tatsächlich begleitete er mich auf dem gesamten Heimweg.

Nur ein paar Tage später habe ich einer Freundin anvertraut: »Das ist der Mann, den ich heiraten werde.« Und so kam es dann ja auch. Jakob diente bei der Luftwaffe, in einem ziemlich hohen Rang. Ursprünglich stammte er aus Kiel und war über Dänemark und Skandinavien nach Palästina gelangt.

Weil wir beide fließend Deutsch und Englisch sprachen, wurden wir mitunter dazu abgestellt, Staatsgäste zu empfangen und auf ihrer Besuchsroute durch das Land zu begleiten. So kam es beispielsweise dazu, dass wir Marlene Dietrich kennenlernen durften.

Rückkehr 1968 sind wir mit unseren beiden Kindern, unserer Tochter Yael und unserem Sohn David, nach Deutschland übergesiedelt. Ich wollte in der Nähe meiner Mutter sein, die damals bereits im Jüdischen Altenheim in Frankfurt am Main lebte.

Mein Mann bekam ziemlich bald eine sehr lukrative Anstellung als Repräsentant eines großen internationalen Unternehmens, und ich dachte mir, ich wollte auch arbeiten und eigenes Geld verdie- nen. Zufällig entdeckte ich eine Annonce: Die FAZ suchte gerade jemanden für die Telefonakquise von Zeitungsabonnenten.

Das habe ich dann 30 Jahre lang mit recht gutem Erfolg betrieben – dank meiner geschulten Stimme und klaren Aussprache! Meine Tel Aviver Erfahrungen vom Theater kamen mir hier zugute.

ungebrochen In wenigen Tagen werde ich 93 Jahre alt, mir geht es gesundheitlich immer noch gut, trotz manchmal schmerzender Knochen und Gelenke.

Meine Tochter Yael hilft und stützt mich, wo sie kann, mein Sohn lebt mit seiner Familie in meiner Nähe. Und ich fühle mich kein bisschen lebensmüde – mein Interesse an und für andere Menschen ist ungebrochen.

Ich lese viel, telefoniere mit meinen Freunden, besuche einen Malkursus und blicke vor allem gerne und ohne jeden Zorn zurück auf mein langes, turbulentes, buntes und reiches Leben.

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