Porträt der Woche

»Ich mag diesen Wechsel«

Costa Bernstein Foto: Judith König

Alle zwei Wochen wird es bei mir im Atelier voll. Dann kommen sechs bis acht Familien, Eltern mit ihren erwachsenen Kindern. Als Angebot der Gemeinde biete ich eine Kreativgruppe für psychisch und geistig behinderte Menschen an. Die Eltern sitzen in einer Ecke am Tisch und unterhalten sich, während ich mit den jungen Erwachsenen arbeite. Mal gebe ich Themen vor, mal ein Material, dann arbeiten wir wieder ganz frei. Ich verstehe die Zeit nicht als Kunstunterricht oder -therapie, sondern versuche vielmehr, die Menschen ein wenig von den Schwierigkeiten im Alltag zu befreien.

Die Familien bringen immer etwas mit. Der Tisch ist dann voll mit schönen Sachen. Manchmal malen wir zwei Stunden, dann essen wir, und danach machen wir weiter, zum Beispiel mit Ton. Unsere Pläne sind groß. Dieses Jahr ist eine Ausstellung in der Galerie der Heusenstamm‐Stiftung in Frankfurt am Main geplant. Und wir möchten gerne einen Stand beim WIZO‐Basar im Dezember gestalten.

Kreativgruppe Früher waren die Familien sehr isoliert. Ich denke, bei den Beteiligten war zuallererst das Interesse an Gesellschaft da, der Wunsch, mit anderen zusammen zu sein und gemeinsam etwas zu tun. Die Kreativgruppe bietet dazu Gelegenheit. Daneben habe ich seit vergangenem Sommer eine Drittelstelle im Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungs‐ zentrum, wo ich in einem Team mit Psychotherapeuten vor allem zu Erziehungsfragen arbeite. Heute Vormittag war ich dort. Vor 20 Minuten bin ich zurückgekommen in mein Studio. Das ist mein Ort und mein Platz, wo ich mich entwickle und meine Kunst mache. Der Raum befindet sich in einem Atelierhaus des Kulturamts der Stadt Frankfurt.

Vor Kurzem lief eine Ausstellung von mir in der Galerie »Das Bilderhaus«. Ich habe wochenlang darauf hingearbeitet. Es wurden Bilder und Skulpturen gezeigt. In meiner Kunst arbeite ich viel mit alltäglichen Sachen. Sie entsteht aus Erlebnissen, vielleicht brauche ich deswegen auch meine Nebentätigkeiten. Eigentlich mache ich realistische Dinge. Natürlich sind sie bearbeitet, aber hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, die ich erlebt habe.

Oft trage ich einen Block bei mir, wenn ich unterwegs bin. Ich zeichne draußen eine Szene, wenn ich zum Einkaufen gehe, dann nehme ich auch mal den Zettel mit der Einkaufsliste. Im Atelier bearbeite ich das dann weiter, viel mit Collagen. Skulpturen sind bei mir neu. Eigentlich fing das durch die Arbeit mit der Kreativgruppe an, weil wir hier viel mit Ton machen.

Gefühle Durch die Treffen der Kreativgruppe habe ich eine Menge gelernt. Ich glaube, dass diese Menschen sehr authentisch sind, echte Gefühle zeigen. Sie sagen direkt, was sie denken. Sie verstellen sich nicht, haben keine Masken. Und ich sehe, wenn sie sich freuen, dann freut sich der ganze Mensch. Die Freude geht nach draußen, der Kontakt ist direkter als mit anderen Menschen, glaube ich, und echter. Das mag ich sehr.

Daneben mache ich noch Web‐ und Grafikdesign. Diese Welt ist wieder ganz anders. Das sind klare Sachen mit einem Anfang und einem Ende. Da gibt’s einen Auftrag, und der soll in einer bestimmten Zeit und für bestimmtes Geld ausgeführt werden. Das ist festgelegt und klar umrissen. Mit den Bildern und Skulpturen bin ich selten endgültig und zu hundert Prozent sicher. Deswegen habe ich auch zu Hause keine Bilder von mir, weil ich sonst immer etwas verändern wollte. Mit dem Webdesign fühle ich mich wohl, aber zu lange will ich da auch nicht bleiben.

Ich mache vieles gleichzeitig, aber ich mag diese Abwechslung. Ich glaube, die drei Sachen und die Familie als viertes Großes bereichern einander. Ich hatte Zeiten, in denen ich nur gemalt habe. Dann gab es Phasen, wo ich nur als Grafiker gearbeitet habe. Der Zustand jetzt gefällt mir am besten, weil es diesen Wechsel gibt. Wenn ich mich zu viel nur mit meiner Kunst beschäftige, dann muss ich raus, Menschen sehen, etwas erleben. Durch die Arbeit im Sozialbereich habe ich diesen Kontakt. Und auch bei den grafischen Aufträgen. Und dann gibt es natürlich meine zwei Kinder, elf und knapp vier Jahre alt.

Grundidee Manchmal ist es etwas schwierig, eine Struktur in die verschiedenen Bereiche zu bekommen. Ich habe kein Rezept, wie man es gut kombinieren kann, damit für alles Zeit bleibt. Mitunter ist es anstrengend, aber ich will nichts abgeben, von keiner Seite etwas. Die Grundidee, warum ich zu dem Beratungszentrum gekommen bin, ist, dass ich auch Immigrationserfahrung habe. Ich bin in Russland geboren, dann war ich in Israel, jetzt bin ich hier. Zehn Jahre habe ich in Israel gelebt. Ich kam als junger Mann dorthin, mit einer kleinen Tasche. Ganz leicht und zufrieden, fünf Tage nach meinem 19. Geburtstag. Ich wollte raus aus Russland. Es war wunderschön. Ich bin durchs Land gereist, dann kam der Militärdienst. Danach habe ich an der Kunstschule in Haifa studiert.

Nach Deutschland bin ich eigentlich wegen meiner Frau gegangen. Sie erhielt 2002 ein Stipendium für ihre Promotion in Kulturanthropologie. Damals hatten wir vor, für ein Jahr, vielleicht für zwei, hierzubleiben. Doch dann wurde daraus noch ein Jahr und noch eins. Nach acht Jahren in Israel habe ich schon etwas anderes gefühlt als hier nach acht Jahren. Ich war da irgendwie zu Hause. In Deutschland hat sich dieser Zustand noch nicht eingestellt. Es ist nicht so, dass ich mich hier nicht wohlfühle. Aber es ist ein bisschen anders. Wegen der Geschichte. Weil es Deutschland ist.

Wir wohnten zuerst drei Jahre in Wuppertal. Eine nette Stadt. Ich habe dort viele sehr offene und freundliche Menschen kennengelernt. In Frankfurt am Main auch. Eigentlich habe ich Glück. Ich treffe sehr viele Leute, die ich mag und die mich, hoffe ich, auch mögen. In Frankfurt passiert viel in der Kunstszene. Aber man sieht hier weniger Platz für Experimente als zum Beispiel in Wuppertal. Hier muss es perfekter und gut geschliffen sein, wenn man mit etwas nach draußen geht. Frankfurt ist sehr multikulturell. Ich weiß nicht, ob das politisch korrekt ist, aber in Frankfurt ist es so, dass ein Türke nicht Falafel verkaufen muss, er kann auch Banker sein. Und ein Italiener muss nicht unbedingt eine Pizzeria eröffnen, er kann auch etwas anderes machen. Die Stigmatisierung als Ausländer ist hier geringer. Das mag ich.

Jüdischkeit Religiöses spielt in meinem Alltag keine sehr große Rolle. Aber auf jeden Fall bin ich hier öfter in der Synagoge als in Israel. Die Suche nach Identität ist schon da. Mir ist das Jüdische in Deutschland wichtiger geworden. Ich glaube, das ist so eine Minderheitengeschichte, überall auf der Welt. Meine Frau zündet am Freitag die Kerzen an. Das freut mich, selbst wenn ich mal nicht in Frankfurt bin. Dann weiß ich, jetzt werden die Kerzen angezündet. Dadurch entsteht so ein Gefühl von Zuhause.

Mein Vater lebt heute noch in Sankt Petersburg. Er ist die größte Verbindung in meine alte Heimat. Und dann habe ich da auch noch Freunde. Und ich habe dort bereits ein paar Mal ausgestellt, zum Beispiel im Skulpturenmuseum gemeinsam mit ein paar Künstlern aus Frankfurt und St. Petersburg. Ich bin selten in Russland. Nostalgie und Sehnsucht sind mir fremd. Ich lebe im Jetzt.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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