Porträt der Woche

»Ich hasse das Schreiben«

Interessiert an den Geschichten hinter der Geschichte: Amrai Coen (28) Foto: Gregor Zielke

Porträt der Woche

»Ich hasse das Schreiben«

Amrai Coen ist Reporterin bei der ZEIT und von Gaza bis Guinea unterwegs

von Philipp Peyman Engel  03.02.2015 18:47 Uhr

Ich liebe das Recherchieren, aber ich hasse das Schreiben. Was mir Spaß macht an diesem Beruf, ist das Draußensein, Menschen zu treffen, die spannende Geschichten zu erzählen haben. Egal, ob das vor meiner Haustür in Berlin ist oder in Bhutan.

Es klingt wie ein Klischee, aber das Schreiben empfinde ich als Qual. Ich schaue dann stundenlang das leere Textdokument an. Ich schreibe oft nachts und meistens brauche ich genug Deadline-Druck, damit ich endlich loslege. Aber das Schreiben gehört dazu – und es ist ein sehr befreiendes Gefühl, wenn der Text dann endlich fertig ist.

waffenruhe Oft bringen mich meine Recherchen in Ecken der Welt, die ich als Tourist vermutlich nicht sehen würde. Letzten Sommer beispielsweise war ich mit zwei Kollegen von der ZEIT im Gazastreifen während des Krieges. Es waren 72 Stunden Waffenruhe angekündigt und wir gingen rein, um mit drei Generationen einer Familie über den Konflikt, ihren Alltag und ihre Ängste zu sprechen. Das Gleiche taten wir auch mit einer israelischen Familie.

Es ist wichtig, für eine Recherche vor Ort zu sein. Wie soll man vom Schreibtisch aus begreifen, wie es den Menschen da draußen geht? Die Familie, mit der wir im Gazastreifen sprachen, unterstützte – wie viele andere Familien auch – die Hamas und ihren Terror nicht. Sie wollen dasselbe wie die Israelis: ein Leben in Freiheit und Frieden.

Bei der Einreise hatte ich Sorge, dass die Hamas wegen meines jüdischen Nachnamens Probleme machen könnte. Gut möglich, dass ich während des Krieges die einzige Coen im Gazastreifen war. Es war eigenartig, als die israelische Beamtin am Checkpoint besorgt auf meinen Ausweis schaute und fragte: »Wollen Sie wirklich da rein?«

Recherche In Gaza wartete eine Journalistin auf mich, die uns bei der Recherche half und auch für uns übersetzte. Ohne die ZEIT-Redaktion im Rücken wäre so eine Recherche sicher schwieriger gewesen, wir haben jeden Tag Rücksprache mit unseren Ressortleitern gehalten. Der Gazastreifen lag in Trümmern. Nachts hörte ich Drohnen und Bomben, trotz der Waffenruhe, das war beängstigend.

Ein paar Wochen später reiste ich mit einem Kollegen nach Westafrika. Wir sind dort dem Weg der Ebola-Epidemie gefolgt, von Patient Zero im Regenwald Guineas, bis in die Millionenstadt Freetown in Sierra Leone. Noch nie hat mich eine Recherche so beeindruckt. Diese Krise hat wahre Helden hervorgebracht: Menschen, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um anderen Menschen zu helfen. Ärzte, die weiterhin Ebola-Patienten behandelten, nachdem sie die Krankheit nur knapp überlebt hatten.

Im Hinterkopf war immer die Angst, sich selbst mit dem Virus zu infizieren. Wir waren ja völlig unerfahren, wie man sich in so einem Gebiet verhält. Die eigenen Hände werden plötzlich zum Feind, man darf sich nicht die Haare aus dem Gesicht wischen, nicht an Nase oder Augen kratzen. Wir haben uns 50 Mal am Tag die Hände desinfiziert. Ständig gingen die Gedankenketten im Kopf los: Habe ich nicht doch gerade irgendwas berührt und mir dann versehentlich ins Gesicht gefasst?

Angst Als wir von unserer Reise zurückkehrten, war die Anspannung der Reise noch nicht vorbei. 21 Tage, sagen Mediziner, kann es von der Ansteckung mit Ebola bis zum Ausbruch der Krankheit dauern. Bei einigen Freunden und Kollegen lösten wir Angst aus. Menschen, die an Ebola erkranken, sind erst ansteckend, wenn sich Symptome zeigen. Wir hatten keinen Kontakt zu Kranken oder Toten gehabt, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns angesteckt hatten, war sehr gering. Aber: Es gibt eben kein Nullrisiko, und somit waren wir eine potenzielle Gefahr.

Damit ging jeder anders um. Einige umarmten uns herzlich, andere wichen aus. Auch die Redaktion hatte Bedenken bei unserer Rückkehr. Kollegen stritten darüber, ob wir ins Büro kommen durften oder nicht. Am Ende hieß es, wir seien willkommen. Wir sollten nur: nach der Benutzung die Toilette desinfizieren; nicht den Fahrstuhl und die Kantine betreten; uns niemandem auf mehr als zwei Meter nähern. Ein Nachbar bat darum, dass ich bitte nicht die Türklinke anfassen solle.

Diese Angst der anderen übertrug sich auch auf uns. Wir haben zigmal am Tag unsere Temperatur gemessen und jeder Anflug von Unwohlsein löste Panik aus. Es war eigenartig, aber auch für alle eine völlig fremde, neue Erfahrung. Nach 21 Tagen, als die maximale Inkubationszeit vorbei war, haben wir angestoßen: Prost auf die Gesundheit!

familie Dass ich gerne unterwegs bin, hat sicherlich auch mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin Halbmexikanerin, ging in Hamburg, Australien und eben Mexiko zur Schule. Meine Mutter hat als Ärztin gearbeitet, oft in Krisenländern. In Kalkutta, Osttimor, Kambodscha. Sie nahm mich und meine Geschwister häufig mit auf diese Reisen.

Zu sehen, wie dankbar die Menschen dort waren, dass jemand ihnen half, war toll. Und sicher prägt sie uns bis heute mit ihrer Arbeit und ihrem Leben. Genauso ist es auch mit unserem Vater. Er hat uns großgezogen, war quasi die Hausmutter. Von ihm kommen die jüdischen Wurzeln in unsere Familie. Sein Uropa war Rabbiner in Perugia, Italien. Sein Opa verliebte sich in eine Mexikanerin und ging mit ihr nach Mexiko.

Im Journalismus bin ich eher zufällig gelandet. Nach der Schule wusste ich nicht so richtig, was ich will. Also machte ich eine Weltreise, anderthalb Jahre lang. Das Geld dafür hatte ich mit Putzen und Burger servieren verdient. Als ich zurückkam, fing ich an mit dem Schreiben. Besuchte die Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen und später die Henri-Nannen-Schule in Hamburg.

Nach und nach habe ich gemerkt, dass mir das Schreiben eine Freiheit ermöglicht wie kaum ein anderer Beruf. Mit jeder Geschichte lerne ich dazu, das ist ein großes Privileg. Und dadurch, dass ich mit den Menschen auf meinen Recherchen spreche, dass ich sehe, wie sie leben, wie sie denken, reflektiere ich mein eigenes Leben anders. Es lässt mich begreifen, wie gut es uns hier in Deutschland und Europa geht. Manchmal schäme ich mich dafür, auf dieser »besseren« Seite der Welt geboren zu sein. Vielleicht geht es in meinen Texten deshalb auch oft um Gerechtigkeit, wer benachteiligt ist und wer nicht.

zufälle Ich habe das Gefühl, dass Geschichten von alleine zu mir kommen. Ich suche nicht wirklich nach ihnen, sie sind oft einfach da im Alltag. Manchmal lese ich eine Meldung in der Zeitung und denke dann: Was steckt eigentlich dahinter? So war es bei einem Artikel über einen schwulen Profiboxer.

Manchmal bin ich auf Recherche und stoße währenddessen auf ein weiteres Thema, über das man schreiben könnte. So war es bei einer Geschichte über mexikanische Flüchtlinge in den USA. Und manchmal schreiben Leser Briefe an die Redaktion, in denen sie von Geschehnissen aus ihren Leben erzählen, wie kürzlich bei einer Geschichte über einen Familienmord.

Wie mein Leben in ein paar Jahren aussehen wird? Ich weiß nicht, ob ich für immer Reporterin sein will, immer unterwegs, immer auf der Suche. Im Moment gefällt mir mein Leben so, wie es ist.

Aufgezeichnet von Philipp Peyman Engel.

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