documenta

»Ich glaube, der Schaden ist erheblich«

Daniel Neumann Foto: Gregor Zielke

documenta

»Ich glaube, der Schaden ist erheblich«

Daniel Neumann über die Weltkunstausstellung in Kassel, Vertrauensverlust und klare Grenzen

von Imanuel Marcus  02.03.2023 09:37 Uhr

Herr Neumann, der Titel einer Untersuchung zur documenta von RIAS Hessen lautet »Dunkelrote Linien wurden in Kassel überschritten«. Wie groß ist der Schaden?
Ich glaube, der Schaden ist erheblich. Und der Vertrauensverlust ist massiv. Vor allem für die jüdische Gemeinschaft. Aber auch für den Kunst- und Kulturbetrieb und die Gesellschaft als solche, da sich lange niemand in der Lage sah, das Problem antisemitischer Bilder und Filme ordentlich zu handhaben und damit klare Grenzen zu ziehen.

Sie monieren, alle, die beschwichtigt hätten, bestünden nun auf einer kompromisslosen Aufklärung. An wen denken Sie?
Speziell natürlich an Kulturstaatsministerin Claudia Roth und die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, weil sie in politischer Hinsicht die Hauptverantwortlichen waren. Sie haben viele Warnungen aus der jüdischen Gemeinschaft ungehört verklingen lassen, bevor sie dann schließlich gehandelt haben, weil der öffentliche Druck zu groß wurde. Sie wurden allerdings erst aktiv, nachdem sie begriffen hatten, dass tatsächlich antisemitische Machwerke ausgestellt wurden und dringender Handlungsbedarf bestand, weil ihnen sonst alles um die Ohren geflogen wäre. Dass es noch ignoranter ging, bewies allerdings der Kasseler OB Christian Geselle.

Die documenta unterstütze in keiner Weise Antisemitismus, hieß es damals von den Verantwortlichen. Zugleich vertrete die Ausstellung die Kunstfreiheit, die dann auch dauernd in Rechtfertigungsversuchen auftauchte. Wurde Kunstfreiheit also eine Art Freifahrtschein für die Verbreitung von Judenhass?
Zunächst einmal schätze ich sowohl Meinungsfreiheit als auch die Kunstfreiheit und ich glaube, dass es auch weiterhin gesellschaftliche Diskussionen darum geben muss, was Kunst darf und was nicht. Ich glaube, dass es kein guter Weg ist, die Kunstfreiheit dadurch zu torpedieren, wenn man ihr vorschnell die Verbreitung von Hass unterstellt. Gleichzeitig darf die Kunstfreiheit aber auch nicht als Deckmantel genutzt werden, um Hass zu verbreiten. Die Grenzlinie muss diskutiert und ausgehandelt werden.

Sie haben eine Gleichgültigkeit des »gemeinen Bürgers« beklagt. Der zur Schau gestellte Judenhass wurde in Kassel mit leckeren Drinks heruntergespült und zumeist ignoriert. Welche Schlussfolgerung müssen wir hier ziehen?
Ich fürchte, dass die Gesellschaft beim Thema Judenhass ziemlich desensibilisiert ist. Man nimmt es vielfach nicht wirklich ernst. Manchmal habe ich das Gefühl, man glaubt, dass, wenn keine Fackelträger mit Hakenkreuzfahnen durch die Straßen laufen, alles nicht so wild wäre und kein Handlungsbedarf bestünde. Die Juden würden halt mal wieder übertreiben und wären zu sensibel. Was die Gesellschaft nicht begreift, ist, dass durch ebensolche Vorfälle wie auf der documenta ein Klima und eine Atmosphäre geschaffen werden, die von Antisemiten als Freifahrtschein verstanden werden. Wenn die Gesellschaft so etwas unwidersprochen und gleichgültig durchgehen lässt, dann verschieben sich die Grenzen des Zulässigen Stück für Stück zu ihren Lasten.

Welcher Weg führt hier in die richtige Richtung? Wie sollte die Zukunft der documenta Ihrer Ansicht nach aussehen?
Wichtig ist es, aus den Fehlern zu lernen. Also künftig ordentlich zu kuratieren, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht in die Büsche zu schlagen, wenn es brenzlig wird.

Mit dem Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen sprach Imanuel Marcus.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026