Porträt der Woche

»Ich experimentiere noch«

Alexander Markin ist pensionierter Russischlehrer und liest Kindern Märchen vor

von Matilda Jordanova-Duda  07.01.2010 00:00 Uhr

»Ich bin ein Botschafter der russischen Kultur in Köln«: Alexander Markin (64) Foto: Jörn Neumann

Alexander Markin ist pensionierter Russischlehrer und liest Kindern Märchen vor

von Matilda Jordanova-Duda  07.01.2010 00:00 Uhr

Fast jedes Jahr fahre ich einmal nach Moskau und treffe mich mit meinen ehemaligen Schülern. Das hat schon Tradition. Ich habe gut 30 Jahre lang russische Sprache und Literatur unterrichtet, da kommen eine Menge Ehemaliger zusammen. In Russland sind, anders als in Deutschland, Grund- und Mittelschule bis zur Abschlussklasse 11 in einem Gebäude untergebracht. Das hat den Vorteil, dass wir die Kinder aufwachsen sehen.

Das Spannendste an den jährlichen Treffen ist, die Schüler von damals wiederzusehen. Was für Schicksale! Alle sind gute Menschen geworden. Komisch ist: Sie haben ihre kindlichen Eigenheiten behalten. Die Art, sich zu bewegen, zu blicken, den Kopf zu neigen, alles, absolut alles ist gleich geblieben. Sie erinnern sich ihrerseits an bestimmte Worte oder Phrasen, die ich mal gesagt hätte und inzwischen längst vergessen habe.

Nach Deutschland sind wir, meine Frau, unser Sohn und ich, Ende 1993 gekommen. Mir ist es gelungen, auch Arbeit zu finden, nicht in einer Schule, sondern an der Kölner Uni. Am Slawistik-Institut habe ich 13 Jahre lang Russisch unterrichtet, wenn auch nicht in einer festen Anstellung. Ich mag es zwar mehr, mit Kindern zu arbeiten, aber bei den Studierenden gibt es zumindest keine Probleme mit der Disziplin. Wir haben sogar Senior-Studenten, das sind die fleißigsten. Leider mussten wir vor kurzer Zeit einen unserer Besten betrauern. Das war ein bemerkenswerter Mensch, ein ehemaliger Ingenieur, er hat Russland sehr geliebt und ist viel dahin gereist.

Ich habe viele meiner Studenten dazu gebracht, nach Jasnaja Poljana zu reisen, das Gut, das Lew Tolstoi gehörte. Einer der Nachfahren des Schriftstellers hat es zu einem Museum ausgebaut. Es ist wie eine Zeitinsel des 19. Jahrhunderts. Dort im Dorf grüßt jeder jeden und lädt dazu ein, einzutreten und Pilze oder Tomaten oder Milch zu probieren. Manche meiner Studenten waren so begeistert, dass sie nun jedes Jahr hinfahren und vor Ort einen Sprachkurs belegen.

internetradio Ich unterrichte nicht mehr an der Uni, aber ich treffe mich immer donnerstags mit den älteren Studierenden. Wir reden Russisch, und manchmal möchten sie, dass ich ihnen etwas vorlese. Die meisten interessieren sich für Politik und wollen meine Meinung wissen. Ich habe ihnen gezeigt, wie man im Internet russische Radiosender empfangen kann. Jetzt laufen sie zu Hause so wie ich auch ständig mit Kopfhörern herum, um ihren Familienangehörigen nicht auf die Nerven zu gehen. Man kann verschiedene interessante Programme online hören und was man nicht live erwischt, kann man podcasten. Man findet natürlich auch Zeitungen, Zeitschriften und gute Bücher.

Zu Hause haben wir Satelliten-Fernsehen und gucken russische Kulturkanäle. Es gibt ausgezeichnete Literatursendungen, Theateraufführungen und Konzerte. Zu Diskussionen treffen sich die besten Köpfe Russlands, das Publikum wird einbezogen. Mir hilft das sehr gegen Heimweh. Vor 16 Jahren, als wir nach Deutschland kamen, gab es diese Kommunikationsmittel noch nicht. Wir fühlten uns sehr abgeschnitten. Zunächst wollte ich nicht glauben, dass es Nostalgie überhaupt gibt. Aber dann habe ich es selbst gespürt. Jetzt halte ich dank der neuen Medien die Verbindung und sorge dafür, dass auch andere davon erfahren. Ich bin so etwas wie ein heimlicher Botschafter der russischen Kultur in Köln.

In Deutschland ist das Russische leider aus der Mode gekommen. Zu Gorbatschows Zeiten war das anders. Wir haben Mitte der 90er gerade diesen Übergang von der Liebe zu Gorbatschow zu der Unliebe gegenüber Jelzin mitgekriegt. Dementsprechend änderte sich das Verhältnis zur Sprache. Erst gab es eine Euphorie, das Slawistik-Institut war überlaufen. Sogar am Gymnasium unseres Sohns hier in Köln wurde eine Russisch-AG angeboten. Später schrumpfte das alles immer mehr, einige Slawistik-Institute wurden sogar abgewickelt.

erzählkreis Da mir die Arbeit mit Kindern doch fehlte, habe ich einen Spiele- und Erzählkreis für Sechs- bis Elfjährige in unserem Gemeindezentrum Köln-Chorweiler gegründet. Das Zentrum ist nagelneu, erst vor ein paar Monaten eröffnet. Ich schätze, hier in Chorweiler leben mindestens 1.000 Gemeindemitglieder, die Kinder nicht mitgerechnet. Und wie viele Nichtmitglieder es noch gibt, die auch russsischsprachige Juden sind, vermag ich gar nicht zu sagen. Es ist eine große Diaspora. Es kommen noch nicht alle hierher, aber es werden jeden Monat mehr.

Der Erzählkreis trifft sich mittwochs. Bislang bin ich am Experimentieren, was bei meinen jungen Zuhörern funktioniert und was nicht. Letztes Mal haben wir über Kölner Märchen gesprochen, über die emsigen Heinzelmännchen, denen ein Denkmal in der Nähe des Doms gesetzt wurde. Nächstes Mal will ich klassische russische Volksmärchen vorlesen. Ich bin mir vollkommen sicher, die Kinder kennen sie nicht, weil die Eltern sie ihnen nicht erzählen. Für einige ist dieser Erzählkreis die erste Bekanntschaft mit Russisch als Literatursprache. Sie sprechen zwar Russisch, aber auf einem einfachen Alltagsniveau. Der geschliffene Ausdruck, der reiche Wortschatz – das alles ist ihnen fremd. Uns geht der Lesestoff nicht so schnell aus. Es gibt tausende Märchen aus aller Herren Länder, da freue ich mich schon darauf. Ich kleide mich wie ein Märchenerzähler und bringe mein Zauberhäuschen mit. Drinnen brennt eine Kerze, und aus dem Schornstein steigt Rauch. Dann ziehe ich meine kleine Drehorgel auf. Wenn das Wetter schön ist, wollen wir raus auf die Ritterburg oder ins Schokoladenmuseum oder an irgendeinen anderen interessanten Ort. Oder wir setzen uns mit den Eltern ins Café und essen Kuchen. Die Kinder der Einwanderer unternehmen wenig miteinander, wenn sie aus dem Sandkastenalter raus sind. Die Erwachsenen schon, aber die Kinder nur, wenn ihre Eltern befreundet sind.

Ansonsten helfe ich im Gemeindezentrum hier und da ein bisschen aus. Dienstags nehme ich in der Sozialabteilung die Telefonanrufe entgegen. Es kommen auch Leute hierher, die entweder einen Rat brauchen oder bitten, dass man für sie einen Behördenanruf erledigt. Manchmal begleite ich jemanden zu den Ämtern oder zum Arzt, um zu dolmetschen.

Kinoklub Meiner Frau Lidija gehe ich bei den Vorbereitungen für ihre Filmvorführungen zur Hand. Sie leitet bei uns den Klub »Stars der Kinowelt«. Sie ist seit Kindertagen ein großer Kinofan und hat eine umfangreiche Filmsammlung. Für unser Publikum sucht sie Streifen mit viel Musik, Gefühl, schöner Ausstattung und natürlich mit sehr guten Schauspielern aus, wo es etwas zum Lachen gibt. Die Menschen haben ja kaum mehr Verbindung zur alten Heimat, manche leiden an Heimweh oder gar an Depression. Da wollen wir ihnen gute Laune machen.

Das erste Mal waren etwa 35 Zuschauer da, jetzt kommen regelmäßig um die 50, und wir denken schon daran, die Schiebewand zwischen zwei Räumen zu entfernen, weil der Platz nicht reicht. Für den Kinoklub wurde eine spezielle Vorführtechnik angeschafft, sodass wir alles auf einer großen Leinwand wie im echten Kino zeigen können. Zurzeit wird einmal im Monat ein Film gezeigt, aber die Leute bitten, dass es öfter geschieht. Viele sind früher in der Sowjetunion oft ins Kino gegangen, aber hier macht es kaum einer von den Einwanderern, vor allem wegen der mangelhaften Deutschkenntnisse. Die Kinoklassiker, die wir auf Russisch zeigen, haben viele in der sozialistischen Zeit gar nicht sehen können. Sie sind froh und dankbar, das jetzt nachzuholen.

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